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"Was Sie über Aleppo hören, ist bestenfalls ein kleiner Teil der Wahrheit"

Foto: Jan Oberg

Nur knapp sechs Wochen sind vergangenen, seitdem kaum eine Nachrichtensendung ohne Schlagzeile zu den Ereignissen im syrischen Aleppo auskam. Unterstützt durch russische Luftangriffe eroberten Mitte Dezember Truppen der syrischen Armee den Ostteil der Stadt und beendeten damit die seit vier Jahren andauernde Kontrolle oppositioneller Milizen.

Von Massakern an der Zivilbevölkerung, einem "neuen Srebrenica", gar "einem drohenden Völkermord" berichteten Medien damals. Doch nur wenige Tage später verschwand das mediale Interesse am Schicksal der Menschen in der zerstörten syrischen Millionenmetropole wieder und damit auch die Deutung der Ereignisse: Befreiung oder Belagerung? Fall oder Glücksfall?

Der Konfliktforscher Jan Oberg war während der entscheidenden Tage in Aleppo und berichtet bis heute über die Ereignisse in der Stadt. Im Interview erzählt der schwedische Konfliktforscher und Leiter des Transnational Foundation for Peace and Future Research[1] über seine Erlebnisse in der zerstörten Stadt und seine Sicht auf die westliche Medienberichterstattung.

Über einen Monat ist es nun her, seitdem die syrische Armee den von Rebellen gehaltenen Ostteil Aleppos eroberte. Sie waren damals mitten drin. Welche Bedeutung messen sie jenen Tagen rückblickend zu?
Jan Oberg: Ich war vom 10. bis zum 14. Dezember 2016 in Aleppo. Jene Zeit, als der Ostteil endgültig befreit wurde. Ohne jeden Zweifel war es ein Moment welthistorischen Ausmaßes: aufgrund Aleppos Bedeutung für Syrien und den Nahen Osten, aufgrund seines Status als UNESCO-Weltkulturerbe, als Wendepunkt im bald seit sechs Jahren anhaltenden Krieg in und gegen Syrien. Auch aufgrund der fast 100.00 Menschen, die einer seit viereinhalb Jahren andauernden höllischen Besatzung entkommen konnten und aufgrund des bloßen Ausmaßes der Zerstörung.
Sie meinen mit "höllischer Besatzung" offenbar nicht die Angriffe durch die russische und syrische Armee?
Jan Oberg: Was auch immer Ihnen die großen westlichen Medien über Völker- und Massenmorde in Ost-Aleppo erzählt haben, ich kann Ihnen nur zwei Dinge berichten: Keines dieser Medien war vor Ort, sie berichten aus Beirut, Istanbul oder Berlin. Ich habe niemanden von ihnen gesehen. Und ich habe auch keine Leichen oder Leute mit Angst in den Augen gesehen.
Was haben Sie stattdessen gesehen?
Jan Oberg: Ich konnte die Stadtteile Hanano, Ramouseh, Sheikh Saeed, die Altstadt, das große Industriegebiet Shaykh Najjar und das Registrierzentrum in Jinin besuchen, wo die Leute ankamen, um humanitäre Hilfe entgegenzunehmen. Ich war der einzige Skandinavier und unter dem ersten Dutzend - vor allem Medienvertreter - die in den Osten der Stadt gelangten und die Verwüstung sehen konnten. Dort sprach ich mit erschöpften aber ungeheuer glücklichen Menschen.
Was haben sie Ihnen erzählt?
Jan Oberg: Ich war dabei, als Leute in Restaurants im Westteil der Stadt feierten, sie haben ihr Glas auf die Freiheit erhoben und sie zeigten ihre Erleichterung darüber, endlich nicht mehr jeden Tag in Angst verbringen zu müssen. Ich sprach mit Leuten, die ihre Dankbarkeit gegenüber Bashar al-Assad und Putin zum Ausdruck brachten.
Letzterer bombardierte ja nicht nur, er brachte auch Feldlazarette. Und sie erzählten mir, wie schön das Leben in Aleppo war, bevor die Besatzer kamen und mit dem Plündern und Zerstören begannen. Die Leute assoziierten diese bewaffneten Banden, die 2012 plötzlich kamen, nicht mit etwas Positivem, sondern mit Leid, Tod und Zerstörung. Für sie war es eine Besatzung.
Hatten Sie auch die Möglichkeit mit Menschen zu sprechen, die Opfer von russischen und syrischen Bomben wurden?
Jan Oberg: Ich war im Osten der Stadt und sah, wie Menschen Brot, Gemüse, Bananen und Wasser bekamen. Sie saßen in Stühlen auf dem Bürgersteig, entspannten bei Tee und Zigarette. Sie redeten ohne Angst. Ich sah Leute, die in grünen Bussen den Osten Richtung Westen verließen, um medizinische Versorgung zu bekommen oder ihre Angehörigen und Freunde wiederzusehen.
Leute werden monatelang belagert und bombardiert und haben dann nicht ein kritisches Wort gegenüber der syrischen oder russischen Armee übrig?
Jan Oberg: Ich habe gehört, wie Leute ihre Abneigung gegenüber Assads Amnestie-Politik zum Ausdruck brachten. Wenn du syrischer Staatsbürger bist und gegen deine eigenen Leute gekämpft hast, wird dir eine Amnestie gewährt, sobald du deine Waffen niederlegst, ein paar Fragen beantwortest und unterschreibst, es nie wieder zu tun. Das ist alles. Du kannst wieder Teil der Gesellschaft werden. Nur, wenn ein Gerichtsverfahren gegen dich läuft, zum Beispiel durch ein Familienmitglied von jemandem, den du getötet hast, wirst du bestraft.
Was Sie hier erzählen, ist so ziemlich das Gegenteil, von dem, was die meisten westlichen Medien berichten. Es gab Berichte über syrische Soldaten, die von Haus zu Haus gehen und Zivilisten erschießen. Die UN erwähnte Berichte, wonach 82 Zivilisten von Regierungssoldaten hingerichtet worden sein.
Jan Oberg: Medienberichte, wonach Rebellen und ihrer Familien getötet wurden, können stimmen oder können nicht stimmen. Ich kann das weder beurteilen noch ausschließen. Ich habe es nicht gesehen und ich habe auch keine Menschen getroffen, die darüber gesprochen haben.
Aleppo ist eine große Stadt und natürlich habe ich nicht gesehen, was in allen Teilen, Straßen und Häusern passiert ist. Aber ich hatte den sehr starken Eindruck, etwas von grundlegender Bedeutung erlebt zu haben; etwas, das die meinungsbildenden Massenmedien im Westen systematisch entschieden haben, nicht zu berichten.
Und das ist?
Jan Oberg: Berichte, wonach die syrische Regierung, die Armee und die Russen nur unschuldige Zivilisten ermorden und dass der Präsident systematisch seine eigene Leute tötet, wie es immer mit kaum oder gar keiner Überprüfung der Quellen behauptet wird, bilden nach meiner Wahrnehmung nicht die ganze Wahrheit ab. Oder schlimmer: Sie sind vorsätzlich erlogen und verteufelnd. Was Sie über die Befreiung Aleppos gehört haben, ist entweder verfälscht oder nur ein kleiner Teil einer viel größeren Wahrheit.


