Warum sind die Menschen von der Gefahr durch das nukleare Wettrüsten kaum beunruhigt?

Atomwaffentest im Rahmen der Operation Dominic auf dem Johnston Island 1962. Bild: US-Regierung

Eine Studie sieht bei jungen Amerikanern zwar eine erhöhte Risikowahrnehmung, aber mit dem hohen Medienkonsum auch eine wachsende Apathie oder Fatalität

In den USA gibt es 6185 nukleare Sprengköpfe, 2400 sollen abgebaut werden, 3800 werden zum Einsatz vorgehalten, davon sind, Stand 2019, 1378 verteilt auf strategischen Trägersystemen, 150 befinden sich im Rahmen der nuklearen Teilhabe in Europa, u.a. in Deutschland. Russland besitzt zwar mit 6500 Atomwaffen mehr als die USA und hat mit 1425 nuklearen Sprengköpfen etwas mehr eingesetzt, hat aber weniger strategische Trägersysteme (Langstreckenraketen, U-Boote, Flugzeuge), die mit Atomwaffen ausgerüstet werden können.

Nach dem russisch-amerikanischen Neuen Startabkommen (New START) von 2010, das auch Inspektionen vorsieht, haben Russland und die USA die Anzahl der eingesetzten Sprengköpfe von 2200 auf maximal je 1550 und die Anzahl der Trägersysteme von 1600 auf maximal 800 reduziert. Seit 2019 veröffentlicht das Pentagon nicht mehr die Zahl der gelagerten und demontierten Sprengköpfe.

2021 läuft dieses letzte Abkommen der nuklearen Rüstungsbegrenzung aus. Die Trump-Regierung will auch diesen Vertrag nicht erneuern, während bereits ein Programm zur Modernisierung von Atomwaffen angelaufen ist und neue taktische Sprengköpfe mit einer kleineren Sprengladung produziert und auf Trägersystemen einsatzbereit installiert wurden.

Nach FAS könnte Russland, sollte New START nicht verlängert werden, seine Trägersysteme mit maximal 2441 vorhandenen nuklearen Sprengköpfen ausstatten, während die USA ihre Trägersystemen mit 3280 aufrüsten kann. Die Überlegenheit will die Trump-Regierung durch Aufkündigung wahren und ausbauen, zumal neben Russland vor allem die Atommacht China an das Rüstungsabkommen nicht gebunden wäre und sich einem solchen nicht anschließen wird, was die USA bereits beim inzwischen aufgelösten INF-Abkommen forderte. Allerdings hat China vermutlich maximal 300 nukleare Sprengköpfe, also 20mal weniger als die USA oder Russland. Noch drängt Putin die USA, das Abkommen zu verlängern, die Chancen dürften aber gering sein.

Das bereits 2001 unter George W. Bush mit der Aufkündigung des ABM-Abkommens und dem anschließenden Aufbau des Raketenabwehrsystems an der russischen Grenze einsetzende nukleare Wettrüsten würde sich nach dem Ende von New START noch einmal beschleunigen. Mit Hyperschallraketen, die Raketenabwehrsysteme überwinden können ("Amerika braucht eine 'Tote Hand'" zur nuklearen Abschreckung), oder mit taktischen Atomwaffen, die auch bei nichtnuklearen Konflikten eingesetzt werden sollen (Pentagon: Erste Mini-Nukes sind einsatzbereit auf einem U-Boot, steigt die Gefahr eines atomaren Konflikts. Und mit dem sich nach dem Antiterrorkrieg wieder eskalierenden Konflikt zwischen den atomaren Großmächten wird sie noch akuter.

Wahrnehmung des nuklearen Risikos

Die Amerikaner scheint allerdings das nukleare Wettrüsten nicht sonderlich zu interessieren und zu beunruhigen, wie eine aktuelle Umfrage von Wissenschaftler des Stevens Institute of Technology zeigt. Aber, das ist das Überraschende, sie schätzen das Risiko als relativ hoch ein. Das ist eine seltsame Diskrepanz. Die Wissenschaftler glauben, herausgefunden zu haben, woran das liegen könnte.

Der Kalte Krieg ist noch nicht so lange her, in dem die Doktrin des Gleichgewichts des Schreckens herrschte und vor allem in Europa Angst herrschte, weil hier die beiden Machtblöcke mit ihren Atomwaffen sich gegenüberstanden. Die Amerikaner fühlten sich damals etwas weniger gefährdet, sie waren zwar von Langstreckenraketen erreichbar, aber ausgesetzter sah man sich in Westeuropa, besonders im geteilten Deutschland, und in Russland, was durch die hier stationierten Mittelstreckenraketen Pershing und SS-20 verstärkt wurde und zu den großen Friedensdemonstrationen in Deutschland Anfang der 1980er Jahre führte. Während die älteren Menschen noch die im Kalten Krieg herrschende nukleare Gefahr konkret erlebt haben und in Zivilschutz geschult wurden, können sich jüngere Menschen nur auf das beziehen, was sie aus Erzählungen hören oder in Mediendarstellungen wie Filmen über Atomkriege erfahren.

Die Wissenschaftler führten für ihre Studie, die im International Journal of Communication erschienen ist, zwei Umfragen mit 3500 Amerikanern durch, um zu erkunden, wie das nukleare Risiko wahrgenommen wird, ob man sich auf einen Atomkrieg vorbereitet, ob gegenüber Atomwaffen Apathie herrscht, wie Medien genutzt werden und ob Interesse besteht, politische Entwicklungen zu verfolgen.

