Warum wurde kein Versuch gemacht, die nordkoreanische Rakete abzuschießen?

Abschuss der Mittelstreckenrakete. Bild: Rodong Singmun

Erstmals ließ Nordkorea eine Mittelstreckenrakete über Nordjapan fliegen

Gerade hatte man meinen können, dass Nordkorea aus der Eskalationsspirale austritt oder wenigstens einmal pausiert, als Kim Jong-un erklärte, vorerst nicht den Plan umzusetzen, Mittelstreckenraketen über Japan fliegen und kurz vor Guam, wo die USA einen großen Stützpunkt haben, ins Meer stürzen zu lassen. Die Erklärung kam nach den üblichen Drohungen von Donald Trump und der Umsetzung der Sanktionen durch China.

Am Dienstag kam aber dann die nächste Provokation oder Warnung, als eine nordkoreanische Mittelstreckenrakete abgeschossen wurde, die erstmals Nordjapan überflog und nach 2700 km ins Meer stürzte, also deutlich machte, dass Japan im Falle eine Konflikts von nordkoreanischen Raketen erreicht werden kann.

Kim Jong-un machte denn auch deutlich, wie das gemeint war, als er erklärte: "Der Abschuss der Rakete, der einer wirklichen Kriegsführung ähnelt, ist der erste Schritt unserer Militäroperationen im Pazifik und ein wichtiges Vorspiel, um das US-Gebiet auf Guam zu prüfen." Man müsse solche Tests Richtung Pazifik machen, um die strategischen Waffen praxisnäher zu entwickeln. Man habe den Raketenstart auch deshalb am 29. August durchgeführt, um auf den vor 107 Jahren Korea von Japan aufgedrückten Annexionsvertrag hinzuweisen. Es sei damit von keinem Staat die Sicherheit beeinträchtigt worden. Korea wurde bis 1945 von Japan beherrscht. Und der Test ist auch eine Reaktion auf die amerikanisch-südkoreanischen Militärübung Ulchi Freedom Guardian (UFG), die Nordkorea als Bedrohung und Provokation sieht.

Zuvor hatte sich Kim Jong-un bereits in einer Fabrik gezeigt, die Raketentriebwerke herstellt. Die veröffentlichten Fotografien sollen demonstrieren, dass Nordkorea Fortschritte beim Material gemacht hat, so dass das Gewicht der Raketen deutlich reduziert werden und sie damit weiter fliegen oder mehr Last transportieren könnten. Und der Antrieb weist darauf hin, dass Festbrennstoff verwendet werden kann. Damit können Raketen auf Lastwagen transportiert und innerhalb von Minuten abgefeuert werden, was es dem Gegner schwerer macht, den Start zu antizipieren und präventiv eingreifen zu können. Flüssigbrennstoff-Raketen müssen aufwendig vor dem Start betankt werden, was mehr als eine Stunde benötigt und dem Gegner ein Zeitfenster bietet, sie noch vor und kurz nach dem Start abzuschießen.

Einstimmig verurteile der UN-Sicherheitsrat erneut den Start der Mittelstreckenrakete. Das sei nicht nur eine Gefährdung der Regionalstaaten, sondern auch aller UN-Mitgliedsstaaten. Nordkorea wird wieder einmal aufgefordert, die Provokationen und weitere Raketenstarts und Atomwaffentests zu beenden. Nordkorea versuche mit dem Raketenflug über Japan absichtlich die Stabilität der Region zu untergraben.

Schon ein Ritual: Kim Jong-un freut sich im Kreis seiner Militärs über den gelungenen Abschuss. Bild: Rodong Sinmun

Angst vor dem Scheitern?

Gerätselt wird nun, warum weder Japan noch die USA die nordkoreanische Rakete abgeschossen haben. Die USA haben das landgestützte THAAD-Raketenabwehrsystem in Südkorea und bis zu 16 Kriegsschiffe mit dem Aegis-System mit SM-3-Raketen vor Ort. Auch japanische und südkoreanische Kriegsschiffe sind damit ausgestattet und mit der US-Flotte verbunden. Japan besitzt überdies Patriot-Raketenabwehrsysteme.

Dass die Rakete ohne jeden Versuch, sie abzuschießen, über Japan fliegen konnte, lässt Drohungen von Donald Trump oder Verteidigungsminister Jim Mattis unglaubwürdig werden, Raketen abzuschießen, wenn sie Richtung Guam fliegen. Zwar drohte Trump wieder einmal damit, dass alle Optionen auf dem Tisch lägen, aber das waren sie schon immer, auch bei seinen Vorgängern.

Das Pacific Command in Honolulu erklärte lapidar, NORAD habe erkannt, dass "der Raketenabschuss von Nordkorea keine Gefahr für Nordamerika darstellte". Verwiesen wird auf die vielen Raketenabwehrsysteme in der Region, alle amerikanischer Herkunft. Die nordkoreanischen Provokationen, so heißt es auch, würden die Notwendigkeit für die USA und Japan unterstreichen, zu jeder Zeit bereit zu sein, die Raketenabwehr einzusetzen.

Die amerikanischen Raketenabwehrsysteme konnten in Tests teilweise zeigen, dass sie in der Lage sind, Mittelstreckenraketen abzuschießen. Das Aegis-System mit den SM-3-Abfangraketen schneidet damit besser ab. Aber es gab auch immer Pannen und keine Tests unter realistischen Bedingungen. In diesem Jahr führte die US-Navy zwei Tests durch, davon misslang einer im Juni. Gut möglich also, dass man ein Scheitern um jeden Preis vermeiden wollte, schließlich bemühen sich die USA, die Region, aber auch die Nato unter ihren Raketenabwehrschirm zu bringen und damit ihren Einfluss auf sie zu stärken. Das würde natürlich gefährdet, wenn Japan oder Südkorea merken, dass das amerikanische Raketenabwehrsystem sie nur bedingt schützen kann. Die Zurückhaltung könnte auch dadurch bedingt sein, durch einen Abschuss keinen Kriegsgrund zu liefern.

Update 17:58: Womöglich auch, um Bedenken über die Raketenabwehr zu zerstreuen, hat das Pentagon gestern einen angeblich erfolgreichen Test durchgeführt. Vom Zerstörer John Paul Jones wurde eine SM-6-Abfangrakete abgeschossen, die eine vom US-Stützpunkt in Kauai, Hawaii, gestartete Mittelstreckenrakete traf.

(Florian Rötzer)