"Wirtschaft braucht gute Unternehmer, aber keine Kapitalisten"

Sie argumentieren, dass der Kapitalismus eigentlich etwas anderes ist, als viele im Alltag annehmen. Er würde eben gerade nicht für das "Glück des Tüchtigen" bürgen, sondern fördere eigentlich nur diejenigen mit großem Besitz. Und Sie erwähnen, wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg selbst die CDU in ihrem damaligen Parteiprogramm davon sprach, dass "das kapitalistische Wirtschaftssystem den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden" sei. In Ihrem Buch unterscheiden Sie nun zwischen Unternehmern und Kapitalisten. Können Sie den Unterschied kurz erläutern?
Sahra Wagenknecht Die Unterscheidung stammt von dem österreichischen Ökonomen Schumpeter, und ich denke, dass sie wichtig ist. Für einen Kapitalisten ist ein Unternehmen nur ein Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung und der Erzielung von Rendite. Wie der alte Adel von den Frondiensten seiner Hintersassen lebt der Kapitalist von den Erträgen seines Vermögens, das er in vielen Fällen schlicht geerbt hat.
Ein Unternehmer ist jemand, der ein Unternehmen aufbaut und führt, mit eigenen Ideen, Power und Kreativität. Jede vernünftige Wirtschaft braucht gute Unternehmer, aber sie braucht keine Kapitalisten. Wenn wir den heutigen Wirtschaftsfeudalismus überwinden, also die leistungslosen Kapitaleinkommen und die Vererbbarkeit der Macht über Unternehmen - darauf laufen die von mir vorgeschlagenen neuen Eigentumsformen hinaus - dann wäre dem Kapitalismus die Grundlage entzogen, aber echte Unternehmer fänden weit bessere Bedingungen vor als heute.
Sahra Wagenknecht. Pressefoto
Sie schreiben, dass der Kapitalismus auch wirtschaftliche Innovationen behindere. Das klingt für Manchen zunächst sicher überraschend. Wie begründen Sie das?
Sahra Wagenknecht Schauen Sie sich doch die Wirtschaft an. Bei der Lösung welcher grundlegenden Frage sind wir in den letzten 30 Jahren wirklich vorangekommen? Unsere Mobilität beruht immer noch auf dem gleichen Verbrennungsmotor, der im 19. Jahrhundert erfunden wurde, obwohl er für das Klima ruinös ist. Eine wirkliche grüne Energiewende ist nach wie vor nicht in Sicht, weil Speichertechnologien fehlen. Statt nachhaltig und ressourcensparend zu wirtschaften, werden viele Produkte extra so konstruiert, dass sie relativ schnell kaputt gehen und dann weggeworfen werden.
Der einzige Bereich, der sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts wirklich rasant entwickelt hat, sind die digitalen Kommunikationstechnologien, die allerdings von ihren Anbietern vor allem zum Ausspionieren unserer Daten und unserer Privatsphäre genutzt werden. Man kann nicht sagen, dass das sinnvolle Entwicklungen sind. Und die lahmende Innovation hat natürlich damit zu tun, dass gerade langfristige Forschung teuer und mit den kurzfristigen Renditevorgaben in vielen Konzernen nicht vereinbar ist. Ich zitiere in meinem Buch einen Ingenieur von Siemens, der klagt, dass eine ökologische und ressourcensparende Innovation, die nicht mindestens 16 Prozent Rendite verspricht, in diesem Konzern schlicht nicht weiter verfolgt wird. Und so wirtschaften viele.
Die größten Einkommen erzielen heute in Deutschland nicht Spitzenmanager, wie etwa die Vorstandschefs von Deutscher Bank oder VW, sondern die weniger im Rampenlicht stehenden Besitzer der großen Vermögen, etwa die BMW-Erbin Susanne Klatten. Deren Einnahmen aus Zinserträgen und Dividenden sind leistungslos, da die zugrundeliegenden Vermögen in der Regel geerbt wurden. In Ihrem Buch sprechen Sie in diesem Zusammenhang immer wieder von "Feudalismus". In die oberste Riege der Gesellschaft gelange so gut wie niemand durch eigene Leistung, sondern nur durch Heirat oder Erbschaft, ganz wie zu Zeiten der Fürsten und Könige. In Regierung und Parlament scheint das aber kaum jemanden ernsthaft zu stören. Warum regen sich da so Wenige auf, wenn doch alle zugleich so stolz auf die bundesdeutsche Demokratie sind?
Sahra Wagenknecht Alle Parteien außer der Linken profitieren auch von Spenden aus diesem "alten Geld". Und sie wissen um seinen Presseeinfluss und seine Kampagnenmacht. Es ist bequemer, sich mit dem Wirtschaftssystem zu arrangieren, als es infrage zu stellen. Zumal bekannt ist, dass es für ausgeschiedene Politiker, die immer brav die Interessen der Wirtschaftsmächtigen vertreten haben, auch schöne Jobs bereit hält, in denen man dann endlich mal so richtig Kohle machen kann. Gerhard Schröder, Joseph Fischer oder auch Friedrich Merz haben vorgeführt, wie das geht.

