Was haben Laura H. und Werner Brand gemeinsam?

Gefälschte Rezensionen auf Amazon

Ein kleines Experiment bei Amazon. Weil sich manches davon vermutlich schon am Tag der Veröffentlichung dieses Artikels nicht mehr nachvollziehen lassen wird, kann man dieses Experiment auch mit den vielen Screenshots geistig nachvollziehen.

Wir klicken auf der Startseite auf „Bücher“ und geben dann im Suchfeld „elements“ ein, als würden wir nach Büchern zur Software eines großen Herstellers suchen.

Die Suchergebnisse sind wie folgt geordnet:

Nun klicken wir auf den ersten Treffer, von Robert Klassen und scrollen dann zu den Rezensionen runter. Alles schaut ganz normal aus, bis man sich die ersten beiden Bewertungen genauer ansieht:

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Sie sind nämlich 1:1 identisch, nur dass die ältere Rezension, vom 1.1.2008, von „Winfried Arzbach“ stammt, die jüngere (19.1.2008) von einer „Laura H.“ aus Dresden. „Laura H.“ hat schon zwei Anmerkungen, die wir uns doch gleich ansehen.

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Siehe da! Einer der beiden Kommentare stammt von „Winfried Arzbach“, der baff ist angesichts der Tatsache, dass „Laura H.“ die von ihm verfasste Rezension noch einmal per Copy&Paste an Amazon geschickt hat. Aber auch der andere Kommentar hat es in sich: „Jester Lewis“ beschwert sich darüber, dass „Laura H.“ insgesamt verdächtig ist. Gehen wir doch den Vermutungen von „Jester Lewis“ nach, indem wir uns das Profil von „Laura H.“ ansehen. Also ganz rechts oben auf „Laura H.“ klicken, und dann auf den kleinen Link „Alle 9 Bewertungen“.

Der resultierende Screenshot erstreckt sich über mehrere Bildschirmseiten und ist deswegen hinter diesem LINK hinterlegt.

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Es handelt sich um insgesamt neun Rezensionen, die sich thematisch über so unterschiedliche Bereiche wie Premiere Pro CS3 einerseits und UML andererseits erstrecken.

Dafür haben die neun Rezensionen drei Dinge gemeinsam. Erstens wurden sie allesamt am selben Tag verfasst, Samstag, 19. Januar. Zweitens wird stets das Maximum von fünf Sternen vergeben. Drittens stammen all diese thematisch so unterschiedlichen Bücher vom Galieo-Verlag.

Hat „Laura H.“ am 19.1.2008 noch öfter Copy/Paste betätigt? Ja.

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  1. Der Text „Das Standard-Nachschlagewerk“ zu „Webseiten programmieren und gestalten“ stammt eigentlich vom „Soot Black“ vom 12. Februar 2007.
  2. Der Text „Das perfekte UML-Einsteigerbuch“ zu „UML 2.0“ wurde am 29. Januar 2007 von „Havoc ‚ServerSide’“ verfasst.
  3. „Ein Top-Buch!“ zu „Premiere“ lässt sich besonders schön screenshotten, weil die Texte direkt nacheinander stehen:
  4. „Umfangreich und sehr gut“ wurde von „c4dtwo3d“ aus Hessen am 12. April 2007 eingestellt:
  5. Die Joomla-Rezension ist mit keiner Kunden-Rezension identisch, kombiniert dafür aber Phrasen aus der Amazon-Redaktions-Rezension und der Rückseite des Buchs:
  6. Auch bei der Flash-Rezension wurde aus der Redaktions-Rezension übernommen.

Ein Einzelfall? Gar nicht so leicht herauszufinden, denn es stehen dem Website-Besucher ja keine Suchmechanismen zur Verfügung, mit denen er sich gezielt auf die Jagd nach Doppelrezensionen machen könnte. Es bleibt also nur das gezielte Stöbern. Immerhin gibt es einen Anhaltspunkt, nämlich den Lieblingsverlag von „Laura H.“.

Und in der Tat: Bei einem weiteren Werk von Galileo begegnen wir der Schwester von „Laura H.“ aus Dresden, nämlich der „Annette H.“ aus Duisburg.

Es geht um das Buch „Das Kamerahandbuch Canon EOS 400D“ von Martin Schwabe. Wenn man einen Blick in die Rezensionen wirft, findet man die Rezension von Annette H. (Duisburg) vom 1.8.2007;

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die 1:1 identisch ist mit der von Werner Brand (Bad Sinzig) von Samstag, den 29.12.2007

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Bemerkenswert. So eng scheinen Laura und Annette doch nicht verwandt zu sein, denn während Laura Texte klaut, scheint Annette ihre Rezension originär verfasst zu haben. Annette H. hat übrigens auch nur diese eine Rezension bei Amazon eingestellt. Sollte es vielleicht so sein, dass der Rezensionsmanipulator nicht nur Annette H.s Rezension klaute, sondern sich auch von ihrem Geschlecht, ihrem Nachnamenskürzel und dem Anfangsbuchstaben ihres Wohnorts inspirieren ließ, als der das nächste Mal Rezensionen fakte? Aufgrund der Phantasielosigkeit des Manipulators wäre das zumindest nicht überraschend.

