Unbeschreibliche Zerstörung

Was ist Ihre Wahrheit?
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Jan Oberg: Die Befreiung Aleppo ist ein weltgeschichtliches Ereignis.
Der Großteil der Stadt ist zerstört, zehntausende Menschen wurden vertrieben. Ein ziemlich großer Preis, um Geschichte zu schreiben.
Jan Oberg: Da haben Sie Recht. Die Zerstörung, die ich in Ost-Aleppo sah, war unbeschreiblich. Sie war systematisch. Und es war herzzerreißend. Ich habe die Zerstörung von Orten wie Sarajevo, Vukovar, Krajina, Ost- und West-Slawonien, Abchasien und Südossetien gesehen.
Das hier war schlimmer. Aber diese Ruinen - eingeschlossen die Altstadt, ein UNESCO-Weltkulturerbe - waren das Ergebnis von vier Jahren Besatzung durch Rebellen, die vor allem von NATO-Staaten und anderen "Freunden Syriens" wie Saudi Arabien und den Golfstaaten unterstützt wurden.
Ich hatte Aleppo zuvor nie besucht, aber es muss einzigartig schön und kulturell und industriell sehr lebendig gewesen sein. Bevor die Zerstörung begann, wurde das Industriegebiet geplündert. Aus tausenden Fabriken, Läden, Schulen, Krankenhäusern und Büros wurde alles von Wert auf LKWs in Richtung Türkei abtransportiert und dort verkauft, um die Besatzer mit Geld für Waffen zu versorgen.
Ich versuche es noch einmal: Nicht nur internationale Medien, sondern auch unabhängige NGOs wie "Airwars" (eine Organisation, die die Folgen russischen und amerikanischer Luftangriffe in Syrien und Irak dokumentiert) berichteten von dutzenden Angriffen durch die russische und syrische Luftwaffe auf Aleppo. Trotzdem behaupten Sie, diese Angriffe hätten keinen relevanten Einfluss auf die Zerstörung der Stadt gehabt?
Jan Oberg: Die Wahrheit ist komplex und natürlich sind weder die syrische Armee noch die Russen an dieser Zerstörung unschuldig. Aber mein Eindruck war, dass maximal zehn Prozent dieser unermesslichen Zerstörung von der Luft ausgeführt wurde. Wenn man aus der Luft bombardiert, werden Häuser platt gemacht. Aber wie Sie auch auf meinen Fotos sehen können, sind die Häuser zwar meist übersät mit Einschusslöchern, aber die Wände stehen noch.
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Das ist charakteristisch für Straßenkämpfe. Trotzdem muss eine Sache klar sein: Kein Bewohner verdient es, dass seine Stadt, seine Wohnung, sein Arbeitsort, seine Kultur und seine Geschichte auf diese Weise zerstört wird. Kein politisches Ziel kann diese Barbarei rechtfertigen.
Aktivisten vor Ort und Ersthelfer wie die White Helmets haben immer wieder über die gewaltige Zerstörung durch Luftangriffe und über bombardierte Wohngebäude und Krankenhäuser berichtet. Hatten Sie die Möglichkeit mit einem von ihnen zu sprechen?
Jan Oberg: Nein, von dieser mit 100 Millionen US-Dollar finanzierten angeblichen Hilfsorganisation haben ich niemanden in Aleppo gesehen. Ich traf ein paar Anwohner, die von ihnen gehört hatten, aber niemanden, der sie gesehen hatte oder während der Besatzungsjahre Hilfe von ihnen erhalten hatte.
Wo sollen sie gewesen sein, wenn nicht in Ost-Aleppo, um Zehntausenden nach der Befreiung aus vier Jahren Hölle zu helfen? Stattdessen habe ich junge syrische Freiwillige getroffen, die meisten stammten von der Universität der Stadt oder dem Syrisch-Arabischen Roten Halbmond, einer Organisation, die nicht so viel Glück damit hatte, westliche Unterstützung zu bekommen.
Auf Ihren Fotos sind syrische Soldaten zu sehen, die Essen verteilen; russische Ärzte, die Feldlazarette betreiben. Es sind die gleichen Motive, die die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA verbreitet. Wie frei kann jemand aus einem Gebiet berichten, das voller Soldaten ist? Wie können Sie sich sicher sein, dass Sie nicht nur das zu sehen bekommen haben, was sie sehen sollten?
Jan Oberg: Zuallererst: Ich hätte auch europäische und amerikanische Helfer fotografiert, wenn ich welche gesehen hätte. Aber jene, die den notleidenden Bewohnern Ost-Aleppos geholfen haben, waren die syrische Regierung, die syrische Armee, der syrische Rote Halbmond und Russland in Form von Feldlazaretten und Ärzten sowie syrische Freiwillige.
Zur Frage, wie frei ich berichten konnte: Ich war zu keinem Zeitpunkt in der Armee embedded, aber in einigen Fällen reiste ich unter Schutz des Militärs, als die Bomben noch fielen und ein beträchtliches Risiko bestand, von Heckenschützen getroffen zu werden. Trotzdem konnte ich frei mit jedem Bürger auf den Straßen Ost-Aleppos sprechen, zu keinem Zeitpunkt wurde ich dabei von jemandem begleitet. Ich konnte selbst entscheiden, was ich fotografiere und mit welchen Menschen ich spreche.
Einige dieser Foto-Serien haben Sie auf Ihrer Website veröffentlicht, die letzte erst vergangene Woche. Ich habe versucht, ähnlich große Projekte in klassischen Medien zu finden, aber fand kein einziges. Teilen Sie den Eindruck, dass die meisten Medien Aleppo schon wieder vergessen haben?
Jan Oberg: Ja, die Medien haben Aleppo sehr schnell vergessen. Sobald die Gewalt zurückgeht, verlieren Medien das Interesse und reisen weiter zum nächsten blutigen Drama. Damit berauben sie sich selbst der Chance auf gute Geschichten über persönliche Schicksale und der Möglichkeit, aus ihren eigenen Fehler zu lernen.
Wochenlang berichteten viele von ihnen über den anstehenden "Fall" von Aleppo, d.h. die Wiederherstellung der Regierungskontrolle. Dennoch haben sie sich entschieden, am Tag der Befreiung nicht vor Ort zu sein. Die Mitarbeiter der BBC zum Beispiel, obwohl sie ein Visum gehabt haben müssen, schließlich waren sie kurz zuvor dort. Man kann sich nur wundern, warum am 11. Dezember, dem Tag eines historischen Ereignisses, keine westlichen Medien vor Ort waren.
Stattdessen haben Leute wie Sie die Ereignisse dokumentiert. Dabei sind Sie eigentlich gar kein Journalist, sondern Konfliktforscher. Besteht als solcher nicht die Gefahr, die Distanz und damit die Objektivität zum Thema zu verlieren, indem man sich persönlich zu stark involviert?
Jan Oberg: Ich bin überzeugt, dass es in der Welt schon viel zu viel Kriegsberichterstattung und Journalismus gibt, der nur darin besteht, nach Schuldigen zu suchen. Was fehlt, ist Berichterstattung über Konflikte und menschliche Schicksale. Journalisten sind besessen von Regierungen und Gewalt und sie ignorieren die Perspektive der Bürger, der Opfer und jener, die etwas zum Guten verändern können. (Fabian Köhler)
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