Was Präsidenten wirklich glaubten - und was sie der Öffentlichkeit sagten

Bild: PBS/Arte

Ken Burns achtzehnstündige Vietnamkriegsdokumentation ist das Gegenteil von ARD und ZDF

Warum Ken-Burns-Dokumentationen sehenswerter sind als andere, lässt sich wie folgt in einem Satz zusammenfassen: Sie sind das Gegenteil dessen, was ARD und ZDF aktuell in diesem Bereich liefern (vgl. Holokaust schreibt man jetzt mit "K"). Und wie die zehnstündige Dokumentationsreihe über den amerikanischen Bürgerkrieg, mit der Burns berühmt wurde, ist auch seine neue Dokumentation über den Vietnamkrieg voll mit Karten, Fotos und Informationen, die für die allermeisten Zuschauer neu sein dürften. Auch dann wenn sie vorher geglaubt hatten, sie wüssten schon alles über diesen Krieg.

Dafür arbeiteten sich Burns und seine Mitarbeiter in zehn Jahren durch über 24.000 Fotografien und mehr als 1.500 Stunden Filmmaterial, das sie nicht nur in amerikanischen, sondern auch in vietnamesischen Archiven fanden. Dass es so viel Material gab, lag auch daran, dass die Dokumentationstechnik zur Zeit der Geschehnisse weiter entwickelt war als die Kontrolle der Medien durch die US-Regierung. Diese Kontrolle verschärfte sich auch aufgrund der Erkenntnisse aus dem Vietnamkrieg, in dem Reporter freier berichten konnten als von heutigen Kriegsschauplätzen.

In der Dokumentation wird das unter anderem durch einen CBS-Beitrag deutlich, der Soldaten beim Abfackeln eines Dorfes bei Đà Nẵng zeigt, während Kinder weinen und alte Leute betteln. Burns zeigt auch die Reaktion des damaligen demokratischen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson darauf, der am nächsten Morgen beim Senderchef anrief und fragte: "Hello Frank, this is your president - are you trying to [überpiepst] me?" Die zahlreichen Mitschnitte von Johnsons Gesprächen zeigen ebenso wie Aufnahmen seines Nachfolgers Richard Nixon, dass das, was Präsidenten und Militärs wirklich glaubten, nicht immer das war, was sie der Öffentlichkeit sagten.

Der Veteran John Musgrave aus Missouri, dessen Erzählungen in der Domumentation ein kleiner Entwicklungsroman sind, meint dazu: "We were probably the last kids of any generation that actually believed our government would never lie to us."

Oft fühlt man sich an Robin Alexanders Buch Die Getriebenen erinnert. Johnson beispielsweise gestand einem Senator schon während seiner Amtszeit, dass er nicht mehr an einen Sieg glaubte. Auch Nixon (der vor seiner Wahl heimlich mit der südvietnamesischen Staatsführung kollaborierte, um Friedensverhandlungen zu sabotieren), wusste bereits früh, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Trotzdem zögerte er nicht nur sein Ende hinaus, sondern weitete er ihn auch noch auf Kambodscha aus.

Ein sehr großer Unterschied zu ARD- und ZDF-Dokumentationen ist, dass Burns keine Experten und Prominenten zur Wort kommen lässt, sondern ausschließlich "normale Leute", die die Ereignisse miterlebten. Und zwar nicht nur Amerikaner, sondern auch viele Vietnamesen (von denen einer überraschenderweise eine Frisur trägt, die der von Donald Trump ähnelt). Diese Vietnamesen erzählen dann zum Beispiel, warum es so einfach war, die Spuren der Amerikaner im Dschungel zu finden: Weil sie Zigaretten rauchten und die Kippen wegwarfen. Und sie erzählen von den Massakern von Huế, die es der offiziellen vietnamesischen Geschichtsversion nach gar nicht gab.

Welchen Anteil das M16-Sturmgewehr an der Niederlage hatte, erklären dagegen amerikanische Veteranen (vgl. Happy Birthday, Kalaschnikow). Etwas Raum hätte Burns vielleicht auch Vertretern der Hmong einräumen können, einem Gebirgsvolk, das von den Amerikanern im Kampf gegen den Vietcong und die Nordvietnamesen eingesetzt wurde und in den USA anfangs so große Schwierigkeiten hatte, sich an eine ihm völlig fremde Welt zu gewöhnen, dass man eine extrem hohe Todesrate nur mit einem "Kulturschock" erklären konnte. Die Angehörigen der Verstorbenen glaubten damals, man habe die Leichen nicht aufgeschnitten, um die Todesursache zu ermitteln, sondern um Organe zu entnehmen und zu essen.

Burns benutzt die Aussagen seiner Gesprächspartner (anders als deutsche Dokumentationen) nicht nur für kurze illustrative "O-Töne", sondern lässt seine Gesprächspartner ausführlich zu Wort kommen. Auch dann, wenn ihre Äußerungen nicht in herrschende Narrative passen. So kann ein ehemaliger Zugführer erzählen, wie er die Auflösung des Egos in seinem Zug als rauschhafte Erweiterung des Selbst empfand - und ein Kampfpilot darf gestehen, dass er seine Arbeit über dem Ho-Chi-Minh-Pfad eigentlich als recht befriedigend in Erinnerung hat, obwohl er der Überzeugung ist, dass die Amerikaner damals "auf der falschen Seite kämpften."

Neben der speziell für die Dokumentation geschriebenen Musik von Trent Reznor von Nine Inch Nails und Atticus Ross sowie von Yo-Yo Ma und dem Silk Road Ensemble eingespielten damals gängigen vietnamesischen Liedern verwendet Burns in seinem Soundtrack viele Stücke von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, Merle Haggard oder Otis Redding, die man aus anderen Dokumentationen und zahlreichen fiktionalen Werken über den Vietnamkrieg kennt. Aber er bettet sie in einen Zusammenhang ein - in eine These, dass der Vietnamkrieg ein Katalysator für Entwicklungen in den USA war, die zwischen 1965 und 1970 schneller abzulaufen schienen als davor und danach.

Weil Off-Erzähler Peter Coyote dazu das am klarsten verständlichste Englisch in der Medienwelt spricht und weil Burns weniger gut verständliche Aussagen anderer Personen mit Bildeinblendungen erklärt, eignet sich die Originalfassung der Dokumentation auch für Personen, die sonst Synchronfassungen bevorzugen. Da der staatlich geförderte US-Sender PBS eine Geosperre hat, benötigt man zum Ansehen allerdings eine amerikanische IP-Nummer. Wer die nicht hat, muss sich mit einer deutlich gekürzten neunteiligen Fassung auf Arte zufrieden geben. (Peter Mühlbauer)

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