Was den Strom verteuert

Abschätzung der EEG-Umlage für das kommende Jahr mit den einzelnen Komponenten aus denen sie sich nach Berechenung des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) zusammensetzen wird. Bild: BEE

Die Energie- und Klimawochenschau: Vom Anstieg der EEG-Umlage, sinkenden Preisen an der Strombörse und unnötigem Netzausbau

War es die Ruhe vor dem Sturm? In der letzten Woche war es energiepolitisch ziemlich ruhig. Schwarz-gelbe Ausfälle gegen das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) waren rar, und auch sonst war wenig los in Sachen Energiewende. Doch wahrscheinlich holen da einige nur reichlich Luft, um nächste Woche los posaunen zu können, wenn der neue Betrag der EEG-Umlage bekanntgegeben wird. Erste Anzeichen für eine neue Runde gab es bereits am gestrigen Dienstag und offensichtlich haben findige PR-Strategen es geschafft, auch den Mieterbund vor den Karren der Streiter wider die Energiewende zu spannen. Auch die linke "junge Welt" war sich nicht für eine Tartaren-Meldung über "explodierende Strompreise" zu schade.

Worum geht es bei der Umlage? Die Betreiber von Wind-, Biogas- und Solaranlagen erhalten eine vom EEG differenziert festgelegte Vergütung für ihren Strom. Diese ist ihnen meist für 20 Jahre sicher. Die konkrete Höhe richtet sich nach der Anlagenart und -größe sowie nach dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme. Gezahlt wird den Anlagenbesitzern die Vergütung von den Netzbetreibern, die wiederum die Differenz zwischen Vergütung und dem aktuellen Strom-Börsenpreis in Leipzig als Unkosten geltend machen können. Letztere werden per EEG-Umlage von "allen" Verbrauchern getragen. "Alle" heißt in diesem Falle aber nur alle Privathaushalte und Gewerbetreibenden.

Viele Industriebetriebe haben hingegen eine weitgehende Befreiung von der Umlage erreicht, die verbleibenden Verbraucher müssen ihren Anteil mit schultern. Die Bundesregierung, das heißt, die gleichen Politiker, die sich gerade ein paar Krokodilstränen wegen der steigenden Strompreise für Privathaushalte abdrücken, hatten mit dem im Sommer 2011 nach der dreifachen Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima in aller Eile verabschiedeten Gesetzespaket die Ausnahmen erheblich ausgeweitet.

Bisher bekamen Unternehmen eine weitgehende Befreiung von der Umlage, wenn sie im Vorjahr mindesten zehn Millionen Kilowattstunden verbraucht hatten. Künftig reicht ein jährlicher Mindestverbrauch von einer Millionen Kilowattstunden, um von der Umlage weitestgehend befreit zu werden. Bis zum Jahresende wird mit 5.000 Anträgen auf Befreiung gerechnet, gegenüber knapp 1.000, die 2011 in diesen Genuss kamen.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler findet das in Ordnung und verweist auf Arbeitsplätze, die seiner Ansicht nach andernfalls gefährdet wären. Wie üblich muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit herhalten. Deutschlands exorbitanter Handelsbilanzüberschuss ist nun einmal für die Parteien fast aller Couleur sakrosankt, es sei denn, es geht um die junge Solarindustrie. Da ist das mit den Arbeitsplätzen nicht mehr ganz so wichtig.

Wie dem auch sei, Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur wagte am Dienstag in der Süddeutschen Zeitung schon mal eine Prognose: Die EEG-Umlage werde ab Anfang Januar wohl auf über fünf Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) klettern. Derzeit sind es knapp 3,6 ct/kWh. Am Montag werden wir mehr wissen, denn dann geben die Netzbetreiber die künftige Höhe bekannt.

Für die dann mit Sicherheit wieder mit großem Getöse einsetzenden Angriffe auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energieträger sollte man in Erinnerung behalten, dass die Umlage aus der Differenz zwischen Vergütung und dem aktuellen Börsenpreis resultiert. Der wird jedoch massiv von der wachsenden Einspeisung von Wind und vor allem Solarstrom nach unten gedrückt. Im September mussten Großabnehmer im Schnitt nur 4,47 ct/kWh für Grundlaststrom bezahlen, den sie am nächsten Tag beziehen wollten. Spitzenlaststrom kostete 5,47 ct/kWh. Das waren nach Angaben des Fachinformationsdienstes IWR 0,79 und 0,77 ct/kWh weniger als im September 2011.

Nebenbei bemerkt: Die Börsenpreise für deutschen Strom waren im September 2012 auch um einige Zehntel Cent pro Kilowattstunde niedriger als für französischen Strom, der dort meist aus AKWs stammt.

Tatsächlich lagen die Monatsmittelwerte für Grundlast- und Spitzenstrom sogar noch etwas niedriger, denn wie der IWR kritisiert, fließen die Werte der Wochenenden aus unerfindlichen Gründen nicht in die Mittelwerte ein. An diesen Tagen ist aber tendenziell wegen der geringeren Nachfrage das Überangebot an Strom besonders groß und der Preis daher niedriger. Der mittlere Preis für deutschen Spitzenlaststrom habe im September nicht bei 5,47 sondern bei nur 4,92 ct/kWh gelegen, meint das IWR.

