Warum steigen die Schmerzen für die wenig gebildeten Schichten in den USA kontinuierlich an?

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Normalerweise verstärken sich Schmerzen mit zunehmendem Alter, nur in den USA berichten die Alten von weniger Schmerzen als die Amerikaner mittleren Alters

Normalerweise geht man davon aus, dass Schmerzen in der Gesamtbevölkerung mit dem Alter zunehmen, weil die Menschen kränker und schwächer werden. Aber in den USA scheint sich die Schmerzempfindlichkeit mit der Verfügbarkeit von Schmerzmitteln, vor allem Opioiden, seit 10 Jahren verstärkt zu haben. Diese kamen in den 1990er Jahren auf den Markt und wurden gerne gegen chronische Schmerzen verschrieben, vermutlich auch auf dem Hintergrund, dass Schmerzen als abstellbares Leiden galten.

In den USA ist der gewohnte Anstieg der Lebenserwartung, die in den USA niedriger als in den meisten anderen westlichen Ländern liegt und langsamer ansteigt, zuletzt zeitweise auch aufgrund der Verbreitung von Schmerzen zurückgegangen, die mit Opioiden wie Fentanyl bekämpft wurden und werden. Deren seit 2013 ansteigender Konsum führte zu einer Epidemie vor der Corona-Epidemie, an der jährlich Zehntausende von Amerikanern durch Überdosierung starben. Ein Rekord wurde 2017 mit über 70.000 Drogentoten, davon 47.000 durch Opioide, erreicht, 2018 waren es über 67.000, davon etwa die Hälfte durch eine Überdosis von künstlichen Opioiden. 2018 starben jeden Tag 128 Amerikaner an einer Opioid-Überdosis.

Schon frühere Studien haben gezeigt, dass Schmerz in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich empfunden wird. So berichten in den USA Menschen mit geringerer Ausbildung von stärkeren Schmerzen als die Menschen mit höherer Schulbildung. Daher ist wenig verwunderlich, dass bei den Todesfällen durch Suizid, Drogenmissbrauch und Alkohol Schmerzen bei den Amerikanern, die keinen Bachelor-Titel haben, eine größere Rolle spielt.

Ausnahme USA

Allgemein aber lässt sich feststellen, dass chronische Schmerzen mit dem Alter in allen Schichten ziemlich kontinuierlich in allen westlichen Staaten zunehmen, aber die USA machen eine Ausnahme. Dort berichten nämlich alte Menschen von weniger Schmerzen als diejenigen im mittleren Alter. Die selbst berichteten Schmerzen steigen bis Ende der 50 Jahre an, um dann wieder abzunehmen, so dass 50-Jährige über eine stärkere Schmerzbelastung berichten als 80-Jährige. In anderen Ländern lässt sich nach dem mittleren Alter keine Abnahme der Schmerzen feststellen, hier gibt es nur um die 60 Jahre herum eine Pause, bis die Schmerzen wieder wachsen.

Diese nationale Eigenheit fand das Interesse von US-Wissenschaftler der Princeton Universität und anderer Universitäten. Sie stießen, wie sie in ihrem Beitrag für Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) schreiben, dabei auch noch auf eine andere Seltsamkeit. Bei den Amerikanern ohne einen Bachelor-Abschluss nahmen nach verschiedenen Erhebungen die Schmerzen in jeder 5-Jahres-Geburtskohorte von den Geburtsjahren 1940 bis 1980 gegenüber der jeweils vorhergehenden zu. Es gibt nur die Ausnahme einer Abnahme zwischen 60-70 Jahren, dann nehmen die Schmerzen wieder zu. Bei den Menschen mit einem Bachelor-Abschluss verläuft die Schmerzzunahme wie in anderen Ländern kontinuierlich mit ansteigendem Alter, aber deutlich weniger stark.

