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Was heißt es, dass psychische Störungen Gehirnstörungen sind?

Bild: Lotusblute/pixabay.com/Pixabay-Lizenz

Ein neurophilosophischer Versuch

Milliarden an Steuer- und anderen Geldern werden Jahr für Jahr in die genetische und neurowissenschaftliche Erforschung psychischer Störungen gesteckt. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass sich die Probleme der Menschen auf dieser Ebene verstehen und behandeln lassen. Zehntausende Forscher gehen weltweit diesen Fragen nach und potenziell hunderte Millionen Patienten sind davon betroffen, was diese Forscher finden - oder auch nicht finden.

Die Frage, was psychische Störungen sind und auf welcher Ebene sie am besten beschrieben werden können, ist darum nicht nur theoretisch interessant, sondern auch unmittelbar praktisch relevant. Tatsächlich kritisierten [1] einige führende Psychiater erst 2016 im British Journal of Psychiatry, dass der Neurohype in ihrem Fach zu viel Geld verschlinge. Für wichtige Ansätze etwa zur Suizidprävention, zur Förderung von Eltern mit psychischen Problemen oder für bessere Lernumgebungen für benachteiligte Kinder bleibe dann kein Geld übrig.

Von dem National of Institute of Mental Heath (NIMH), der vielleicht größten psychiatrischen Forschungseinrichtung der Welt, heißt es in dem Aufsatz, dass 85% des Milliardenbetrags, den das Institut Jahr für Jahr bekommt und in Forschung investiert, in die Neurowissenschaften gehe. Ob das Patienten jemals etwas nutzen wird, steht in den Sternen.

Das überrascht nicht, wenn man weiß, dass der vorherige NIMH-Direktor Thomas Insel psychische Störungen als "gestörte Schaltkreise" [2] im Gehirn beschrieb und sein Nachfolger Joshua Gordon (seit 2016) sein eigenes Fach als "Schaltkreisepsychiatrie" [3]. Wenn ich so einen Aufsatz von Gordon lese, dann bekomme ich den Eindruck, dass in der Tat nur Schaltkreise behandelt werden - und dann auch nur solche von Mäusen oder anderen Nagetieren -, und nicht Menschen.

Damit befinden sie sich in der guten Gesellschaft des Physiologie-Nobelpreisträgers Eric Kandel, dem folgendes Zitat nachgesagt [4] wird: "Alle psychischen Prozesse sind Gehirnprozesse und darum sind Störungen der psychischen Funktionen biologische Erkrankungen. Das Gehirn ist das Organ der Psyche. Wo sonst sollten sich psychische Störungen befinden, wenn nicht im Gehirn?"

Mir sind auch schon aufstrebende junge Psychiater begegnet, die dank ihrer langen Publikationslisten im biomedizinischen Bereich in Bälde auf die Lehrstühle vorrücken werden, und mir erwiderten: "Was sollen sie denn sonst sein, wenn nicht Gehirnstörungen?" Vielleicht biopsychosoziale Störungen, die sich nicht auf neuronale Prozesse reduzieren lassen? Aber das ist ja so 1977 [5], damit kriegt man heute freilich keine Forschung mehr finanziert. Und sicher auch keine Publikationen mehr in Science oder Nature.

Und mir sind auch schon alte Hasen begegnet, die auf Nachfrage einräumten, dass sie das mit den Gehirnstörungen selbst gar nicht glauben, sondern es nur der Fördergelder wegen in ihre Publikationen und Anträge schrieben. Eine gute Portion Pragmatismus und Opportunismus hat der Forscherkarriere noch nicht geschadet. Der Wind weht nun einmal seit den 1990ern, der Dekade des Gehirns [6], in Richtung Neuro.

Was sind Gehirnstörungen?

Für das heutige Intermezzo gibt es gerade zwei aktuelle Anlässe: Erstens die immer noch voranschreitende Diskussion in meinem Beitrag "Warum wir dringend mehr Philosophie brauchen" [7], in dem ich am Rande auf Beispiele aus der Neurophilosophie einging.

