Warum wir eine Debatte über unabhängige Medien brauchen

Antworten auf Leserkommentare zum Telepolis-Artikel "Im Kriegsjournalismus", den medialen Mainstream und nonkonformen Journalismus

Ein Artikel über einen Mehrfachaustritt aus dem Redaktionsbeirat das Online-Magazins Rubikon hatte in dieser Woche eine angeregte Debatte im Telepolis-Leserforum zur Folge. Die knapp 400 Kommentaren teilten sich rasch in zwei Lager auf: diejenigen, die der im Text geschilderten Kritik beipflichteten, und andere, die den Beitrag teils heftig kritisierten.

Medienkritik war von jeher ein wichtiges Thema für Telepolis. Wir führen die Diskussion daher hier mit Antworten auf ausgewählte Kommentare fort.

Ich hätte noch einen Vorschlag: Erwähnte Massenmails veröffentlichen -> Leak. Glenn Greenwald hat das mit dem Intercept auch getan als sie ihm an den Karren fahren wollten als er ausstieg. Hier sind es nicht einmal wie bei Greenwald Emails zwischen 1-2 Personen, wo sie einem der zwei Gründer und der mit Abstand bekanntesten Person des Projekts den Mund verbieten wollten vor der US-Wahl. Bei Gruppen ist es ganz normal, dass es irgendwelche Leaks gibt. Wir leben im digitalen Zeitalter.

Dann kann sich jeder selbst ein Bild machen. Transparenz nennt sich das.

kenny

Grundsätzlich wahren wir den Quellenschutz. Es geht bei dem hier kommentierten Beitrag zudem nicht darum, jemanden "an den Karren zu fahren".

Dabei müssen zwei Ebenen auseinandergehalten werden: Erstens haben Mitglieder des Redaktionsbeirates von Rubikon entschieden, aus dem Gremium auszuscheiden. Dies und der Bekanntheitsgrad der vier Personen hat Telepolis bewogen, über den Vorgang zu berichten und die Hintergründe zu recherchieren. Wir haben dem Thema aus den oben genannten Gründen einen hinreichenden Nachrichtenwert beigemessen.

Die Publikation interner E-Mails würde keinen journalistischen Mehrwert darstellen und Persönlichkeitsrechte unnötig gefährden. Telepolis ist auch keine Enthüllungsplattform. Wir sehen daher von der vorgeschlagenen Veröffentlichung des Materials ab.

Zu den ehemaligen Beiratsmitgliedern heißt es im Text:

Spricht man über all dies mit ehemaligen Autoren und Unterstützern des alternativen Medienprojektes, ist deren Bedauern so offensichtlich wie die Intention, sich im Guten zu trennen. Daniela Dahn etwa mochte der kollektiven Erklärung der ehemaligen Beiräte nichts mehr hinzufügen, auch Jean Ziegler bat auf Telepolis-Nachfrage nicht weiter zitiert zu werden.

Warum auf TP diese Internetseite behandelt wird, welche Gründe dahinter stecken, wird leider nicht so klar. Ist es ein Konkurrent, ist es einfach ein Lückenfüllerartikel, hat das jemand noch eine Rechnung offen? Oder geht es einfach darum, mal wieder gegen jene "alternativen" Medien etwas in die Welt zu setzen?

manhu

Anlass des Textes war der Austritt von vier Persönlichkeiten aus dem Redaktionsbeirat von Rubikon. Es handelte sich um die Publizistin Daniela Dahn, den Psychologen Rainer Mausfeld, den Politologen und Soziologen Hans See und den ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung, Jean Ziegler.

Telepolis hatte die Erklärung dieser vier Personen per E-Mail erreicht. Unsere Redaktion hat dem Vorgang hinreichenden Nachrichtenwert beigemessen, um darüber zu berichten. Wir haben im Rahmen der folgenden Recherche die Authentizität der Austrittserklärung verifiziert und mit den Akteuren sowie weiteren Personen aus dem Umkreis von Rubikon gesprochen.

Wichtig war uns, auch den Kollegen Wernicke zu Wort kommen zu lassen.

Dass sich TP recht deutlich regierungs-konform positioniert hat, ist schon traurig genug. Jetzt auch noch echte alternative Medien wegbeißen zu wollen, ist mehr als unappetitlich.

Über den Stil von Rubikon kann man trefflich streiten. Tut man das wieder mal nur, um sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzen zu müssen, ist das erbärmlich.

Veto

Ein wichtiger Einwurf, weil er ein zentrales Missverständnis anspricht: die politische Positionierung von Medien. Redaktionen sind keine politischen Gremien. Natürlich geht es in gutem Journalismus – der vierten Macht – darum, Missstände aufzudecken und grundsätzlich eine machtkritische Position einzunehmen.

