Was ist Bewusstsein?

Und was wissen wir, wenn wir diese Frage beantworten? Ansätze aus Kognitionswissenschaften und Philosophie

Es ist eine Frage, mit der man so manchen Prüfling in den Kognitionswissenschaften oder der Philosophie in Angst und Bange versetzen könnte: Was ist Bewusstsein? Und es ist die Frage, mit der die Moderation in die Diskussion einsteigen wird. Als ob jemand das so genau wüsste ...

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Klar, man kann es philosophisch aufziehen und erst einmal fragen, worauf sich der Begriff bezieht: Auf ein Wesen als Ganzes, auf die Eigenschaften eines psychischen Vorgangs ("bewusst") oder gar auf eine eigene Entität Bewusstsein, auf ein eigenständiges Ding?

In einem Artikel über den "Geist" erklärte ich vor Kurzem, warum ein verdinglichendes Denken mehr Probleme aufwirft, als es löst (Körper ist Geist). Ebenso, wie ich dort vorschlug, "Geist" bloß als Sammelbegriff für die psychischen Vorgänge zu verwenden, möchte ich es auch für "Bewusstsein" tun: Es ist keine eigenständige Entität, sondern ein Sammelbegriff für die bewussten psychischen Prozesse. Lebewesen mit Bewusstsein sind dann solche, die bewusste Prozesse haben; erstes Problem gelöst.

Was aber sind bewusste Prozesse? Auch hier hilft uns die Philosophie wieder weiter, jedenfalls als erste Orientierung. Kennzeichnende Merkmale sind demnach vor allem der subjektive Charakter und die qualitativen Eigenschaften: Der bewusste Prozess ist erst einmal nur demjenigen zugänglich, der ihn hat, und er hat eine bestimmte Erlebnisqualität. Ersteres wird manchmal als Erste-Person-Perspektive ausgedrückt, Letzteres als "wie es sich anfühlt". Damit sind nicht nur Gefühle gemeint, sondern ein Erlebniseindruck überhaupt, etwa der Druck der Tasten gegen meine Finger oder die Wärme der Teetasse neben mir, wenn ich gleich einen Schluck trinke.

"Wie fühlt sich ein Sonnenuntergang an? Oder der Klang einer Trompete?" Bei diesen Fragen geht es um die Erlebnisqualität beim Ansehen eines Sonnenuntergangs (das kann auch auf einem Gemälde sein oder Ähnlichem) oder beim Hören einer Trompete. Sie lassen sich beantworten, wenn auch nicht einheitlich. Vielleicht verbinde ich mit Ersterem einen romantischen Kuss mit einer Jugendliebe, doch wäre jemand anders fast in der in rot getauchten See ertrunken. Es ist daher gut möglich, dass sich diese Erlebnisse für uns anders anfühlen.

Es sind jedoch keine rein philosophischen oder intellektuellen Fragen. So könnte etwa ein Blinder völlig berechtigt nach dem Gefühl eines Sonnenuntergangs fragen, oder ein Tauber nach dem Gefühl des Klangs einer Trompete. Wie würden Sie ihm oder ihr dies erklären? Dabei sind alle Antworten durch die uns verfügbare Sprache vermittelt - ein Poet wird wahrscheinlich anders antworten als ein Zwölfjähriger. In der philosophischen Disziplin der Phänomenologie oder der introspektiven Psychologie, die beide in der heutigen Wissenschaft ins Hintertreffen geraten sind, versuchte man sich an der Systematisierung und Verfeinerung solcher Beschreibungen.

Es gibt natürlich noch weitere Eigenschaften des Bewusstseins, doch ich will es hier nicht noch komplizierter machen. Interessanterweise fiel mir gerade beim Sortieren meiner Bücher für einen Umzug wieder einmal das Buch des amerikanischen Philosophen Daniel Dennett aus dem Jahr 1991 in die Hände. Die Chuzpe muss man erst einmal haben, sein Werk "Consciousness Explained" zu nennen - also nicht nur zu suggerieren, das Phänomen sei erklärt worden, sondern auch, dass man selbst diese Erklärung beigesteuert habe.

Jedenfalls schrieb Dennett in der Einführung seines "Meisterstücks"…

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"Beim Thema Bewusstsein herrscht jedoch immer noch ein fürchterliches Durcheinander. Das Thema Bewusstsein zeichnet sich heute dadurch aus, dass es sogar die anspruchsvollsten Denker schweigend und verwirrt zurücklässt. Und, wie bei allen früheren Mysterien, bestehen viele darauf - und hoffen -, dass es niemals zur Demystifizierung des Bewusstseins kommen werde." (S. 22; meine Übersetzung)

…um dann seine Schlussfolgerung mit dem folgenden Satz zu beginnen:

"Meine Erklärung des Bewusstseins ist bei weitem nicht vollständig. Man könnte sogar sagen, dass sie nur ein Anfang war…" (S. 455; meine Übersetzung)

Hier sollte man als Leser vielleicht sein Geld zurückverlangen, insbesondere wenn es im Folgenden, also nach mehr als 450-seitiger Lektüre heißt:

"Alles, was ich wirklich getan habe, ist das Ersetzen einer Familie von Metaphern und Bildern durch eine andere … Es ist bloß ein Kampf der Metaphern, sagen Sie - doch Metaphern sind nicht 'nur' Metaphern; Metaphern sind die Werkzeuge des Denkens. Niemand kann ohne sie über Bewusstsein nachdenken, daher ist es wichtig, sich selbst mit den besten verfügbaren Werkzeugen auszustatten." (S. 455; meine Übersetzung)

"Metaphern des Bewusstseins" wäre wohl ein treffenderer und ehrlicherer Titel gewesen. Wie dem auch sei, die Frage, ob man es nicht vor allem mit Metaphern zu tun hat, sollte man sich auch in der heutigen Bewusstseinsforschung stellen. Wie oft ist dort etwas von "Informationsverarbeitung" die Rede, ohne dass klar wäre, um was für Prozesse es eigentlich geht.

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