Was der Affe spricht

schimpansen im Zoo. Foto: 4028mdk09. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ist die menschliche Sprache sehr viel älter, als man bisher geglaubt hat? - Teil 2

Zu Teil 1: Die Zunge des Pavians

Wie gesagt, zu Poes Lebzeiten (1809 — 1849) war der Orang Utan zwar bereits bekannt, aber der erste amerikanische Zoo öffnete seine Pforten erst 1874 — in Philadelphia. Der Zoo in Baltimore war der zweite oder dritte, also eine frühe Gründung, auf alle Fälle kam er aber um einige Jahrzehnte zu spät für das postulierte Poesche Experiment. In den seither vergangenen rund zwei Jahrhunderten hat sich das Interesse an den Sprech- und Sprach-Fähigkeiten der Hominiden nicht eben gesteigert, sieht man einmal von Hollywood-Kostümfilmen ab. Die Schimpansen haben sich als trübsinnige Kommunikationsverweigerer erwiesen. Beobachtet man sie im Zoo, meint man, einer verkürzten Darbietung des Marat/Sade-Stückes beizuwohnen. Planlos umherstehende Personen stoßen unkoordinierte Schreie aus, während andere Teilnehmer sich rasch einmal zwischendurch die erigierten Glieder in den After schieben.

Anders als der "Dritte Schimpanse" (der Mensch) der diesen Lebewesen in solchen Gehegen eine letzte Überlebenschance einräumt, sind die Schimpansen nicht nur unkommunikativ, sondern auch extrem wasserscheu. Der holländische Zoologe Frans de Wal berichtet von einem Schimpansen in einem holländischen Zoo, der mit Absicht in einen Wassergraben sprang, welcher das menschliche Publikum und die hominiden Darsteller trennen sollte. Der Sprung ins Wasser war ein bewusster Selbstmord, denn Schimpansen schwimmen nicht.

Die Orang Utans gelten als extrem allem Wasser abgeneigt, aber, wie schon der britische Kapitän vermutete, legen sie in einer menschlichen Umgebung ihre Furcht vor Schlangen und Raubkatzen ab und werden zu echten Bade-Fanatikern. Wasserhähne werden auf- und zugedreht, und die Waldmenschen sitzen den ganzen Tag am liebsten nur in der Wanne.

Die sprachliche Kommunikation hält sich in Grenzen, auch die Gorillas wirken eher wie Büffelherden, die über ein missmutiges "Muh!" nicht hinauskönnen. Einzig die Gibbons schwingen sich durch die Bäume und singen dazu.

Sprachmäßig gibt es Gestalten wie das äffische Wunderkind Kanzihier in einem Film zu sehen, der den Eindruck eines subnormalen Muskelprotzes mit den geistigen Fähigkeiten eines Zweijährigen vermittelt, der allerdings kaum etwas anderes äußern kann als enthusiastische Quietschlaute. Mag der schlaue Bonobo auch rund 200 Symbole für englische Wörter auf einem Bildschirm erkennen können —Lesern der Poe-Geschichte bleibt dennoch stets der Moment gewärtig, wo die häusliche Idylle des Filmchens in eine Horror-Szene à la Hammer-Films umschlagen könnte.

Orang Utan. Foto: Kabir Bakie. Lizenz: CC BY-SA 2.5

Betrachtet man die heute verbliebenen Hominiden, tut man sich schwer, einen besonders nahen Verwandten des Menschen unter ihnen zu identifizieren. Am ehesten noch den Orang Utan, der ja tatsächlich über rund eine Million Jahre als Ko-Evolutionist des Menschen in Südostasien überlebt hat. Als einziger Menschenaffe läuft der Orang Utan beispielsweise, wie der Mensch, auf den Handballen, er setzt die Hände vorne seitwärts auf, ganz ähnlich, wie ein Baby oder auch jeder erwachsene Mensch, der sich auf allen vieren voran bewegt. Die Genetik platziert den Orang Utan jedoch in relativ weiter Entfernung von uns. Nein, Schimpanse und Bonobo seien unsere nächsten Verwandten, heißt es — obwohl kein Mensch jemals einen solchen "Verwandten" in die eigene Wohnung mitnehmen könnte — im Gegensatz, beispielsweise, zu einem normalen Haushund.

Der vom Aussterben akut bedrohte Orang Utan — hier in einem weiteren Filmchen zu sehen - ist auch alles andere als ein Haustier. Zum Überleben braucht er aber besondere menschliche Zuwendungen. Und er bräuchte gigantische Zoo-Anlagen, die kostenmäßig mit Flughäfen vergleichbar wären. Die Option, die Tiere gesund zu pflegen und in Indonesien wieder auszuwildern, ist leider nicht mehr realistisch.

Dem jetzigen Menschen sind die heutigen Hominiden — die Menschenaffen — auf alle Fälle ausgesprochen unähnlich. Man könnte sagen, dass unsere elementare Karosserie noch in weiten Teilen übereinstimmt, aber dann muss man nur einmal den menschlichen Fuß im Detail betrachten, und die Ähnlichkeit fliegt schon gleich wieder zum Fenster hinaus.

Paviane. Foto: CC0 Public Domain.

Bizarrerweise sind es weder Bonobo noch Orang Utan, die uns am meisten ähneln — sondern der auf Deutsch auch gerne als "Hundsaffe" bezeichnete Pavian, dessen letzter gemeinsamer Verwandte mit uns vor vielleicht 25 Millionen Jahren lebte. Paviane leben in großen Gruppen, die in aktiver konstanter Kommunikation miteinander stehen. Gäbe es ein Handy für Paviane, sie würden es genauso benutzen wie wir Menschen. Andauernd.

Die Idee, dass der Mensch sich aus einem vielleicht schimpansenähnlichen Wesen entwickelt habe, indem er den Wald verließ und in die Pampa wanderte — umgeben von Giraffen, Wilde Beests, Wasserbüffeln, Rhinozerrossen, Löwen und Geparden — stimmt. Für den Pavian. Wenn wir das getan hätten, was wir angeblich getan haben — dann sähen wir heute so aus wie die Paviane. Wir hätten unsagbar kinderreiche Großfamilien, wir hätten ein Gebiss wie Graf Dracula, wir hätten dichtes Fell im Nacken, das uns vor den Bissen unserer Feinde schützen würde, und wir hätten mindestens einige "Wörter" in unserer Sprache, die jeder von uns kennen würde. Warnrufe, um anzudeuten, aus welcher Richtung die Gefahr droht. Und wir hätten heute schon Kapstadt erobert.

Im Pavian sehen wir ein Tier das uns ähnelt — oder wir ähneln ihm. Er ist ein Überlebenskünstler, er ist der Affe aus der Savanne, als den die Wissenschaft oft uns postuliert hat. Aber wir sind nicht unmittelbar verwandt. Wir sind vor langer Zeit am selben Bahnhof abgefahren. Wir haben unterschiedliche Evolutionszüge bestiegen, und sind heute an unterschiedlichen Stationen angekommen.

Nur: der Pavian ist das lebende Fossil, das es angeblich nicht gibt, das uns Aufschlüsse über unsere eigene Evolution liefert. Es ist der Pavian, nicht der Orang Utan von Poe, der uns zeigt, wie unsere Sprache entstanden ist. Nicht erst vor 30.000 Jahren, sondern vielleicht schon vor 30 Millionen Jahren.

Fortsetzung folgt

(Tom Appleton)

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