Was haben Biokartoffeln im SUV zu suchen?

2018 bietet sich an, über unseren Lebensstil nachzudenken

Krisen- und Katastrophenszenarien sind übliche Zutaten an Zeiten- oder Jahreswenden. Allerdings gibt es daneben billige Tröstungen, die auch aufgewärmt nicht glaubhafter werden. Etwa wenn Angela Merkel sagt: "Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie heute", nun, eine gefällige Halbwahrheit.

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Sicher, die Wirtschaft boomt, viele Deutsche blicken optimistisch in die Zukunft, wie aktuelle Umfragen zeigen. Gerade die offenbaren aber auch, dass der Segen längst nicht überall ankommt: Trotz des Wirtschaftswachstums in den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich die Lebenssituation der Mehrheit der Bevölkerung in den Industriestaaten nicht wirklich verbessert. Die Reallöhne für die meisten Deutschen etwa klemmen seit Jahren.

Die Politik verfährt nach dem Trickle-down-Modell: Wenn man den Reichtum fördert, nutzt das angeblich auch den Armen. Aber wer genauer hinguckt, sieht: Der Riss durch die Gesellschaft vertieft sich. Immer mehr Rentner schaffen es nicht ohne Tafel durch den Monat.

Einer, der aus Profession genauer hinguckt, ist Deutschlands bekanntester Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er misst die gängige politische Praxis an der Pferdeäpfeltheorie: Man füttert die Pferde mit gutem Hafer, den naiven Spatzen am Ende der Kette bleiben die Körnchen aus den Pferdeäpfeln. Butterwegge interessiert sich jedoch für die gesellschaftlichen Hintergründe der "Horse and Sparrow Economics", für die Entstehung von Armut und die ideologischen Ursachen ihrer Verharmlosung.

Armut, so lautet sein Befund, wird hierzulande immer noch geleugnet oder verharmlost - und europaweit auch gerne "ideologisch entsorgt".

Marginalisierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung gehörten immer schon zu den eng mit Pauperisierung verbundenen Prozessen.

Christoph Butterwegge

Und weltweit ist Armut gemacht, nicht gottgegeben. Unser Wohlstand, unsere Demokratie, unser Friede beruhen auf der Armut der Anderen, auf Entrechtung und einer im Endeffekt gewaltbereiten Politik samt den Mitteln ihrer Durchsetzung. Das gilt nicht nur für die Armutsregionen und Schwellenländer des globalen Kapitalismus, sondern findet Anwendung bei Bedarf auch vor unserer eigenen Haustür - an Europas Peripherien.

Grüne Revolution? Die soll nach einem derzeit angesagten Narrativ neue Energien freisetzen. Jedoch, nicht allein die Pessimisten unter den kritischen Zeitgenossen finden: Um langfristige Erfolge zu erzielen, müsste es eher eine Komplettsanierung der weltweiten politischen und wirtschaftlichen Systeme geben. Und die lässt sich, will man weitere Knackse vermeiden, weder weiter aufschieben noch grün anlackieren. Zugespitzt formuliert: Jetztzeit ist Entscheidungszeit - für etwas Gründliches, Durchgreifendes (fundamental structural changes).

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Das Schlagwort von der "green economy" dagegen wird oft ohne die komplexen und multiplen Zusammenhänge gebraucht, in die es in Wahrheit involviert ist. In einer auseinander driftenden Welt kapitalistischen Hochmuts, die sich mit einer extremen Vielzahl an sozialen und ökologischen Herausforderungen konfrontiert sieht. Was ist der Kernbestand der grünen Revolution? Ratenweise Modernisierung eines längst überfälligen Modells - nur kein fundamentales Umdenken?

Dennoch, um Aufmerksamkeit zu heischen und Gemüter zu beruhigen, tun es die Modernisierungspillen. Noch. Beispiel automobile Zukunft. Deren Verheißungen bedienen gerade den Mainstream der Ökologiedebatte. Geredet wird ausschließlich über den Betrieb von E-Autos. Der hohe Ressourcenverbrauch im Prozess ihrer Herstellung, so argumentieren U. Brand und M. Wissen in einer aktuellen Studie1, werde dagegen kaum thematisiert. Von den für Elektrobatterien notwendigen Rohstoffen, die es gegebenenfalls gar nicht im erforderlichen Umfang gebe, ganz zu schweigen.

Während Gutgesinnte die Biotechnologie als neue Leitwissenschaft feiern, chauffieren stressgeplagte Mittelschicht-Mütter ihre Winzlinge mittels kraftstrotzender SUVs (Sport Utility Vehicles) in den Kindergarten - und offenbaren damit ihren Anteil am Klassencharakter der individualisierten Automobilität. Nebenbei frisst der hier manifeste Lebensstil die Errungenschaften in der Ökostromerzeugung damit unter der Hand wieder weg.

Bis 2020 wird Deutschland seine Klimaziele so jedenfalls nicht erfüllen. Biotechnologie ist also gut, verändert aber, wie das Beispiel zeigt, nicht automatisch unsere Einstellungen, unsere Ansprüche, unsere Lebensweise. Als Randnotiz: Der Geländewagenanteil am bundesdeutschen PKW-Bestand hat sich zwischen 2008 und 2015 mehr als verdoppelt. Beim Wochenendeinkauf landen so immer mehr Bioprodukte aus ökologischem Landbau hinter den breiten Kofferraumklappen eines SUV, der den errungenen Öko-Sieg sogleich unbeeindruckt zurück in die Luft pustet.

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