Warum überlebten die Skripals den Anschlag mit dem angeblich tödlichsten Nervengift Nowitschok?

Nowitschok an den Türklinken

Angenommen wird, dass die "toxische Substanz" auf der Türklinke des Hauses von Skripal angebracht worden ist. Dort hatte man die höchste Konzentration gefunden. Kurz darauf wurde von britischen Geheimdienstquellen gemeldet, die Russen hätten Nowitschok just an Türklinken getestet.

Warum dann allerdings eine umfassende Dekontamination von Orten notwendig sein soll, an denen sich die Skripals aufgehalten haben, bleibt ebenso dunkel, warum keine weiteren Personen von dem gefährlichen Nervengift betroffen waren, die mit Dingen in Kontakt gekommen waren, die von Skripals berührt worden waren. Es war zwar die Rede, dass 130 Personen in Kontakt gekommen sein könnten, zu Problemen kam es jedenfalls offenbar nicht.

Ungeklärt ist nun etwa, warum das mutmaßliche Nowitschok, das so gefährlich sein soll, nicht im Sinne der Angreifer gewirkt hat, wo es doch angeblich in hoher Reinheit vorlag. Der Öffentlichkeit unbekannt ist auch, in welcher Form die toxische Substanz so auf der Türklinke angebracht worden sein könnte, dass sie dort, gleich ob in flüssiger Form oder als Puder, auch haften bleibt, bis jemand die Türe aufmacht. So wird nun versucht, die Gefährlichkeit von Nowitschok beizubehalten, indem man auf Erklärungen hinweist, warum die Wirkung anders war.

Richard Guthrie, ein Experte für Chemiewaffen, der früher am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) tätig war, führt das etwa auf das Substrat zurück, mit dem das - flüssige? - Gift vermischt wurde und auf die Klinke gebracht worden sein könnte: "Wenn eine Hand diese Türklinke berührt, braucht man ein Material, das an der Hand haften bleibt, ohne auf eine andere Oberfläche zu fallen. Es ist sehr selten, dass ein Gift das selbst macht."

Guthrie sagt der New York Times spekulierend weiter, es werde sich um eine Creme oder eine ölige Substanz handeln, die dann aber verhindert haben könnte, dass genügend Gift in die Haut eindringen konnte, um tödlich zu wirken. Das könnte zwar plausibel klingen, würde aber die Attentäter zu Amateuren machen, während immer gesagt wurde, dass nur Profis das Gift handhaben könnten. Allerdings weist er auch daraufhin, dass noch nicht bekannt gegeben wurde, um welches Nervengift es sich genau handelt.

Ein anderer, nicht weniger spekulativer Erklärungsversuch kommt von Alastair Hay, Professor für Umwelttoxikologie an der University of Leeds. Nach ihm hätte das Nervengift die beiden töten müssen, wenn sie nicht richtig behandelt worden wären. Er habe verlässlich gehört, dass das medizinische Personal die Symptome schnell erkannt und schnell die richtige Behandlung eingeleitet habe.

Womöglich hätten die Angreifer damit gerechnet, dass die Skripals im Haus bewusstlos werden, wo sie niemand gefunden hätte und sie gestorben wären. Dumm auch hier, dass wir nicht wissen, wie die Skripals behandelt wurden. Das scheint auch eine Art Staatsgeheimnis zu sein. (Florian Rötzer)