Was denken Chinesen selbst über das Sozialkreditsystem?

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Eine Studie findet heraus, warum einige chinesische Bürger das System begrüßen

Das Sozialkredit-System, das China ab 2020 landesweit einführen will, löst in westlichen Medien nicht selten Panik und Häme aus. Schnell ist die Rede von der Digital-Diktatur, von dressierten Menschen in einem Orwellianischen Überwachungsstaat, das allmächtig, unentrinnbar und kafkaesk ist. China plane ein Instrument, das den Menschen bis in den letzten Winkel seines Gehirns durchleuchtet, heißt es. Doch was denken Chinesen selbst über das in westlichen Augen so dystopische Sozialkreditsystem?

Xinyuan Wang, Anthropologin an der UCL, hat dieser Thematik eine Studie gewidmet. Im Rahmen des Projekts Anthropology of Smartphones and Smart Ageing befragte sie in einem Zeitraum von 16 Monaten rund 500 Chinesen, und führte mit 146 Leuten längere Gespräche. Statt durch direktes Befragen habe sie auf natürliche Weise die Gespräche auf das Thema gelenkt, wie das bei ethnografischen Studien gewöhnlich ist.

Laut der Anthropologin sei die chinesische Bevölkerung der Ansicht, dass das Sozialkreditsystem ein nationales Projekt ist, um die öffentliche Moral zu stärken, Betrug und andere Verbrechen zu bekämpfen. Das Land sei in einer Vertrauenskrise, das Sozialkreditsystem helfe das im Allgemeinen zu beheben. Gerade die rasante Digitalisierung habe Möglichkeiten für Online-Betrügereien geschaffen, die bisher kaum Strafen nach sich zogen.

Vertrauenskrise

Viele, gerade ältere Menschen, fielen leicht auf Online-Betrügereien rein. Wang stellte fest, dass Befürworter des Sozialkreditsystems daher bereit sind, etwas Privatsphäre aufzugeben, wenn dies ein wesentlich höheres Maß an Sicherheit und Gewissheit bedeutet. Die oft vertretene Meinung sei, dass es sich um ein nationales Projekt zur Förderung der öffentlichen Moral handle. Sie diene der Bekämpfung von Betrug und Kriminalität.

In China besteht breiter Konsens darüber, dass die Bestrafung von Skandalen in der Agrar-, Pharma-, und Lebensmittelindustrie nicht ausreicht, um erneute Straftaten zu verhindern. Hinzu kommen alltägliche Betrügereien. Pengci beispielsweise heißt die Methode, sich absichtlich vor ein Gefährt zu werfen, um dann eine Entschädigung zu fordern. Ding zui nennt sich die Praxis unter den Reichen und Mächtigen, zu Gerichtsprozessen Doppelgänger zu schicken. Diese sitzen sogar Gefängnisstrafen ab.

In den Ballungszentren des modernen Chinas leben viele Familien nicht mehr in Mehrgenerationenhäuser, wie es früher üblich war, sodass heutzutage viele Familien einen Babysitter brauchen, statt den Nachwuchs den Großeltern anzuvertrauen. Dass man Überwachungskameras in Kinderzimmern versteckt, um Babysitter auszuspionieren, sei nicht unüblich, berichtet Wang von Gesprächen mit Müttern.

Die Erosion des gegenseitigen Vertrauens habe, laut Wang, auch mit der Kulturrevolution unter Mao zu tun, eine Zeit, die durch den "Zusammenbruch der öffentlichen Moral" gekennzeichnet war. Das moderne China habe große Schwierigkeiten sich davon zu erholen, und die Frage, wer als vertrauenswürdig gilt, könne ein soziales Kreditsystem erleichtern.

Auch sei der Glaube an die Überwachung des Verhaltens dem "Karmasystem" nicht unähnlich. Ein altes Sprichwort sei nach wie vor von großer Bedeutung: "Menschen tun Dinge, und der Himmel schaut zu." Das bedeutet, dass, was immer man tut, es immer Aufzeichnungen über ihre Taten gibt im Himmel, erklärt Wang.