Für die Umlage folgt aus all dem, dass die für ihre Berechnung herangezogenen Kosten größer werden. Diese bestehen nämlich wie gesagt aus der Differenz zwischen Vergütung und jeweiligem Börsenkurs. Oder anders ausgedrückt: Die Wind- und vor allem Solarstrom verbilligen zwar einerseits den Börsenpreis für Strom, andererseits wird dadurch die EEG-Umlage höher. Von dieser sind viele Großverbraucher weitgehend befreit, profitieren aber gleichzeitig von den niedrigen Börsenpreisen. An die Privathaushalte werden diese hingegen bisher jedoch nicht weitergegeben.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) ist ebenfalls der Ansicht, dass die Umlage ab Januar über fünf ct/kWh liegen wird, und zwar bei etwa 5,2 st/kWh. Wenn die Reserve erhöht wird, die die Energieversorgungsunternehmen mit der Umlage ansparen dürfen, könnte diese auch noch kräftiger steigen.

Außerdem hat der Verband nachgerechnet, was die Privilegien der etwa 5000 Industriebetriebe, die vermutlich von der Umlage ausgenommen werden, sowie die Absenkung der Börsenpreise die Verbraucher kostet. Nach Ansicht des BEE werden Privathaushalte, Handel und kleine Gewerbetreibende allein 1,3 ct/kWh für die Industrie mit zahlen müssen. An reiner Förderung der Erneuerbaren wird im nächsten Jahr demnach nur rund 2,3 ct/kWh in der Umlage stecken.

"Der Berechnungsmechanismus für die EEG-Umlage muss grundlegend reformiert werden", meint daher BEE-Geschäftsführer Harald Uphoff. "Die Preissenkungen, die die Erneuerbaren an der Börse bewirken, müssen auch zu sinkenden Kosten bei den Verbrauchern führen anstatt deren Stromrechnung über eine steigende EEG-Umlage zu erhöhen." Kurzfristig könnten die Verbraucher nach seiner Meinung entlastet werden, wenn der von erneuerbaren Energieträgern bereit gestellte Strom von der Stromsteuer befreit würde. Das würde den Strom für Privathaushalte um etwa 0,5 ct/kWh verbilligen.

Die Stromsteuer wurde zur Kompensation von Umwelt- und Gesundheitskosten, die durch die fossil-atomare Stromerzeugung verursacht werden, eingeführt. Dass diese Steuer immer noch auf die sauberen Erneuerbaren Energien erhoben wird, ist unlogisch und systemwidrig. Hier gibt es einen sinnvollen Handlungsspielraum für die Bundesregierung.

BEE-Geschäftsführer Harald Uphoff

Ein anderer Aspekt ist, welche Energieträger gefördert werden. Bei Solaranlagen ist absehbar, dass alles, was zukünftig installiert wird, billiger als Offshore-Windkraftanlagen Strom liefern wird. Dennoch will die Bundesregierung den Ausbau ausbremsen und favorisiert stattdessen die Großwindparks auf See, die immer noch ihrer Realisierung harren.

Auch Windkraftanlagen an Land produzieren schon jetzt deutlich günstiger als Offshore, aber auch diese sollen ausgebremst werden (siehe: Wer darf wie viel Wind machen?). Bundesumweltminister Altmaier führt den Netzausbau ins Feld, der nicht mit den Erneuerbaren Schritt halten könne. Projektentwickler juwi hält dem entgegen, dass dieser gar nicht nötig sei, wenn auch im Binnenland mehr Windräder gebaut würden. Mit Nabenhöhen von 150 Metern und größeren Rotoren könnten die Anlagen rund 4000 Volllaststunden im Jahr Strom liefern, und zwar in relativer Nähe zu den Verbrauchszentren (das Jahr hat 8760 Stunden).

Bild:EWEA

Immerhin geht zur Zeit der Ausbau der Windenergie an Land zügig weiter. Wie berichtet, sind in der EU inzwischen rund 100 GW Windkraftleistung installiert. Ist der Zuwachs in diesem Jahr ähnlich groß wie in 2010 und 2011, werden zum Ende des Jahres wohl 105 GW zur Verfügung stehen. Damit ist die EU im internationalen Vergleich weiter Spitzenreiter, wird aber vermutlich bald von China eingeholt werden.

Dort waren Ende 2011 Windräder mit einer Leistung von 62,73 GW errichtet, aber nur rund 52 GW ans Netz angeschlossen worden. Ende 2012 werden es wohl Anlagen mit einer Leistung von etwa 80 GW stehen, vielleicht aber auch weniger, denn das Land kämpft noch immer damit, überall rechtzeitig die Netzanschlüsse zu gewährleisten und vor allem damit, den Windstrom in einem von Kohlekraftwerken dominierten Netz zu integrieren.

In den USA, der Nummer drei im internationalen Vergleich, waren zur Jahresmitte 2012 Windräder mit einer Leistung von 49,8 GW installiert. Voraussichtlich wird dort im nächsten Jahr der Markt aber wieder einmal deutlich abkühlen, da Förderprogramme auslaufen.

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