Warum wählen so viele die CDU?

Trotz 40% in Meinungsumfragen für CDU/CSU: Wahlgewinner 2013 werden erneut die Nichtwähler sein

Die CDU und Kanzlerin Merkel sind zweifellos im Umfragehoch - derzeit würden gut 40% dem Wahlbündnis aus CDU & CSU ihre Stimme geben, deutlich mehr als bei der letzten Bundestagswahl (33,8%). In einem Telepolis-Artikel wurde daher nachgefragt, weshalb dies so sei - weshalb die Bundesbürger ausgerechnet jetzt in Zeiten der Krise so stark wieder zur CDU/CSU drängen: Nachgefragt: Warum wählen so viele die CDU?. Außer Acht gelassen wurde dabei jedoch, dass die 40% schließlich nur ein Teilwert sind - ein Anteil allein von denjenigen, welche auch wirklich wählen gehen würden. Denn der eigentliche Gewinner der kommenden Bundestagswahlen werden erneut die Nichtwähler sein - schließlich vereinigten diese schon bei der vorangegangenen Bundestagswahl 2009 erstmals die meisten "Stimmen" auf sich.

Zur besseren Übersicht der Lage seien nachfolgend erst einmal die vorhergehenden Bundestagswahlen seit der Wiedervereinigung (und damit einer prinzipiell gleichbleibenden Bevölkerungsgröße) auf Basis der offiziellen Endergebnisse der Bundestagswahlen 1994, 1998, 2002, 2005 und 2009 rekapituliert (alle Werte betreffen die Zweitstimmen)1:

Schon bei Ansicht dieser absoluten Zahlen wird klar, dass die CDU/CSU auch bisher schon deutlich an Wählerstimmen verloren hat, trotz zweier zuletzt gewonnener Wahlen. Der Vorteil gegenüber der SPD lag nur darin, dass die SPD einfach noch stärker an Wählerstimmen gegenüber der CDU/CSU verloren hat und die mittleren Parteien Grüne, FDP und Linke entweder reine Mehrheitsbeschaffer oder ausgestoßener Paria (Linke) darstellen, aber keine eigene Kanzleralternative aufbieten können.

Neben den mittleren Parteien, welche trotzdem durch die Bank hinzugewonnen haben, gab es aber vor allem einen großen durchgehenden Gewinner aller letzten Wahlen: Die Nichtwähler haben bei nahezu jeder Wahl hinzugewonnen und würden - als eine "Partei" betrachtet - inzwischen die meisten Stimmen auf sich vereinigen, also den klaren Wahlgewinner stellen (die ungültigen Stimmen wurden hierbei natürlich nicht berücksichtigt):

Diese Aufrechnung der Stimmanteile unter Berücksichtigung der Nichtwähler macht klarer, wo vor allem die großen Parteien in ihrer Wählerzustimmung wirklich stehen: Die CDU/CSU konnte die Bundestagswahl anno 2009 mit offiziell 33,8% aller Stimmen gewinnen, real gaben aber nur 23,8% der wahlberechtigten Bürger der konservativen Wahlkoalition ihre Stimme. Unter diesem Gesichtspunkt müssen auch die aktuellen Umfragewerte von "40% für CDU/CSU" kritisch hinterfragt werden - denn diese bedeuten schließlich nicht, dass wirklich 40% der Bundesbürger hinter der Politik von CDU/CSU stehen, sondern nur, dass 40% der wahrscheinlich zur Wahl gehenden Bundesbürger die Union wählen wollen.

Und dies ist ein großer Unterschied angesichts des immer weiter steigenden Anteils an Nichtwählern, welche rein statistisch gesehen spätestens mit der letzten Bundestagswahl 2009 zur dominierenden Macht herangewachsen sind. Leider existiert diese Zahl nur rein statistisch, muss man hier hinzufügen, denn praktisch verfügen die Nichtwähler natürlich über keinerlei Einfluss oder Stimme, sie sind im politischen System der Bundesrepublik einfach nicht vorgesehen (vor allem nicht so viele Nichtwähler).