Problematisiert wird daher wiederholt, dass in großen Medienkonzernen und vor allem öffentlich-rechtlichen Medien Parteien mitunter einen großen Einfluss haben und ass dort politische Interessen, auch über die Personalpolitik, stark wirken.

Regierungskritik ist aber kein Selbstzweck. Telepolis kritisiert, wenn es etwas zu kritisieren gibt, zuletzt etwa beim Medienstaatsvertrag, den Corona-Maßnahmen, staatlicher Überwachung oder Sicherheitspolitik.

Dass Vorwürfe gegen Rubikon ausgerechnet von Telepolis vorgetragen werden, dass nur noch ein Schatten seiner selbst ist, in dem jedes coronakritische Wort gelöscht oder auf die "Trollwiese" verschoben wird, in der täglich gefühlte 50 Prozent der Beiträge Klimapredigten sind und die wenigen kritischen Köpfe an Forenten sich in einem Teich mit teilweise bösartigen Propagandatrollen herumschlagen müssen, dass ausgerechnet Telepolis dem Rubikon hier eine reinwürgt, das ist nichts weniger als tragisch.

hgeiss

Das Leserforum bei Telepolis (und Heise) ist und bleibt ein Charakteristikum und ist in dieser Art einzigartig in der deutschen Medienlandschaft. Natürlich sind aber auch wir – und dies mit einem enormen Aufwand hinter den Kulissen – gezwungen, justiziable Inhalte wie Aufrufe zu Gewalt oder Beleidigungen zu sperren. Unsere Moderation, mit der sich Telepolis zuletzt in einem engen Austausch befindet, ist dennoch bemüht, einen möglichst offenen Austausch, themennahe und sachliche Debatte zu gewährleisten.

Klima- und Umweltpolitik wird eine wichtige Rolle bei Telepolis spielen, weil diese Themen unmittelbar die Zukunft und den Zustand unserer Gesellschaften betreffen. Dass die Hälfte der redaktionellen Beiträge aus „Klimapredigten“ bestehen, scheint qualitativ und quantitativ, wie der Leser auch schreibt, ein subjektiver Eindruck zu sein.

Zu der Bewertung des hier zugrundeliegenden Textes als „vor den Karren fahren“ oder „reinwürgen“ gehen die o.g. Kommentare schon ein.

Und ob Rubikon im Modus des Kriegsjournalismus sich befindet, ist eine steile These, wenn man sie nur darauf stützt, dass der Herausgeber seine Linie durchsetzt. Es stellt sich mir sogar die Frage, ob Telepolis sich mit einem solchen Artikel nicht im Kriegsmodus gegen Rubikon befindet....

Gottfried Scherer

Die Überschrift stützt sich auf Duktus und Terminologie in E-Mails des Herausgebers, die für den Artikel ausgewertet wurden. Auch liegen dem Text eine Reihe Hintergrundgespräche zugrunde. Im Beitrag heißt es dazu:

Glaubt man ehemaligen festen und freien Mitarbeitern und liest man die nach Phasen der Funkstille immer wieder massenhaft eintrudelnden E-Mails von Herausgeber Jens Wernicke, wird man den Eindruck nicht los, dass sich die Rubikon-Leitung umzingelt sieht. Von "Zensur" ist da die Rede, von "Manipulation", "schrecklichem Sterben", "politischen Erdbeben", "Bürgerkrieg", "Diktatur", "Überwachung", "globaler Neuordnung" und "Revolution".

Nicht, daß plötzlich ein kritisches, unabhängiges Medium auf die Idee kommt, mal Heise/TP etwas genauer zu analysieren.

Könnte wetten, daß ein Konter auf diesen unverschämten Artikel nicht lange auf sich warten lässt.

1158-22

Es tut uns leid, dass der Beitrag Im Kriegsjournalismus vom Leser als „unverschämt“ wahrgenommen wurde. Sachliche und konstruktive Kritik an Telepolis wünschen wir uns ausdrücklich, sie ist auch Gegenstand unseres Dialogs mit Leserinnen und Lesern.

Danke nochmal, ein wie ich finde mutiger Beitrag. Dass Mausfeld, Dahn, See und Ziegler da raus sind, wusste ich noch gar nicht.

Ich habe die zweifelhafte Ehre, ganz zu Anfang für ein paar Stunden Rubikon-Autor gewesen zu sein. Man bat mich um Überarbeitung meines Beitrags und depublizierte mich erstmal ohne Ankündigung ... Da war der Rubikon überschritten und ich zog daraufhin Beitrag samt Autorenprofil komplett zurück ... wen's interessiert, hier lang Das fehlende Forum spricht Bände, wie schon Gaby Weber bemerkte ...

Nick Haflinger aka Joachim Paul

Weil die Austrittserklärung der vier genannten Personen bislang lediglich auf privaten Blogs veröffentlicht wurde, wurde sie mit unserem Beitrag einem breiteren Publikum zur Diskussion gestellt.