Wenn der Normalbürger genug verdient, um etwas zu sparen, dann besteht sein Vermögen in der Regel zum größten Teil aus Festgeld oder Immobilien. Anders bei den wirklich Reichen, wie Sie schreiben. Dort, bei den Multimillionären und Milliardären, besteht das Vermögen vor allem aus Aktien und Gesellschafteranteilen. Ihnen gehören also Teile großer Firmen. Aus deren Profit speist sich dann das leistungslose Einkommen der oberen Zehntausend. Sie schreiben, dass die zehn reichsten deutschen Familien im Jahr 2013 zusammen 2,4 Milliarden Euro an Dividenden kassiert haben und dass es "keiner besonders bescheidenen Lebensführung bedarf", um das meiste davon wieder neu mit Profit anzulegen.
An den Ursprung dieser leistungslosen Einkommen, und somit an die Quelle der immer weiter wachsenden Ungleichheit wollen Sie nun heran. Sie schlagen deshalb vor, das Eigentum an Unternehmen neu zu regeln und präsentieren dazu vier Modelle. Können Sie kurz darlegen, was in den neuen Modellen anders wäre, als heute?
Sahra Wagenknecht Ich orientiere mich an dem Beispiel der ältesten Unternehmensträgerstiftung, der Carl-Zeiss-Stiftung, die Ernst Abbe Ende des 19. Jahrhunderts gegründet hat. Er wollte nicht, dass das Unternehmen der "Herrschaft des sich mehrenden Geldes" unterworfen wird, was für ihn bei einer Aktiengesellschaft unausweichlich gewesen wäre. Deshalb hat er die Zeiss-Werke einer Stiftung übertragen. Damit gab es niemanden mehr, der Erträge aus dem Unternehmen herausziehen konnte. Und es gab auch keine externen Eigentümer mehr, die Einfluss auf das Unternehmen ausüben und ihm ihre Renditemaßstäbe aufzwingen konnten.
Ich schlage vor, die Rechtsform der Kapitalgesellschaft durch solche Eigentumsformen zu ersetzen, bei denen Unternehmen faktisch sich selbst und damit der Gesamtheit ihrer Belegschaft gehören. Die Beschäftigten vom Hilfsarbeiter über den Techniker bis zur Unternehmensleitung sind diejenigen, die die Werte im Unternehmen schaffen und daher auch die Kontrollrechte wahrnehmen sollten.
Für Bereiche dagegen, in denen Märkte nicht funktionieren oder ethisch nicht vertretbar sind, schlage ich Gemeinwohlgesellschaften vor. Das sind nicht-kommerzielle Unternehmen, die im öffentlichen Auftrag statt im eigenen Gewinninteresse wirtschaften. Beispielsweise erzeugt die digitale Ökonomie aufgrund des Netzwerkeffekts überall Monopole. Wer keine Datenkraken will, die ihr Geschäft damit machen, alles über uns zu speichern, deren sie habhaft werden können, muss in diesem Bereich öffentliche, nicht-kommerzielle Plattformen schaffen.
Der Gedanke, dass ein Unternehmen "sich selbst" gehört, ist zunächst ungewohnt. Gibt es schon erprobte Beispiele dafür, wie so etwas in der Praxis funktioniert?
Sahra Wagenknecht Wie gesagt, das erste Beispiel ist die Carl-Zeiss-Stiftung, die seit fast 200 Jahren erfolgreich besteht und beispielsweise aufgrund des hohen Anteils thesaurierter Gewinne schon die Weltwirtschaftskrise im 20. Jahrhundert besser überstanden hatte als viele Aktiengesellschaften. Inzwischen gibt es Stiftungen in vielen Unternehmen, allerdings entsprechen nicht alle meinem Modell.
Aber ein aktuelles Beispiel, dass ein solches Stiftungsmodell funktioniert, ist das Unternehmen Saarstahl, das aufgrund der Stiftungs-Konstruktion eine Eigenkapitalquote von über 80 Prozent hat und daher von allen deutschen Stahlunternehmen die besten Voraussetzungen besitzt, die aktuelle Stahlkrise zu überstehen. Das Gegenbeispiel ist ThyssenKrupp, das als Eigentümer Finanzinvestoren im Nacken hat, die jeden Gewinn aus dem Unternehmen herausgezogen haben und das daher für die jetzige Krise besonders schlecht gewappnet ist. Die Leidtragenden werden dort die Beschäftigten sein, während die Investoren, die zuvor fürstlich verdient haben, dann einfach zum nächsten Unternehmen weiterziehen.
Anzeige