Ein Ergebnis für die USA: "Die heutigen Alten haben während ihres Lebens weniger Schmerzen erfahren als die Menschen im mittleren Alter heute. Wenn sich dieses Muster fortsetzt, werden die durchschnittlichen Morbiditätsraten mit möglicherweise ernsthaften Implikationen für das Gesundheitssystem zunehmen." Die Menschen könnten also mit höheren Schmerzen altern, was eben auch hieße, dass sie kränker sind, selbst wenn die Lebenserwartung (noch) nicht abnimmt.

Verschlechterung der Lebensbedingungen

Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Für die weniger gebildeten Amerikaner weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass parallel zum Anstieg der Schmerzen jüngere Kohorten stärkere soziale Isolation, fragileres Familienleben, Rückgang der Heiraten, Anstieg der Scheidungen, steigende Arbeitslosigkeit und fallende Löhne erfahren haben. Dazu kommen mehr Todesfälle durch Suizid, Drogen, inklusive Opioide, und Alkohol: "Die wachsende Prävelanz für Schmerz ist Teil der Verschlechterung der sozialen und ökonomischen Bedingungen, denen sich weniger gut ausgebildete Amerikaner ausgesetzt sehen." Die Opioid-Epidemie wäre dann Ausdruck dieser schleichenden Verelendung, die mit wachsenden Schmerzen einhergeht, unabhängig davon, ob diese tatsächlich ansteigen oder nur stärker empfunden werden. Möglicherweise steigt die Schmerzempfindlichkeit auch durch die Einnahme von Opioiden. Die werden in Europa stärker kontrolliert als in den USA.

Nicht lösen lässt sich die Möglichkeit, dass die Menschen, vor allem die unterprivilegierten, Schmerzen zunehmend stärker empfinden könnten - vielleicht auch, weil man auch leichte Schmerzen nicht mehr erträgt und als prinzipiell vermeidbar hält. Es könnte auch sein, so die Wissenschaftler, dass die Amerikaner immer dicker werden, was auch stärker die Armen und weniger Gebildeten betrifft, und dadurch die Schmerzen durch zunehmende Komplikationen zunehmen.

Veränderungen der Arbeitswelt werden jedoch ausgeschlossen. Die neuen Jobs könnten zwar weniger Zufriedenheit, Aufstiegschancen und Lohn mit sich bringen, aber kaum mehr körperliche Schmerzen: "Fließbänder oder Kohlebergwerke sind gefährlicher als Callcenter, Fastfood-Restaurant oder Amazon-Lager." Dem könnte man aber entgegnen, dass eine insgesamt in Arbeit und Freizeit abnehmende körperliche Bewegung den Körper nicht nur dicker werden lässt, sondern ihn auch kränker macht, was wiederum zu mehr Schmerzen führen.

Krankenversicherung könnte ein Grund sein

Aber all dies kann nicht wirklich erklären, warum das Altern in den USA anders als in Europa verläuft. Einer Möglichkeit gehen die Wissenschaftler gar nicht nach, die gerade für die ärmeren Schichten in den USA fehlende Krankenversicherung. Viele Amerikaner - fast 30 Millionen - waren trotz Obamacare vor der Corona-Krise nicht versichert und vermieden deswegen Arztbesuche und Krankenhausbehandlungen bzw. schoben sie hinaus. In den USA sind gleichzeitig die Gesundheitskosten besonders hoch. Mit Arbeitslosigkeit ist auch die Krankenversicherung weg. 60 Prozent der Privatinsolvenzen gehen auf unbezahlte und unbezahlbare Krankenhausrechnungen zurück.

Es würde also naheliegen, den verstärkten Anstieg der Schmerzen bei den Amerikanern, die eine geringe Schulbildung haben und deswegen oft nur in prekären Arbeitsverhältnissen stehen, auf das Fehlen einer umfassenden Krankenversicherung zurückzuführen. Es dürfte zumindest zu einem wesentlichen Teil der Preis für den Neoliberalismus sein, der von MAGA-Trump verbissen gegen den "Sozialismus" verteidigt und der von Wissenschaftlern als Angehörigen der Mittelschicht als gegeben betrachtet wird, so dass sie auf das Naheliegende nicht kommen. (Florian Rötzer)