Für die Bundestagswahl 2013 ist mit einem weiteren Zuwachs der Nichtwähler zu rechnen. Leider werden die Nichtwähler bei der medialen Verbreitung von Meinungsumfragen gewöhnlich gar nicht mehr extra ausgewiesen (sprich: herausgerechnet), dennoch gibt es hierzu Zahlenmaterial:

Eine klare Tendenz scheint sich hieraus allerdings kaum herauslesen zu lassen - eventuell liegen hierfür aber auch zu wenige Werte aus der Vergangenheit vor. Prinzipiell kann man wohl annehmen, dass die Wahlprognosen mittels Sonntagsfrage grundsätzlich in die richtige Richtung zeigen, wenn es um die Anzahl der zu erwartenden Nichtwähler geht - mit einer Ausnahme: Wenn es letztlich um nichts geht, wie bei der Bundestagswahl 2009, wo ein CDU/CSU-Sieg allgemein anzunehmen war und die SPD vor allem keine ernsthafte Alternative auf die Beine stellen konnte. In diesem Fall täuschen die Werte der Sonntagsfragen ganz offensichtlich über das wahre Ausmaß der Nichtwähler hinweg - anno 2009 waren ca. 20% zu erwarten gewesen, real wurden es nahezu 30%.

Für die kommende Bundestagswahl 2013 ist eine ähnliche Situation zu erwarten, da sich an den politischen Vorzeichen nichts geändert hat - ein zu erwartender CDU/CSU-Sieg bei anhaltender Chancenlosigkeit der SPD. Dabei ist jetzt schon die Anzahl der Nichtwähler in den Sonntagsfragen auf über 30% geklettert - nachdem jener Anteil faktisch jahrzehntelang bei "nur" um die 20% lag!

Hieraus lassen sich zwei Modellrechnungen für die Bundestagswahl auf Basis der derzeit vorliegenden Sonntagsfragen bilden: Zum einen eine Berechnung mit der Anzahl an jetzt schon bekannten Nichtwählern, und zum anderen eine Berechnung unter der (berechtigten) Annahme, dass die Anzahl der Nichtwähler am Wahltag nochmals höher sein wird als jetzt schon bei den Sonntagsfragen. Folgendes wäre dann das prognostizierte Wahlergebnis 2013 - auf Basis der Werte der Sonntagsfrage zum 19. März 2013:

Egal wie man es dreht: Auch bei der Bundestagswahl 2013 wird keine Partei eine reale Zustimmungsquote über alle wahlberechtigten Bundesbürger hinweg von 30% erreichen, während die Gruppe der Nichtwähler erneut der eindeutige "Wahlgewinner" sein wird - im Jahr 2013 wahrscheinlich sogar mit deutlichem Abstand. Bei der Bundestagswahl 2013 dürfte sogar der Zustand eintreten, dass die Gruppe der Nichtwähler erstmals sogar größer sein wird als die beiden üblichen Wahlblöcke "Schwarz/Gelb" (CDU/CSU + FDP) und "Rot/Grün" (SPD + Grüne).

Die Union wird möglicherweise dennoch an absoluten Wählerstimmen gegenüber der vorhergehenden Bundestagswahl 2009 hinzugewinnen. Hierbei wäre jedoch immer einzurechnen, dass seinerzeit die FPD aus wahltaktischen Gründen ungewöhnlich viele Leihstimmen von CDU/CSU-Wählern bekam. Dies könnte natürlich auch im Jahr 2013 erneut passieren. Dass das bürgerliche Lager nicht wirklich besser dasteht, ist mittels der Addition der Stimmen von CDU/CSU und FDP zu erkennen: Zusammengerechnet und unter Berücksichtigung der Nichtwähler erreicht das bürgerlicher Lager derzeit trotz des Stimmungshochs für die CDU/CSU noch nicht den Zustimmungswert der Bundestagswahl 2009. Es mögen also vielleicht (etwas) mehr Bundesbürger die CDU/CSU wählen, aber das bürgerliche Lager wird dennoch erneut wieder Stimmen verlieren.

Ein großer Aufschwung der Union ist damit anhand der aktuellen Umfrageergebnisse mitnichten zu sehen. Die vieldiskutierten "40%" sind eben nur ein Teilwert - nur der Anteil von denjenigen, welche überhaupt noch zur Wahl zu gehen gedenken. Mit einer Zustimmungsquote zur CDU/CSU oder zur Kanzlerin hat dies nichts zu tun. Hier sollte man eher auf die Quote der Nichtwähler schauen, welche schon zum derzeitigen Stand noch lange vor den eigentlichen Wahlen die klar stärkste Gruppierung der Wahlberechtigten darstellt - und vermutlich am Wahlabend noch größer ausfallen wird, als derzeit schon zu sehen.

Sicherlich ist die Eingangsfrage berechtigt, wieso überhaupt noch so viele Bundesbürger die CDU/CSU wählen, aber diese Frage beantwortet sich über die steigende Anzahl der Nichtwähler zumindest teilweise automatisch: Die CDU/CSU gewinnen nur noch die Wahl unter den eigentlichen Wählern - aber schon lange nicht mehr die Wahl unter allen Bundesbürgern.

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