Der Mythos des zivilisierten Westens

Wang stellte auch fest, dass unter Chinesen der weitverbreitete Glaube herrscht, dass die westliche Gesellschaft aufgrund ihres seit langem bestehenden Kreditsystems "zivilisiert" sei. Dies werde durch verschiedene erfundene Geschichten über den Westen untermauert. Eine typische Geschichte lautet so:

"Eine intelligente chinesische Frau studiert in einem europäischen Land und stellt auf Reisen fest, dass es keine Fahrkartenschranken gibt und Fahrkarten nur selten kontrolliert werden. Da das Reisen teuer ist, beschließt sie, diese "Schlupflöcher" zu nutzen. Sie beschließt keine Tickets zu kaufen. Obwohl sie ein paar Mal erwischt wird, kommt sie meistens damit durch und fühlt sich sogar selbstgefällig.

Schließlich macht sie ihren Abschluss mit guten Noten und beginnt die Jobsuche. Obwohl sie mehrmals das letzte Vorstellungsgespräch erreicht und die Gespräche gut verlaufen, scheint sie sich keinen Job sichern zu können. Als sie einen HR-Manager um ein Feedback bittet, warum sie nicht erfolgreich war, wird ihr gesagt: 'Sowohl Ihr Lebenslauf als auch Ihre Leistungen zeichnen Sie als ideale Kandidatin aus. Bei der Überprüfung Ihrer individuellen Kreditwürdigkeit stellten wir jedoch fest, dass Sie dreimal schwarzgefahren sind. Leider haben wir kein Vertrauen, dass Sie gut zu einem Unternehmen passen, das Ehrlichkeit über alles andere schätzt'".

Verschiedene Versionen dieser Geschichte seien schon lange vor der Ankündigung des Sozialkredit-Systems im Umlauf gewesen. Auch mehr als die Hälfte der Forschungsteilnehmer hatten von ihr gehört, und konnten die Botschaft wiedergeben: Selbst die fähigsten Personen haben ohne "Kredit" nun mal keine Chance, in einer westlichen oder in einer modernen Gesellschaft erfolgreich zu sein.

Chinas eigener Übergang von einer landwirtschaftlichen Kollektivgesellschaft, in der die Menschen immer wussten, mit wem sie es zu tun hatten, zu einer modernen Gesellschaft, die von der Abhängigkeit von Fremden geprägt ist, dauere immer noch an, sagt Wang.

Das heutige soziale Kreditsystem, das eher einem lückenhaften Netzwerk regionaler Piloten und experimenteller Projekte gleicht, ist noch weit davon entfernt, auf nationaler Ebene ein umfassendes System zu werden, das jeden Aspekt des Lebens eines Bürgers in einem einzigen System bestimmt.

Im heutigen China benutzen über 800 Mio. Menschen Smartphones, 70% davon bezahlen per App. Alipay - die Finanzabteilung des E-Commerce-Riesen Alibaba - hat in über 100 Städten "Smile-to-Pay" eingeführt, das Bezahlen per Gesichtserkennung. Auch Technologieriese Tencent und Betreiber der Chat- und Bezahlapp WeChat mit 600 Millionen Nutzern, stellte im August den neuen Gesichtszahlungsautomaten "Frog Pro" vor.

Trotz der großen Zahlen, weitere 500 Millionen Chinesen haben immer noch keinen Zugang zum Internet. Während in Deutschland die Durchdringungsrate bei 96 Prozent, in den USA bei 89 Prozent liegt, sind erst 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung online.

Das Fundament der künftigen chinesischen Wirtschaft stellen nicht mehr Bau- und Infrastrukturprojekte dar, sondern Konsum und Dienstleistungen, finanziert durch schnelle Verbraucherkredite, abgesichert durch dynamische Credit-Scores und abgewickelt über das Handy.

Doch immer noch hat ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung kein Bankkonto. Zwei Drittel von ihnen habe keinen Kreditscore und keine Bonität. Zahlungsausfälle sorgen jährlich für einen wirtschaftlichen Verlust knapp 100 Mrd. Dollar. Auch dieses Problem soll das Sozialkreditsystem lösen. (Bulgan Molor-Erdene)