Was ist Naturalismus?

Der Streit um die Unmöglichkeit des Übernatürlichen

Bisher haben wir uns mit Definitionen wichtiger philosophischer Begriffe wie "Materialismus" und "Reduktionismus" beschäftigt (Wissenschaft und Religion: Konflikt oder Kooperation?). Am Ende des zweiten Teils ging es dann um die wissenschaftlichen Erklärungen von Alltagsphänomenen, etwa der Glätte von Eis oder dem Heben des Arms (Reduktionismus und die Erklärung von Alltagsphänomenen). Dabei fanden wir heraus, dass bei näherer Betrachtung erstaunlich viele Fragen offenblieben.

Solche Beispiele sind auch für einen anderen "Ismus" von Bedeutung, der durch so manche Online-Diskussion geistert: den Naturalismus. Ein Blick in die Stanford-Enzyklopädie für Philosophie verrät sofort: "Der Term 'Naturalismus' hat in der heutigen Philosophie keine sehr genaue Bedeutung."

Viele Bedeutungen

Mal meint man damit, dass die Naturwissenschaften alles erklären können (das wäre also eine epistemische Interpretation, das Erklären und Wissen betreffend); mal will man die Möglichkeit übernatürlicher Phänomene - wie Gedankenlesen/Telepathie oder Levitation - ausschließen (eine Aussage über das Sein und damit ontologisch).

Im Prinzip stecken die wesentlichen Zutaten schon im Materialismus/Physikalismus, wie wir ihn vorher in der Serie kennengelernt haben. Historisch waren im Englischen die naturalists übrigens schlicht Naturforscher, ging es also gar nicht um Philosophie. Der Wissenschaftsphilosoph Peter Janich (1942-2016) bezeichnete Naturalismus in einem Essay im Spiegel einmal als Gläubigkeit gegenüber den Naturwissenschaften und lag damit meiner Meinung nach ganz richtig.

Aberwitzig wird es, wenn Naturalisten ihr Mantra "In der Welt geht es mit rechten Dingen zu!" herbeten, denn so haben früher schließlich religiöse Naturwissenschaftler Gott gesehen: Als das Wesen oder Prinzip, das Ordnung in der Welt und damit Naturerkenntnis überhaupt erst ermöglicht; so hielten manche dann auch die Natur für die göttliche Offenbarung, die es zu studieren gelte.

Wenn man lange genug mit einem Naturalisten diskutiert, wird er vielleicht präzisieren: Er wolle primär die Existenz eines Schöpfergottes ausschließen, wie man ihn sich im Christentum vorstellt. Oder insbesondere die Möglichkeit von Wundern. Das lenkt die Diskussion dann auf die Frage: Was sind Wunder?

Natur und Wunder

Hierzu findet sich eine alte philosophische Diskussion. Schon David Hume (1711-1776) erläuterte den schwierigen Standpunkt des Wundergläubigen, einerseits erklären zu müssen, dass ein Vorgang eigentlich unmöglich ist, denn sonst wäre er kein Wunder, und andererseits darzulegen, dass er eben passierte. Und wie viele Vorgänge, die für uns heute selbstverständlich sind, wie das Sprechen mit räumlich abwesenden Personen (Telefonie, Chats), hätte man vor wenigen Jahrhunderten noch für ein Wunder gehalten?

Der Verdacht liegt nahe, dass der Naturalist in einer Pattsituation - nämlich die Existenz eines Gottes oder anderer religiöser Phänomene weder objektiv beweisen noch widerlegen zu können - die heute sehr einflussreich gewordene Naturwissenschaft gegen seinen Diskussionsgegner instrumentalisieren will. Und wer ist sein Diskussionsgegner? Eben der Gläubige, für den es "Übernatürliches" gibt.

Verfechter des Naturalismus - allen voran Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens, auch bekannt als die "Vier Reiter des Neuen Atheismus" - schreiben zwar auflagenstarke Bücher. Von ihrem persönlichen Profit abgesehen scheinen ihre Bemühungen aber nicht sehr erfolgreich zu sein, wenn man sich das Erstarken der Religionen sowie des religiösen Fundamentalismus weltweit vor Augen führt: Schätzungsweise sehen sich gerade einmal 16 Prozent der Weltbevölkerung als nichtreligiös.

In den USA, einer der wichtigsten westlichen Demokratien, hat man es jüngst wieder gesehen: Dort werden zu bedeutenden politischen Anlässen Pfarrer eingeladen und betet man gemeinsam im Parlament: "In God we trust. And God bless America. Amen." Manche Republicans bezeichnen sich dort gerne als "God's Own Party", kurz GOP. Das ist nur ein umgedrehter Buchstabe entfernt von "God".

Hier in den Niederlanden reagieren viele mit Unglauben, wenn ich erzähle, dass in Deutschland fast alle Regierungsmitglieder seit Gründung der BRD bei der Vereidigung auf Gott geschworen haben. (Gerhard Schröder verzichtete 1998 als erster Kanzler auf den Zusatz "So wahr mir Gott helfe.")

Und dabei ist noch nicht einmal an die größte Demokratie der Welt gedacht, wo man an eine Vielzahl von Göttern und übernatürlicher Phänomene glaubt, nämlich Indien.