Wir sehen die Berichterstattung als Teil eines kollegialen Austauschs, in dessen Rahmen immer auch auf tatsächliche oder mutmaßliche Fehlentwicklungen hingewiesen werden sollte. Deswegen haben wir in der Vergangenheit auch kritische Einwürfe von Rubikon zu unserer Arbeit zur Kenntnis genommen. Die Einschätzung etwa, dass unsere Berichterstattung über die Corona-Pandemie „ohnehin dem Prinzip eines durchwachsenen Stücks Speck entspricht“. In seinem Kommentar ging der Rubikon-Autor mit Telepolis hart ins Gericht:

Telepolis wird zu Fragen der Pandemie und anderen Themen weiterhin ein breites Meinungsspektrum abbilden. Wenn andere Redaktionen, wie im Zitat angedeutet, die Meinungsbreite einschränken und eine bestimmte Position einnehmen wollen, ist das deren legitime Entscheidung. Beides muss diskutiert werden können.

An anderer Stelle übte ein Rubikon-Autor nicht minder harsche Kritik, sie bezog sich auf Berichte über Demonstrationen von Maßnahmenkritikern im August vergangenen Jahres:

Besonders ärgerlich finde ich, dass vermeintlich alternative Medien wie das Online-Magazin Telepolis sich fortgesetzt an der Diffamierung beteiligen, so Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer am 7. August wieder. Einen Beitrag zum Thema, wie viele am 1. August in Berlin demonstrierten und wie groß eine "kritische Masse an Systemverweigerern" sein könnte, bebilderte er mit einem entsprechenden Foto: Das zeigt ausgerechnet die wenigen Rechten und Rechtsextremen mit "Reichsbürger"-Fahnen im Demonstrationszug aus vielen tausenden Menschen.

Auch dieser Kommentar und die Einschätzung sind legitim. Telepolis teilt sie schlichtweg nicht und ist zu einer kritischeren Bewertung der Präsenz von Rechtsextremen bei den Protesten gelangt.

Danke, Herr Neuber. Für diesen sachlichen Artikel. Viele Köche können den Brei verderben, je mehr Köche, umso wahrscheinlicher. Gibt es innerhalb der Rubikon-Reda keine Diskussionskultur? So richtig wurde das nicht deutlich, ist aber möglich. Das Gaby Weber schon sehr früh abgesprungen ist, war mir neu. Ist aber ein Zeichen. Trotzdem gibt es auf Rubikon weiterhin gute Artikel, die zum Nachdenken anregen. Das war auf TP auch mal so, ist aber gegen früher leider seltener geworden. Eine Trennung zwischen GF und Reda ist begrüssenswert. Aber die GF muss aber auch den Laden zusammenhalten. Eine Gratwanderung. Und Eines steht fest, mann kann niemals es Allen zu jeder Zeit recht machen. Hier ist konstruktive und kooperative Diskussion gefragt.

alterweissermann

Wir teilen diese Einschätzung weitgehend. Auch kritisch bewertete Medien sollten weiter Teil des Diskurses sein und gelesen werden. Boykottaufrufe jedweder Seite sind nicht hilfreich. Wenn Artikel zum Nachdenken anregen, haben sie ihr Ziel ja erfüllt.

Die Anmerkung zu Telepolis in diesem Kommentar haben wir mit Interesse gelesen. Natürlich wollen wir gerne wissen, woran es auszumachen ist, dass "gute Artikel, die zum Nachdenken anregen" bei Telepolis mutmaßlich seltener vorkommen.

Ein Dank an B-sharp für seinen gestrigen Hinweis auf Florian Kirners Text vom 7. April letzten (!) Jahres auf dem portal Freiheitsliebe. Ich zitiere daraus den letzten Absatz , der es in der Tat (immer noch) in sich hat:

"Was aber wenn Wodarg irrt?

Dann steht der alternative Mainstream ziemlich blöd da, seine journalistische Glaubwürdigkeit wird vernichtet sein - und das wäre dann das geringste Problem gewesen. Wenn Wodarg und Co. nämlich irren und Covid-19 sich tatsächlich als weitaus gefährlicher als "eine normale Grippe" herausstellt, wenn Corona kein Fake und keine Hoax ist, sondern eine echte, globale, gesundheitliche Bedrohung - dann werden alle diese Medien, auch mein einst geliebter Rubikon, eine nicht mehr reinzuwaschende Schuld auf sich geladen haben. Und ich zumindest begehre, dazu nicht geschwiegen zu haben."

Little Louis

Die Bewertung des Autors und Sängers Florian Kirner findet sich zum weiterlesen hier. Telepolis-Autor Wolf Wetzel hat seine Position nach unserem Beitrag hier noch einmal erläutert. (Harald Neuber)