Warum zahlen Schweizer oft deutlich weniger für ihre Krankenversicherung als Deutsche?

In der Schweiz gibt es jedes Jahr fast 100.000 Wintersportunfälle. Symbolbild: Hans Martin Paul: Lizenz: CC0

In der Eidgenossenschaft müssen private Krankenversicherer alle Versicherungswilligen zum gleichen Preis annehmen

Seit der großen Krankenversicherungsreform von 1996 herrscht in der Schweiz für alle Einwohner eine Krankenversicherungspflicht - und für alle Krankenversicherer ein Kontraktionszwang. Dieser Kontraktionszwang bedeutet, dass sie alle Versicherungswilligen, die in den Kantonen leben, in denen sie tätig sind, versichern müssen. Anders als bei den privaten Krankenversicherungen in Deutschland sind sie darüber hinaus verpflichtet, diese Versicherung ohne Rücksicht auf Alter, Gesundheit oder Geschlecht zu einem einheitlichen Preis anzubieten.

Anzeige

Diese vom schweizerischen Bundesamt für Gesundheit (BAG) genehmigten Preise sind unabhängig vom Einkommen, liegen aber häufig deutlich unterhalb der Summen, die privat und gesetzlich Versicherte monatlich in Deutschland aufbringen müssen. Durchschnittlich zahlt ein Schweizer mit etwa 400 Franken umgerechnet knappe 350 Euro - wobei die Beiträge zwischen gut 300 Franken (etwa 260 Euro) in Appenzell und mehr als 500 Franken (430 Euro) in Basel variieren.

Ohne den Arbeitgeberanteil (den es in der Schweiz nicht gibt) zahlt ein Selbständiger in Deutschland in einer gesetzlichen Krankenkasse leicht mehr als 800 Euro Kranken- und Pflegekassenbeitrag. Der Basistarif, den private Krankenversicherungen ohne Rücksicht auf Alter und Gesundheit anbieten müssen, liegt mit 690,31 Euro Kranken- und 169,26 Euro Pflegeversicherung sogar noch höher.

Hinzu kommt, dass die Kantone insgesamt etwa dreieinhalb Milliarden Franken an Zuschüssen für Menschen mit geringen Einkommen zahlen. Ziel der von Kanton zu Kanton recht unterschiedlichen Zuschussmodelle ist, dass niemand über acht Prozent seines Einkommens für die Krankenversicherung aufwenden muss.

Dass die Höchstbeiträge der gesetzlichen Kassen die schweizerischen Kopfpauschalen übersteigen, lässt sich dadurch erklären, dass die Quersubventionierung von Geringverdienern dort über die Kantone erfolgt. Das erklärt aber nicht, warum der Basisbeitrag zur privaten Krankenversicherung in Deutschland sogar noch höher ist. Ein Grund dafür liegt in der obligatorischen Selbstbeteiligung in Höhe von jährlich 300 Franken fix und bis zu maximal 1000 Franken anteilig. Wählt ein Versicherter eine feste Selbstbeteiligung in Höhe von 500, 1.000, 1.500, 2.000 oder 2.500 Franken, kann er dadurch seine monatlichen Prämien senken.

Darüber hinaus gibt es Modelle, die wie die Auto-Haftpflicht funktionieren: Wer der Versicherung keine Krankheitskosten meldet, den belohnt sie mit Rabatten von bis zu 45 Prozent. Bis zu 20 Prozent gesenkt werden die Prämien, wenn sich ein Versicherter auf bestimmte Ärzte und Krankenhäuser beschränkt, mit denen sein Versicherer vertraglich zusammenarbeitet. Eine Verpflichtung, vor einem Facharztbesuch den Hausarzt aufzusuchen, kann bis zu zehn Prozent Prämiensenkung bringen.

Die "Obligatorischen Krankenpflegeversicherungen" (OKPVs) bezahlen (bis auf den Selbstbehalt) Arztbesuche, Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Physiotherapien sowie ambulante und stationäre Pflegeleistungen. Für die Leistungen der Ärzte, Pfleger, Physiotherapeuten und Krankenhäuser hat man Tarife festgesetzt, die sie von den Versicherungen verlangen können. Krankenhäuser werden darüber hinaus massiv von Kantonen und Kommunen bezuschusst. Zahnarztbesuche und andere Leistungen bezahlen die Schweizer im Regelfall selbst. Sie können aber auch durch Zusatzversicherungen abgedeckt werden, für die es jedoch keine regulierten Prämien und keinen Kontraktionszwang gibt.

Das Ziel, die Gesundheitskosten durch mehr Wettbewerb zu senken, hat die schweizerische Krankenversicherungsreform von 1996 nur bedingt erreicht: Mit gut elf Prozent Bruttoinlandsprodukts steht sie in der OECD-Gesundheitsausgabenliste zwar deutlich besser da als die USA (die fast 18 Prozent dafür ausgeben müssen) - aber auch in der Eidgenossenschaft steigen die Gesundheitsausgaben schneller als das BIP. Auch die Ausgaben für die Krankenversicherungen steigen jedes Jahr deutlich. Dafür ging die Zahl der Krankenversicherungsanbieter von über 180 Mitte der 1990er Jahre auf jetzt etwa 60 zurück. (Peter Mühlbauer)

Anzeige
Anzeige