Was geht vor unter den Aufständischen in der Ost-Ukraine?

Ein Punk-Sänger aus Schachtjorsk unterstützt die Separatisten, will aber nicht schießen. Drängten konservative Kreise im Kreml den Militärchef der Donezk-Armee zum Rücktritt?

"Hallo! Wie geht's?" Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine schwache Stimme. Nur mit Mühe erkenne ich sie. Es ist die Stimme des Punk-Sängers, der noch nicht ganz wach scheint. Es ist Montagmorgen. Den Musiker traf ich im März in der Stadt Schachtjorsk. Die von Kohleschächten umgebene Bergarbeiterstadt liegt 55 Kilometer östlich von Donezk.

Der Sänger - nennen wir ihn Sergej, in der Ukraine ist das Nennen von Namen heute gefährlich - wohnte damals in einem Wohnwagen und bewachte einen Picknick-Platz für Bergarbeiter. Draußen regnete es. Auf dem Bett räkelte sich eine Katz. Wir tranken Tee und ich hörte mit Kopfhörern eine CD seiner Band "Djen Triffidow".

Den Namen der Band borgten sich die Musiker von dem gleichnamigen Roman des britischen Fantasy-Schriftstellers John Wyndham, der sich in seinen Büchern auf Katastrophen spezialisiert hatte. In seinem 1951 erschienenen Roman beschrieb er die Erblindung fast der gesamten Menschheit und den Kampf gegen giftige Pflanzen (Triffids), die sich auf der Erde ausbreiten.

Während der Regen an die Scheiben schlug und ich den harten, schnellen Punk von Djen Triffidow hörte, beobachtet mich Sergei aufmerksam. Er hoffte wohl, dass mir seine Musik gefällt. Die Mischung aus Perestroika-Rock, britischem Punk und anarchistischen Texten gefiel mir und ich versprach ihm, seine CD in Deutschland an Interessierte weiterzugeben.

Nachdenklich hielt ich damals das Booklet der CD in der Hand, auf dem eine brennende Landschaft mit einem halb zerstörten Bergarbeiterdenkmal zu sehen ist, das Bild einer Katastrophe. Die Realität in der Stadt Schachtjorsk war schon damals nicht weit von einer Katastrophe entfernt. Viele Schächte in der Region waren geschlossen. Bergarbeiter mussten unter Lebensgefahr in illegalen Schächten nach Kohle graben, um überhaupt ein Einkommen zu haben.

Am vergangenen Montag erzählte mir Sergej nun am Telefon, er sei noch vor den Gefechten um seine Heimatstadt Schachtjorsk nach Donezk geflüchtet. Jetzt arbeite er als Koch in einer Wohnung, die als Durchgangslager für sechs bis acht Flüchtlinge dient. Das Geld für die Lebensmittel komme von einer Wohltätigkeitsstiftung.

Ob er Zeit habe, Lieder zu schreiben? Er sei jetzt nicht in der Stimmung, meint der Musiker. Gerade sei im Zentrum von Donezk ein größeres Geschoss explodiert. Aber große Angst schien der Musiker nicht zu haben, obwohl am Stadtrand fast ununterbrochen gekämpft wird. Die Bewohner von Donezk - viele sind inzwischen geflohen - stehen hinter den Aufständischen, erzählt Sergej, dessen Stimme nun schon etwas flüssiger und wacher geworden war.

Ob die Menschen überhaupt noch ihre Häuser verlassen und die Lebensmittelläden noch geöffnet haben? "Die Leute gehen noch auf die Straße, ja. Wir haben keine Angst. Ein Teil der Läden und der Apotheken hat geschlossen."

Er wolle jetzt zurück in seine Heimatstadt Schachtjorsk, erzählte Sergej. Die sei bei den Kämpfen schwer zerstört worden. Doch nun hätten die Separatisten dort die Macht. Er sei ausgebildeter Elektriker und wolle helfen, die Stromversorgung in Schachtjorsk wieder aufzubauen. Seine alten Kollegen, mit denen er bis vor vier Jahren zusammengearbeitet habe, habe er schon angerufen.

Seine Eltern, beide 61 Jahre alt, hätten während der Kämpfe in Schachtjorsk sechs Tage im Keller auf Matratzen geschlafen. Auf die Straße zu gehen, sei zu gefährlich gewesen. Zum Glück sei das Mehrfamilienhaus, in dem er mit seinen Eltern lebte, unversehrt geblieben. Doch aus Sicherheitsgründen seien seine Eltern in die im Süden des Donezk-Gebietes gelegene Stadt Mariupol geflüchtet. Dort sei die Lage ruhig. Die Stadt sei in der Hand der Kiewer Truppen. Auch Dmitri Sagorenko, der Gitarrist der Band, sei geflüchtet. "Mit seiner Familie ist er im Auto in die südrussische Stadt Rostow am Don geflohen." Einfach sei das nicht gewesen. Die Familie musste durch einen Bombenhagel.

"Eigentlich wollte ich zu den Freiwilligen", erzählt Sergej. Mit "Freiwilligen" meint der Musiker die bewaffneten Einheiten der Separatisten. "Aber bei den Freiwilligen herrscht Unordnung." Was er genau mit "Unordnung" meint, sagt der Musiker nicht.

Er sei mit dem ganzen Herzen bereit gewesen "mit den Freiwilligen bis nach Kiew zu gehen". Aber er habe gemerkt, dass das nicht ging. "Ich bin kein Militär. Das ist nichts für mich." Dabei seien bei den Freiwilligen "ganz normale Leute". Aber er könne nicht auf Menschen zu schießen.

Dass die Aufständischen siegen, daran hat er keine Zweifel. Er selbst hoffe auf den Sieg. Wie die Stimmung in Donezk ist? "Bei uns im Donbass sind die Leute für die Freiwilligen." Anderswo, zum Beispiel in Gorlowka, der umzingelten Stadt mit den gefährlichen Chemiewerken, wo schon sehr viel zerstört sei, gäbe es kritische Stimmen. Dort fragten die Menschen die Aufständischen jetzt: "Wozu brauchen wir euren Krieg?"

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