Warum stören Handy-Gespräche die unfreiwillig Mithörenden?

Weil sie zwangsweise die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sagen Psychologen

Wenn Mitmenschen in der Nähe mehr oder wenig laut über das Handy mit einem anderen Menschen plaudern, ist das nach Umfragen für die unfreiwilligen Zuhörer höchst nervend, auch wenn sie selbst ihr Handy in der Öffentlichkeit angeschaltet haben und ein Gespräch annehmen oder selbst jemanden anrufen. Gleichzeitig ist man, wenn man gerade alleine ist und sich nicht selbst unterhält, wie von den bewegten Bildern auf einem TV-Bildschirm unwillkürlich angezogen, das Gespräch mitzuverfolgen, obgleich der Inhalt einen nicht wirklich interessiert und man sowieso nur einen Teil des Gesprächs mitkriegt.

Meist wurde bislang untersucht, wie sich Handy-Kommunikation auf das Fahrverhalten auswirkt. Es gab auch Untersuchungen, die zeigten, dass Fußgänger ebenfalls abgelenkt werden und beispielsweise ihre Umgebung nicht wirklich wahrnahmen. Psychologen der University of San Diego haben sich dieses seltsamen Phänomens, das wohl jeder kennt, angenommen und herauszufinden versucht, warum ein Handy-Gespräch, bei dem man nur die Stimme des im Nahraum Anwesenden hört, störender und ablenkender, also für die Aufmerksamkeit "interessanter" sind, als wenn man zwei Menschen miteinander sprechen hört.

In dem in ihrem Beitrag für PLoS One beschriebenen Experiment ließen die Psychologen ihre Versuchspersonen glauben, sie würden an einer Studie über das Verhältnis von Anagrammen und Leseverständnis teilnehmen. Von den ursprünglich 164 Versuchspersonen wurden die Daten von 15 nicht ausgewertet, weil sie den Zweck des Experiments erraten haben. Während die Versuchsperson eine die Aufmerksamkeit bindende Anagramm-Aufgabe löste (beispielsweise erhielten sie das Wort mit den vertauschten Buchstaben hosue, wobei die Lösung house war), ging der Versuchsleiter aus dem Raum und die Versuchsperson hörte entweder ein sieben Minuten langes, von Mitarbeitern abgelesenes Gespräch zwischen zwei Personen oder ein einseitiges Handy-Gespräch mit drei verschiedenen Themen. Der Versuchsleiter kam dann zurück und ließ dann die Versuchspersonen eine Gedächtnisaufgabe mit Worten aus den zuvor gehörten Gesprächen lösen, um zu sehen, welche Worte und welche Themen im Gedächtnis haften geblieben waren. Zudem sollten die Versuchspersonen einen Fragebogen über den ablenkenden Charakter der Gespräche ausfüllen.

Wenn die Versuchspersonen einem Handy-Gespräch zuhören mussten, bei dem sie nur einen Gesprächspartner hörten, waren sie deutlich abgelenkter als bei einem Gespräch, bei dem sie beide Personen hören konnten. Sie waren auch entsprechender genervter, konnten sich jedoch im Gedächtnistest besser an das Handy-Gespräch und die Worte, die vorkamen, erinnern. Das zeigt, dass die Aufmerksamkeit auf die Handy-Gespräche höher war. Im Hinblick auf die Lösung der Anagramm-Aufgaben unterschieden sich die beiden Gruppen der Versuchspersonen nicht, wobei hier insgesamt die Frauen besser als die Männer abschnitten.

Dass man sich von Handy-Gesprächen gestörter fühlt als von Gesprächen zwischen zwei anwesenden Personen, wird auch durch andere Studien bestätigt. Vermutlich habe dies mit der Auflösung der Unterscheidung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre zu tun, vermuten die Psychologen. Wer solche persönlichen Handy-Gespräche mithören muss, ohne den Raum verlassen zu können, fühle sich genervt und gestresst.

Gleichzeitig scheinen die Handy-Gespräche die Aufmerksamkeit auch mehr anzuziehen, weswegen man sich mehr merkt, obgleich die Versuchspersonen berichteten, sie hätten versucht, diese zu ignorieren. Vermutlich erfordert das unwillkürliche Belauschen der Handy-Konversation mehr Aufmerksamkeitsressourcen, weil man nur einen Teil hört und versucht, den unerwarteten Inhalt des Gesprächs zu verstehen oder den fehlenden Teil zu ergänzen. Die unwillkürliche Ablenkung und Belastung der Kognition durch Telefongespräche habe nicht nur Folgen für öffentliche Räume, sondern auch für Arbeitsumgebungen, sagen die Psychologen. (Florian Rötzer)