Was ist Ihre Wahrheit?
Jan Oberg: Die Befreiung Aleppo ist ein weltgeschichtliches Ereignis.
Der Großteil der Stadt ist zerstört, zehntausende Menschen wurden vertrieben. Ein ziemlich großer Preis, um Geschichte zu schreiben.
Jan Oberg: Da haben Sie Recht. Die Zerstörung, die ich in Ost-Aleppo sah, war unbeschreiblich. Sie war systematisch. Und es war herzzerreißend. Ich habe die Zerstörung von Orten wie Sarajevo, Vukovar, Krajina, Ost- und West-Slawonien, Abchasien und Südossetien gesehen.
Das hier war schlimmer. Aber diese Ruinen - eingeschlossen die Altstadt, ein UNESCO-Weltkulturerbe - waren das Ergebnis von vier Jahren Besatzung durch Rebellen, die vor allem von NATO-Staaten und anderen "Freunden Syriens" wie Saudi Arabien und den Golfstaaten unterstützt wurden.
Ich hatte Aleppo zuvor nie besucht, aber es muss einzigartig schön und kulturell und industriell sehr lebendig gewesen sein. Bevor die Zerstörung begann, wurde das Industriegebiet geplündert. Aus tausenden Fabriken, Läden, Schulen, Krankenhäusern und Büros wurde alles von Wert auf LKWs in Richtung Türkei abtransportiert und dort verkauft, um die Besatzer mit Geld für Waffen zu versorgen.
Ich versuche es noch einmal: Nicht nur internationale Medien, sondern auch unabhängige NGOs wie "Airwars" (eine Organisation, die die Folgen russischen und amerikanischer Luftangriffe in Syrien und Irak dokumentiert) berichteten von dutzenden Angriffen durch die russische und syrische Luftwaffe auf Aleppo. Trotzdem behaupten Sie, diese Angriffe hätten keinen relevanten Einfluss auf die Zerstörung der Stadt gehabt?
Jan Oberg: Die Wahrheit ist komplex und natürlich sind weder die syrische Armee noch die Russen an dieser Zerstörung unschuldig. Aber mein Eindruck war, dass maximal zehn Prozent dieser unermesslichen Zerstörung von der Luft ausgeführt wurde. Wenn man aus der Luft bombardiert, werden Häuser platt gemacht. Aber wie Sie auch auf meinen Fotos sehen können, sind die Häuser zwar meist übersät mit Einschusslöchern, aber die Wände stehen noch.
Das ist charakteristisch für Straßenkämpfe. Trotzdem muss eine Sache klar sein: Kein Bewohner verdient es, dass seine Stadt, seine Wohnung, sein Arbeitsort, seine Kultur und seine Geschichte auf diese Weise zerstört wird. Kein politisches Ziel kann diese Barbarei rechtfertigen.
Aktivisten vor Ort und Ersthelfer wie die White Helmets haben immer wieder über die gewaltige Zerstörung durch Luftangriffe und über bombardierte Wohngebäude und Krankenhäuser berichtet. Hatten Sie die Möglichkeit mit einem von ihnen zu sprechen?
Jan Oberg: Nein, von dieser mit 100 Millionen US-Dollar finanzierten angeblichen Hilfsorganisation haben ich niemanden in Aleppo gesehen[2]. Ich traf ein paar Anwohner, die von ihnen gehört hatten, aber niemanden, der sie gesehen hatte oder während der Besatzungsjahre Hilfe von ihnen erhalten hatte.
Wo sollen sie gewesen sein, wenn nicht in Ost-Aleppo, um Zehntausenden nach der Befreiung aus vier Jahren Hölle zu helfen? Stattdessen habe ich junge syrische Freiwillige getroffen, die meisten stammten von der Universität der Stadt oder dem Syrisch-Arabischen Roten Halbmond, einer Organisation, die nicht so viel Glück damit hatte, westliche Unterstützung zu bekommen.