À propos Manipulator. Gehen wir zurück zu Werner Brand aus Bad Sinzig. Nur am Rande sei bemerkt, dass es zwar eine Stadt Sinzig mit einer Kurbad GmbH gibt, aber keinen Ort namens „Bad Sinzig“. Werfen wir einen Blick in die andere Rezensionen Werner Brands. Er hat nur eine weitere, ebenfalls vom 29.12.2007, ebenfalls über ein Werk von Galileo, nämlich „Einstieg in Adobe Flash CS3“. Und auch diese Rezension ist geklaut, denn sie entspricht der vom 5. Oktober 2007 von Hans Alberstadt.

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Am 15. April 2007 berichtete Helmut Merschmann auf Spiegel Online über die Probleme mit gefakten Rezensionen auf Amazon.de. Drei Absätze des Artikels handeln von den Problemen von Galileo Press mit negativen Amazon-Rezension, die der Verlagsleiter „regelrechte Kampagnen“ und „organisierten Missbrauch“ nennt. Irgendwer hatte seit 2002 das „Verlagssortiment gezielt schlecht gemacht und negativ bewertet“. Die Negativ-Rezensenten hatten verschiedene Namen und Accounts verwendet und eine „regelrechte Tarnung“ betrieben.

Nun, zumindest in Sachen „regelrechter Tarnung“ könnte der Pro-Galileo-Manipulator offensichtlich noch eine Menge lernen von den Galileo-Niedermachern, denn schlampiger als Laura H./Werner Brand kann man Rezensionen einfach nicht fälschen.

Dabei scheint das Faken positiver Rezensionen, so munkeln Insider, gängige Münze im Umfeld von Computerbuchverlagen zu sein. Die Produkte sind schnelllebig, müssen rasch umgesetzt werden und stehen in direkter Konkurrenz zu anderen Werken, von denen man sich nur durch besonders positive Bewertungen abheben kann. Wer Computerbücher kauft, ist überdurchschnittlich computeraffin und dürfte sich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit im Internet (d.h. bei Amazon) vorab informieren. Auch wenn Amazon für weniger als 10% der Umsätze der Verlage direkt verantwortlich ist, darf man nicht die Multiplikatorfunktion vergessen: Viele Käufer kucken bei Amazon, um dann woanders zu kaufen.

Nur wenige sind so schamlos, negative Rezensionen zu faken, aber es geschieht trotzdem: Oft erscheint innerhalb weniger Tage nach Erscheinen eines Computerbuchs schon die erste 1-Stern-Rezension; diese sollen sich stilistisch so gleichen, dass Insider einen gemeinsamen Ursprung annehmen.

Um Ärger mit den großen Verlagen zu vermeiden, ist Amazon heute meistens bereit, 1-Stern-Rezensionen binnen kurzer Frist zu entfernen. Je weniger Argumente die Rezension anführt, desto eher wird dem Wunsch des Verlages oder Buchautor stattgegeben. Dabei kann natürlich auch ab und zu die eine oder andere legitime Rezension dran glauben, und so verschiebt sich das Wertungsgefüge bei Computerbüchern immer mehr ins Positive.

Der Dumme dabei ist der Kunde, denn das eigentlich nützliche Rezensionswesen wird dadurch weitgehend entwertet. Amazon könnte zwar einen Riegel vorschieben (Rezensionen nur noch von Kunden, die mindestens eine Bestellung vorgenommen und bezahlt haben, d.h. die also „echt“ sind; oder gar nur Rezensionen der Bücher, die bei Amazon gekauft wurden), wird dies aber mit Sicherheit nicht tun, denn Content ist Geld wert, und besonders attraktiv ist er, wenn er kostenlos von Websurfern erstellt wurde.

Folglich kann man sich nur selbst helfen. Bei extrem positiven oder negativen Rezensionen lohnt immer ein Blick in die weiteren Rezensionen des Autors. Steht dort nichts, oder handelt es sich ausschließlich um 5-Sterne-Rezensionen für den denselben Verlag, oder handelt es sich ausschließlich um 1-Stern-Rezensionen für verschiedene Verlage, kann man die Rezension ignorieren. Eine gute Strategie ist, sich auf Rezensionen mit 2-4 Sternen zu konzentrieren und diese schlichtweg zu lesen und nicht nur auf die absoluten Punkte zu achten. Damit bekommt man am einfachsten präzise Informationen über die Vor- und Nachteile eines Buchs.

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