Warum wir dringend mehr Philosophie brauchen

Wie erklärt man das Sehen?

Degner versucht sich aber auch selbst in gewagter Weise als Neurophilosoph: Dort nämlich, wo er das Sehen erklärt. Einmal davon abgesehen, dass hier wohl kaum jemand bestreiten würde, dass Wahrnehmungspsychologie und Neurophysiologie dafür die wichtigsten Disziplinen sind, stellt sich die Frage, wie sich diese Beispiele auf das Verstehen des Denkens übertragen lassen. Darum ging es dem Autor doch gerade. Sehen ist etwas anderes als Denken. Doch die Antwort hierauf bleibt er schuldig.

Stattdessen handelt er sich Probleme ein, wo er beispielsweise behauptet, wir Menschen sähen mit den Augen und hörten mit den Ohren. Man kann wohl mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es sich hier um einen mereologischen Fehlschluss handelt, also um einen Teil-Ganzes-Fehlschluss. Das Sehen ist eine Leistung des ganzen Wahrnehmungsapparats, wenn nicht gar des ganzen Menschen, und nicht nur des Auges. Das Auge selbst "sieht" gar nichts, sondern registriert Lichtreize. Dabei muss man berücksichtigen, dass "registrieren" im vorherigen Satz eine Metapher ist.

Zum Glück haben Wissenschaftler aber das Auge und andere Teile des Wahrnehmungsapparats so gut verstanden, dass wir die Metapher ziemlich gut einlösen können: Bestimmte Lichtreize führen zu bestimmten elektrischen Reizen der Sehsinneszellen, also in Stäbchen, Zäpfchen und ein paar Ganglienzellen.

Dass aber beispielsweise das Farbensehen keine Eigenleistung des Auges und seiner Sinneszellen ist, wissen wir schon deshalb, weil die wahrgenommene Farbe auch von den Farben der Umgebung abhängt und nicht nur von der Wellenlänge des Lichts. Hier kommt es auf höherer Ebene des Gehirns zu einer Integrationsleistung. Wer das noch nicht kennt, der möge selbst im Internet nach Wahrnehmungstäuschungen des Farbensehens suchen. Zwölf faszinierende Beispiele gibt es hier.

Ein noch deutlicheres Beispiel sind sogenannte bistabile Reize: Zeigt man einer Versuchsperson etwa auf dem einen Auge eine rote, auf dem anderen aber eine blaue, sich drehende Scheibe, dann sieht die Person - nach Lehrbuch - immer nur abwechselnd entweder die rote oder die blaue Scheibe. Mir persönlich fällt auch ein diffuser Zwischenzustand auf, doch darum geht es hier nicht. Vielmehr zeigt es, dass obwohl die Augen permanent im degenschen (also falschen) Sinne dasselbe "sehen", die Person abwechselnd mal das Eine, mal das Andere sieht.

Den argumentatorischen Ast, auf dem er sitzt, sägt Winfried Degen aber nur einige Zeilen später selbst ab, wo er schreibt: "Sehen heißt die Sinnesdaten, die Impulse aus der Netzhaut interpretieren. Und diese Interpretation hängt selbstverständlich von Deiner Erfahrung und Deinen Kenntnissen ab." Wie bitte, das Auge, von dem es gerade noch hieß, dass es sieht, interpretiert nun auf einmal auch, es hat Erfahrungen und Kenntnisse? Nein, nein und nochmals nein.

Neurophilosophische Fehlschlüsse

Ähnlich schief geht die Empfehlung, die Bedeutung von Aussagen wie "Der Ball ist rund" durch Untersuchungen im Hirnscanner zu erfassen. Der Autor selbst räumt ein, dass jeder Mensch (und jedes Tier, das hierzu in der Lage ist, wie etwa sein Hund) wahrscheinlich andere Erfahrungen von Bällen hat. Das wirft die Frage auf, was uns die Untersuchungen unterschiedlicher Repräsentationen von Bällen in den Gehirnen unterschiedlicher Versuchspersonen über das Wesen von Bällen zeigen soll. Und welche Versuchspersonen repräsentieren einen "Ball an sich", welche haben ein falsches Ballkonzept? Sind das etwa keine wissenschaftstheoretisch-philosophische Fragen, die der Forschung nutzen?

So ähnlich, wie Degen es vorschlägt, hat das übrigens der renommierte Hirnforscher Semir Zeki vom University College London für das Wesen des Schönen versucht. Ein Unterfangen, das, nebenbei erwähnt, der Autor selbst für ausgeschlossen hält: "…was wir als schön empfinden - darüber wird in der Wissenschaft nicht gesprochen." Zeki redet in diesem TEDx-Vortrag über die Neurowissenschaft des Schönen ganze dreizehn Minuten über nichts anderes. Und das ist nicht nur Hobby eines älteren Herrn, sondern basiert auf Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften.

Die Arbeitsweise dieser Forschung ist aber gerade keine Glanzleistung der Hirnforschung, was meine Psychologiestudierenden im dritten Studienjahr in aller Regel schon ganz gut selbst feststellen können. Wo Degen aber empfiehlt, ein Philosoph, der das Denken erklären will, solle auch ein paar Psychologiekurse besuchen, da kann ich ihm nur zustimmen. Die kann sein Familienangehöriger, der junge S., gerne auch beim nicht mehr ganz so jungen S. belegen, nämlich bei mir. Das geht bis auf Weiteres aber nur in der Stadt G. und nicht in B.

Ich will zum Schluss kommen und muss auch noch das Versprechen des Titels einlösen, warum Philosophie meiner Meinung nach dringender nötig ist denn je. Ich hoffe, dass bis hierhin klar geworden ist, dass Philosophie eine Schulung des kritischen Denkens ist, mit der man die Bedeutung von Wörtern und Aussagen hinterfragen kann; mit der man die Gültigkeit von Argumenten überprüfen kann; dass sie Orientierungswissen geben kann; dass sie uns etwas über die Möglichkeit und Bedingtheit wissenschaftlicher Forschung lehren kann.