Auf Ihren Fotos sind syrische Soldaten zu sehen, die Essen verteilen; russische Ärzte, die Feldlazarette betreiben. Es sind die gleichen Motive, die die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA verbreitet. Wie frei kann jemand aus einem Gebiet berichten, das voller Soldaten ist? Wie können Sie sich sicher sein, dass Sie nicht nur das zu sehen bekommen haben, was sie sehen sollten?
Jan Oberg: Zuallererst: Ich hätte auch europäische und amerikanische Helfer fotografiert, wenn ich welche gesehen hätte. Aber jene, die den notleidenden Bewohnern Ost-Aleppos geholfen haben, waren die syrische Regierung, die syrische Armee, der syrische Rote Halbmond und Russland in Form von Feldlazaretten und Ärzten sowie syrische Freiwillige.
Zur Frage, wie frei ich berichten konnte: Ich war zu keinem Zeitpunkt in der Armee embedded, aber in einigen Fällen reiste ich unter Schutz des Militärs, als die Bomben noch fielen und ein beträchtliches Risiko bestand, von Heckenschützen getroffen zu werden. Trotzdem konnte ich frei mit jedem Bürger auf den Straßen Ost-Aleppos sprechen, zu keinem Zeitpunkt wurde ich dabei von jemandem begleitet. Ich konnte selbst entscheiden, was ich fotografiere und mit welchen Menschen ich spreche.
Einige dieser Foto-Serien haben Sie auf Ihrer Website[3] veröffentlicht, die letzte erst vergangene Woche. Ich habe versucht, ähnlich große Projekte in klassischen Medien zu finden, aber fand kein einziges. Teilen Sie den Eindruck, dass die meisten Medien Aleppo schon wieder vergessen haben?
Jan Oberg: Ja, die Medien haben Aleppo sehr schnell vergessen. Sobald die Gewalt zurückgeht, verlieren Medien das Interesse und reisen weiter zum nächsten blutigen Drama. Damit berauben sie sich selbst der Chance auf gute Geschichten über persönliche Schicksale und der Möglichkeit, aus ihren eigenen Fehler zu lernen.
Wochenlang berichteten viele von ihnen über den anstehenden "Fall" von Aleppo, d.h. die Wiederherstellung der Regierungskontrolle. Dennoch haben sie sich entschieden, am Tag der Befreiung nicht vor Ort zu sein. Die Mitarbeiter der BBC zum Beispiel, obwohl sie ein Visum gehabt haben müssen, schließlich waren sie kurz zuvor dort. Man kann sich nur wundern, warum am 11. Dezember, dem Tag eines historischen Ereignisses, keine westlichen Medien vor Ort waren.
Stattdessen haben Leute wie Sie die Ereignisse dokumentiert. Dabei sind Sie eigentlich gar kein Journalist, sondern Konfliktforscher. Besteht als solcher nicht die Gefahr, die Distanz und damit die Objektivität zum Thema zu verlieren, indem man sich persönlich zu stark involviert?
Jan Oberg: Ich bin überzeugt, dass es in der Welt schon viel zu viel Kriegsberichterstattung und Journalismus gibt, der nur darin besteht, nach Schuldigen zu suchen. Was fehlt, ist Berichterstattung über Konflikte und menschliche Schicksale. Journalisten sind besessen von Regierungen und Gewalt und sie ignorieren die Perspektive der Bürger, der Opfer und jener, die etwas zum Guten verändern können.

URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3610881

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.transnational.org/
[2] http://blog.transnational.org/2016/11/tff-pressinfo-392-just-how-grey-are-the-white-helmets-and-their-backers/
[3] https://janoberg.exposure.co/