Was darf Satire eigentlich so alles?

Na, "alles" natürlich

Dem würde wahrscheinlich sogar die deutsche Bundeskanzlerin als Ex-DDR-Mädchen zustimmen. Denn in der DDR schätzte man den "Tucho" — Kurt Tucholsky — mehr noch als im Westen

Und das war seine berühmte Antwort gewesen auf die Frage: "Was darf die Satire?" — "Alles". Aber klar, hätte Tucho bis in die DDR überlebt, wäre sein Selbstmord weniger zweifelhaft ausgefallen. Oder man hätte die "reaktionäre Sau" bald in den Westen abgeschoben - und seine Schriften hätte man in der DDR dann nicht mehr lesen dürfen.

Klassiker 2009. Merkel: "Und die Satire darf wirklich alles???" - Flashmob: "Yeah!!!"

Also "alles" durfte die Satire, wie Tucho gemeint hatte, aber die Kulturverwalter meinten das sicher mit dem Zusatz "alles — mit Maßen" — oder "mit historischer Perspektive". Soll heißen, Kritik an Weimar und Hitler-Berlin, ja. Aber dann nicht mehr an Ulbricht-Berlin.

Da waren schon die Brechtschen Süffisantismen zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 — "Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?"— ein bisschen "gewagt".

Im Sozialismus Marke DDR gab es Satire jeweils nur mit dem ausgelassenen Text. Bekanntes Beispiel der Nina Hagen-Song. "Micha, mein Micha", singt sie. Dann singt sie NICHT: "Du Blödmann! Du hast in der Drogerie die Kondome gekauft, aber" — und dann singt sie wieder: "Du hast den Farbfilm vergessen" — und singt wieder nicht: "Und ohne den können wir der lieben Verwandtschaft nicht verklickern, dass unser Urlaub am Baggersee ganz moralisch und züchtig verlief."

War die Zensur wirklich so doof? Dort und damals? Wahrscheinlich nicht, aber für das rein Implizierte war die Stasi möglicherweise nicht zuständig? So besehen, war die DDR vielleicht doch recht menschlich. Im Iran oder bei den Saudis hätte das bloß Gedachte schon fürs Auspeitschen gereicht.

In der BRD gab es auch Satire, z. B. in Form von "Pardon" — ich glaube, der Höhepunkt des Gewagten kam 1968, dem Jahr, als Frankfurter Studentinnen dem gealterten Theodor Adorno ihre entblößten Brüste zeigten — und als die Redakteure von "Pardon" ein paar Manuskriptseiten von Robert Musil (das geschissene Autokorrekt-Programm wollte eben den Namen zu "Musik" ändern! Oh ihr Apples aus Cupertino, wozu hab ich das Programm denn abgeschaltet???!) an 30 verschiedene Verlage schickten und von überallher eine Absage erhielten.

Ja durfte man denn das?

Aber natürlich durfte man das, man musste es sogar. Musil war und ist ja ein gräßlicher Autor und sowas von sexuell verklemmt gewesen. Reich-Ranicki rettete etliche Jahre später — etliche Jahre nach 1968, also 2002, das waren immerhin 34 Jahre später — die Pardon-Aktion in einem Essay und sagte klipp und klar, dass der Musil eben unlesbar sei, ein mieser Schriftsteller.

RR hatte auch die 4.000 Seiten Tagebuch des Mannes, wie er ausdrücklich vermerkte, allen Ernstes gelesen und sich tödlich gelangweilt dabei. Das sagte RR aber nicht als Satiriker. Nicht um des Lachens willen. Er sagte es nunmehr als deutscher Literatur-Papst quasi ex cathedra. Vom Schreibtisch des Papstes aus. Ohne das wäre es nicht gegangen. Unglaublich, was es für kulturelle Hürden in Deutschland gab und gibt, die einfache Wahrhheit zu schreiben.

Der österreichische Schauspieler Wolfram X brauchte dann zwei Jahre, um die 60 Stunden lange Hörbuch-Version vom "Mann ohne Eigenschaften" für den Verlag 2001 ins Mikrophon zu quasseln. Ich stelle es mir amüsant vor, wie er vielleicht nach jeder Aufnahme-Session im Studio — Schauspieler brauchen ja Geld, egal womit sie das verdienen müssen — wieder durch Schnee und Wind nach Hause gefahren ist, erst mal etliche Klafter Brennholz kleingehackt hat und sich anschließend wahrscheinlich eine ganze Flasche Whisky durch den Schlund spülen musste, um den schlechten Geschmack wieder loszuwerden.

Ich denke mir aber auch, es wäre leicht gewesen, aus dem ganzen "Mann ohne Eigenschaften" — wie bei Hermann Hesse — zehn kleinere Bändchen zu basteln, die dann dito ganz anständige Auflagen hätten erzielen können. Sein separat gedruckter Essay "Über die Dummheit" enthielt z. B. einen ganz netten Aphorismus. Oder sagt man Apercu dazu? Hier ist er: "Wer war Petrus?" — "Er krähte drei Mal."