Gefragt, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie während ihrer Lebenszeit von einem Atomkrieg betroffen sein könnten, sagten die Amerikaner, dass sie in etwa von einer 50-prozentigen Chance ausgehen. Es kann also genauso gut geschehen, wie es ausbleiben kann. Im Kalten Krieg gingen die Amerikaner bei Umfragen von einer 30-prozentigen Chance, aber auch höchstens von einer 50-prozentigen Chance aus. Es hat sich also kaum etwas verändert. Allerdings ist die Risikoeinschätzung sehr hoch. Normalerweise würden selten auftretende Ereignisse mit einer deutlich niedrigeren Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden.

Aber es gibt Unterschiede: Städter sehen ein höheres Risiko als Landbewohner, auch Frauen schätzen es höher als Männer ein. Je älter die Menschen sind, desto geringer wird das Risiko eingeschätzt. Während 18-Jährige das Risiko bei 50 Prozent sehen, sinkt es für die 43-Jährigen bereits auf 44 Prozent und für die 80-Jährigen auf 33 Prozent.

Führt hoher Medienkonsum zu höherer Risikoeinschätzung und zur Apathie als Folge?

Das führen die Wissenschaftler auch darauf zurück, dass ältere Menschen noch eher die Nachrichten verfolgen und so besser informiert seien, dazu hätten sie den Kalten Krieg erlebt und gesehen, dass das Gleichgewicht des Schreckens stabil ist. Wenn schon so lange nichts passiert ist, so die Haltung, wie die Wissenschaftler vermuten, wird schon auch in Zukunft nichts passieren. Hohe Mediennutzung, ausgeprägter bei den jüngeren Menschen, korreliert hingegen mit einer höheren Risikoeinschätzung.

Dazu kommt, dass stärkere Mediennutzung bei den jüngeren Menschen (18-37 Jahren), nicht bei den älteren, auch mit zunehmender Apathie verbunden ist: "Wenn Menschen einen höheren Fernseh-, Radio-, Zeitungs- und Internetkonsum berichten, wächst die Apathie gegenüber der nuklearen Bedrohung." Mit wachsender Apathie werden auch weniger Informationen über das nukleare Risiko gesucht. Bemerkenswert sei, dass hier Mediennutzung und das Alter einen ähnlichen Effekt haben. Dagegen führt eine stärkere Kenntnisnahme von Nachrichten zu sinkender Apathie.

Insgesamt sagen 52 Prozent, sie würden nicht oder kaum darüber nachdenken, was sie tun sollen, wenn ein Atomangriff geschieht. Dabei ist es egal, ob es sich um eine schmutzige Bombe oder eine normale Atomwaffe handelt. Hier ist es so, dass mit größerer Mediennutzung und größerem Risikobewusstsein auch mehr darüber nachgedacht wird, während Ältere sich immer weniger darum kümmern.

Man hätte natürlich auch fragen können, ob man sich gegen Atomwaffen und für einen Abbau von diesen stärker engagieren würde, wenn das Wissen höher und die Apathie geringer ist, aber das hat offenbar nicht interessiert oder die Wissenschaftler gingen einfach von der unhinterfragbaren Existenz der Atommacht USA aus. Die Wissenschaftler haben ihre Untersuchung, was das erklären könnte, im Rahmen des von der Carnegie Corporation of New York unterstützten Projekts Reinventing Civil Defense ausgeführt. Hier wird nach Kommunikationsmitteln gesucht, um das Interesse der Amerikaner an mit Atomwaffen verbundenen Themen zu erhöhen und vor allem, statt Atomwaffen abzuschaffen, wieder einen Zivilschutz einzuführen, der schon Kindern lehrt, was bei einem Atomangriff zu tun ist, um sich zu schützen.

Wer sich nicht hinter Wänden retten und mehrere Tage in geschlossenen Räumen zurückziehen kann, das weiß man noch von mitunter grotesken Vorschlägen der Zivilschutzbehörden aus dem Kalten Krieg, soll halt hinter einer Aktentasche oder einem Mäuerchen bei einer Explosion Schutz suchen. "Duck and Cover" hieß das in den USA, in Deutschland "Jeder hat eine Chance", wenn man sich auch nur unter einen Tisch flüchtet, die Türen und Kamine verrammelt, den Kopf mit den Armen schützt oder sich flach hinlegt. Propagiert wurden auch Schutzräume oder eigene Bunker mit entsprechenden Vorräten. Die erhöhte Risikowahrnehmung soll sich aber auch politisch auswirken, im Kalten Krieg habe dies zum Atomwaffensperrvertrag oder zum Verbot von Atomwaffentests geführt. Auf jeden Fall soll die "nukleare Angst" oder die Angst vor der Bombe wieder hergestellt werden, da die meisten Amerikaner nicht mehr wissen, dass sie in einer "nuklearen Welt" leben, in der man es sich offenbar einzurichten gilt.

Ein Problem sei, was dann auch die Studie bestätigt, die Mediennutzung, also hoher Medienkonsum, der einerseits die Risikowahrnehmung erhöht, einem Atomangriff ausgesetzt zu werden, aber gleichzeitig die Apathie bei den jüngeren Menschen verstärkt, die mit dem nuklearen Risiko nicht vertraut sind. Die Konsequenz:

Theoretisch kann diese Kombination einen Fatalismus gegenüber nuklearen Themen und dem Überleben bei jungen Amerikanern hervorbringen. Um diese kognitive Dissonanz zu reduzieren, wenig über nukleare Themen zu wissen, aber von Medien über diese und verwandte Probleme beeinflusst zu werden, können junge Amerikaner in die Apathie flüchten, um ihr fehlendes Wissen oder ihre mangelnde Fähigkeit zu legitimieren, darauf zu reagieren.

(Florian Rötzer)