Zweitens der kurze Gastvortrag einer jungen Psychologin gestern in meiner (leider schon wieder letzten) Vorlesung meines Kurses "Philosophie der Psychologie", die verschiedene Fachleute dazu befragt hat, wie sie über Depressionen denken. Allein schon, weil ich einmal eine Studie als "Schimmel & Schleim (2020?)" zitieren möchte, hoffe ich sehr, dass daraus eine gemeinsame Veröffentlichung wird. Ja, so appetitlich kann philosophisch-psychologische Forschung sein.

In der anschließenden Diskussion stellten meine Studierenden dann die Frage, was das überhaupt heiße, dass (beispielsweise) Depressionen eine Gehirnstörung sind. Da habe ich in der Pause Folgendes an die Tafel geschrieben und im Anschluss näher erklärt:

Die Aussage "X ist eine Gehirnstörung" bedeutet für psychische Störungen, dass

1. die mit X verbundenen Probleme des Patienten/der Patientin in "Gehirnsprache", also in Wörtern der Neurologie oder Neurowissenschaften, beschrieben werden können, zumindest besser als in den Wörtern der Psychologie;

2. die Störung X durch neurowissenschaftliche oder genetische Verfahren zuverlässig diagnostiziert werden kann, jedenfalls zuverlässiger als mit den Verfahren der Psychologie; und

3. der Therapieverlauf (also eine Verbesserung/Verschlechterung der Symptome) sich durch ein neurowissenschaftliches oder genetisches Verfahren bestimmen lässt, mindestens so gut wie mit psychologischen Verfahren.

Wenn die Sache mit den Gehirnstörungen so eindeutig ist, wie manche es immer wieder behaupten, während sie Abtrünnige gerne in eine Ecke mit Leib-Seele-Dualisten oder Fundamentalisten rücken, dann sollte sich das machen lassen. Wie viele "Biomarker", also biologische Diagnosemerkmale, finden sich etwa in dem Diagnosehandbuch DSM von 2013? Lassen wir dazu einen erfahrenen Forscher zu Wort kommen:

Eine Einteilung der psychischen Krankheiten nach ihrem Wesen, d. h. nach den ihnen zu Grunde liegenden anatomischen Veränderungen des Gehirns, ist derzeit nicht möglich.

Das schrieb kein Geringerer als Wilhelm Griesinger, Mitgründer der Züricher Universitätspsychiatrie auf dem Burghölzli, der später an der Charité Professor wurde und viel bewirkt hat. Hat, denn er starb 1868 im Alter von nur 51 Jahren an Diphtherie, ausgerechnet der Erkrankung, über die er seine Doktorarbeit geschrieben hatte.

Er schrieb den Satz schon 1845 in seiner "Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten für Aerzte und Studirende". Darum nennt man ihn heute bisweilen auch den "Vater der Neuropsychiatrie". Sein Befund ist jedenfalls nach über 170 Jahren Biologischer Psychiatrie immer noch zutreffend. Das Feld scheint eine Sackgasse zu sein, auf der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, die es wahrscheinlich nicht einmal gibt.

Aber man sollte niemals nie sagen. Und im DSM-5 finden sich ja, je nach zählweise, rund 200 bis 600 verschiedene psychische Störungen. Da muss es irgendwann doch einmal klappen. Wenigstens bei einer.

Um es etwas spannender zu machen, will ich (einmalig) EUR 500,- für Ärzte ohne Grenzen spenden, wenn jemand auch nur eine Störung aus dem DSM-5 findet, die die drei Bedingungen erfüllt, die also in diesem Sinne eine Gehirnstörung ist.

Und wenn das nicht gelingt, sollte man dann nicht so ehrlich sein und einräumen, dass das Gefasel von den psychischen Störungen als Gehirnstörungen nicht mehr ist als ein PR-Trick? Finden wir es heraus!

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" [8] des Autors.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4271593

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/rethinking-funding-priorities-in-mental-health-research/3D8B174D491BFADD07071F7611B2638F
[2] http://www.spektrum.de/magazin/gestoerte-schaltkreise/1067440
[3] https://www.nature.com/articles/nn.4419
[4] https://www.apa.org/monitor/2012/06/roots.aspx
[5] http://science.sciencemag.org/content/196/4286/129.long
[6] http://www.loc.gov/loc/brain/proclaim.html
[7] https://www.heise.de/tp/features/Warum-wir-dringend-mehr-Philosophie-brauchen-4265336.html
[8] http://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/