Hesse war ein wahrscheinlich noch mieserer Autor als Musil, des Hochdeutschen noch unkundiger und wahrscheinlich auch sexuell noch verklemmter. Bei Hesse klingt immer der Konflikt mit an, zwischen dem Mobbenden und dem Gemobbten, anders gesagt, zwischen Futzi, dem Pausenschreck, dem sozial auffälligen Mitschüler, dem missglückten Genprojekt, dem Nachwuchskriminellen, dem Arschgesicht vom Schulhof, der Schweinebacke, dem Milieugeschädigten, dem kleinen Hitler, dem Verunsicherer — und seinem Opfer. Oder zwischen dem SA-Mitglied und dem Volksgenossen, also die deutsche Grundmatrix, auch zwischen Vergewaltiger und dem willfährigen Schwulibert. Denn der Paragraph 1751 war ja in Deutschland damals und lange Zeit durchaus tödlich. Daher dann die "Demian"-Auflagen von zwei Millionen Stück zu einer Zeit, als es in Deutschland nicht mal Taschenbücher gab.

Was alles natürlich in den englischen Übersetzungen wegfällt, weswegen Hesse dort dann auch so hehr und rein rüberkommt. Aber immer noch Riesenauflagen erzielt. Über Hesse Satiren zu schreiben, ist allerdings gemein, das ist so, als ob man sich über ein Wasserköpfchen lustig macht. Literarisch steht er bei Karl May, und seine Lyrik sogar noch eine Stufe weiter unten, bei Winnetou.

Eine Satire dagegen, die mir sogar einen Doktortitel wert wäre, ist z.B. ein Vergleich zwischen "Der Graf von Monte Cristo" und dem "Mann ohne Eigenschaften".

Bei Alexander Dumas (dem Älteren) haben wir eine Art Telenovela aus einer Zeit, als es noch keine BBC-Kostüm-Filmchen in Fortsetzungen gab, und selbst der dümmste Leser kapiert sofort, worum es geht und was los ist. Man erkennt die Bösewichter wie Fuchs und Katze bei Pinocchio. Die Leute quatschen in einem durch wie im Theater, sie sprechen sogar, wenn grad mal keiner zuhört, mit sich selbst.

Bei Musil — eine fade Ingenieursprosa, die nie auf Touren kommt. Es ist wie ein Theaterstück, das nur aus Regieanweisungen besteht und keine Dialoge kennt. Auch Musils kürzere Prosa, so der "Törless", würde durch radikale Kürzung profitieren. Auf ca. 40 Seiten, eine etwas längere Kurzgeschichte. Vereint in einem Band unter dem Titel "Törless und andere Kurzgeschichten". Reich-Ranicki wollte den "Mann ohne Eigenschaften" von über 2000 Seiten auf etwa 500 kürzen. Ich meine, ohne Satire, dass 200 reichen würden.

Gibt es dafür Vorbilder?

Selbstverständlich. W. Somerset Maugham kürzte Klassiker wie "Tom Jones" von Henry Fielding oder Stendhals "The Red and the Black" um mehr als die Hälfte. Und ich denke Autoren wie Handke oder Hesse haben gut daran getan, Manuskripte, die ihnen entglitten, niederzuschnippseln. Die hohen Auflagen und größere Leserbegeisterung haben es ihnen gedankt.

Ich sage das hier ganz ohne satirische Absicht, denn ich denke, nicht nur die Satire darf "alles". Sie darf auf alle Fälle eindeutig mehr, als den Papst mit angepinkelter oder vollgeschissener Soutane zeigen — wie auf dem bekannten Titanic-Cover. Denn dies, quasi die christliche Variante der Mohammed-Karikaturen, lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen raus, da sei der Heilige Wolinski vor.

Aber auch der engagierte Journalismus sollte "alles" sagen dürfen. Letztlich ist ja Satire auch nichts anderes als der Ausdruck ernster, tiefster Verzweiflung.

Als der irische Autor Jonathan Swift in seiner bekanntesten Satire — sie heißt: Ein bescheidener Vorschlag: Um zu verhindern, dass die Kinder der Armen in Irland ihren Eltern oder dem Staat zur Last fallen, und um sie nutzbringend für die Allgemeinheit zu verwenden — aus dem Jahr 1729 — seinen Landsleuten riet, doch ihre zahlreichen Kleinkinder aufzufressen, tat er dies nicht aus purem Zeitvertreib oder um ein paar gehässige Lacher anzuregen. Er tat es aus Verzweiflung:

Es ist ein melancholischer Anblick für alle, die in dieser großen Stadt (Dublin) umhergehn oder im Lande reisen, wenn sie die Gassen, Straßen und Türen der Hütten voller Bettlerinnen sehn, hinter denen sich drei, vier oder sechs Kinder drängen, alle in Lumpen, die jeden Vorübergehenden um ein Almosen belästigen. […] Einige Leute von verzagter Natur sind in großer Sorge um jene ungeheure Anzahl Armer, die bejahrt, krank oder verkrüppelt sind; und man hat mir gegenüber oft den Wunsch ausgesprochen, ich möge meine Gedanken darauf richten, welchen Weg man einschlagen müsse, um das Land von einer so schweren Last zu befreien […].

Verspeist werden sollten die Kinder in London:

Denn diese Ware eignet sich nicht für den Export, da das Fleisch zu zart ist, um sich selbst in Salz lange zu halten, obschon ich vielleicht ein Land nennen könnte, das mit Freude unsre ganze Nation auch ohne Salz aufessen würde.

So, und bevor meine heißgeliebten TP-Leser nun gleich ganz ausrasten vor lauter Unruhe, weil sie ja nicht endlos meinen Dreck lesen möchten, sondern ihren eigenen darunter abladen wollen — und bevor jetzt die Frage kommt — "Was soll das bitte alles? Wo führt es hin?" —, mache ich hier eine Pause und verweise auf den später erscheinenden Teil 2. Es geht um ein ernstes Thema.

(Tom Appleton)

Anzeige