Was ist Wissenschaft?

Wissenschaft prägt unser Welt- und Menschenbild - erstaunlich, wie selten über sie reflektiert wird

In unserer Wissensgesellschaft geht es nicht nur um Wissen, Fortschritt und Erkenntnis, sondern auch um Aufmerksamkeit, Fördergelder, die Besetzung universitärer Lehrstühle und Hoheit in gesellschaftlichen Debatten. Kurz, es geht darum, welche Ansichten und Ideen als zeitgemäß und vertretbar gelten und welche in den Bereich der Pseudowissenschaft und Esoterik abgeschoben werden. Welche Meinung darf unter Berufung auf Wissenschaft Realität und Geltung für sich beanspruchen?

Es ist auffällig, dass trotz den vielen neu entstandenen Wissenschaftsmagazinen und -sendungen die Frage nach den Regeln und Standards der Wissenschaft selten thematisiert wird. Dabei ist es für uns von entscheidender Bedeutung, wie Wissen vom Nichtwissen getrennt wird. Kann die Wissenschaftsphilosophie hier vermittelnd und regulierend eingreifen?

In unserer Wissensgesellschaft wird täglich neues Wissen produziert. Der Philosoph Ludwig Fahrbach von der Universität Düsseldorf spricht gar von einem exponentiellen Wachstum des Wissens und seiner Verdopplung alle 20 Jahre. Das würde bedeuten, dass den Menschen vor wenigen Generationen nur ein Bruchteil des heutigen Wissens zur Verfügung gestanden hätte. Während vieles davon für einen kleinen Kreis von Fachleuten interessant ist, setzen sich manche wissenschaftliche Ergebnisse auch in den Alltag fort. Über technische Anwendungen und medizinische Neuerungen beeinflussen sie unsere Lebenswelt und -spanne. So hat der Fortschritt in der Medizin in den letzen Jahrzehnten unser Denken darüber verändert, wann ein Mensch als tot gilt: Irreversibles Erlöschen der Hirnfunktionen ist in vielen Ländern das Kriterium, wo vorher Herzschlag und Atmung entscheidend waren.

Manche normativen Bestimmungen verändern sich also mit der Messbarkeit, der wissenschaftlichen Erforschbarkeit der Natur und des Menschen. Aktuell ist der Teilhirntod im Gespräch, dessen Befürworter bereits das Erliegen von Stammhirn- oder Großhirnfunktion für hinreichend halten, um einen Menschen für tot zu erklären. Das umstrittene Konzept hat sich bisher aber nirgends durchgesetzt und Länder wie Indien und Japan stehen selbst dem weltweit verbreiteten Hirntodkriterium noch ablehnend gegenüber.

Doch auch unabhängig von Technik und Medizin hinterlässt die Wissenschaft nicht nur ihre Spuren, sondern greift deutlich prägend in die Gesellschaft ein. Dort nämlich, wo das Wissen selbst die Menschen und ihre Vorstellungen darüber verändert, was wirklich ist und was nicht. So sind manche der Meinung, der Fortschritt der Wissenschaften würde den Glauben an einen Gott unplausibler machen. Von der Hand weisen lässt sich zumindest nicht, dass heute wissenschaftliche Erklärungen von Naturerscheinungen und menschlichen Verhaltensweisen verfügbar sind, wo es früher nur religiöse oder abergläubische gab. Naturspektakel wie Blitze werden als elektrische Entladungen verstanden und nicht mehr als göttlicher Zorn.

Die jüngste Debatte um die Willensfreiheit ist ein weiteres Beispiel, in dem es nicht nur um philosophische Spekulationen, sondern auch um Forderungen nach einem neuen Menschenbild und Strafrecht geht. Der Streit um die Wissenschaftlichkeit des Intelligent Design setzt sich bis in die Bildungspolitik fort – was soll den jungen Menschen von heute in der Schule vermittelt werden und was nicht? Was wird mit dem begehrten Stempel von Wissenschaft und Rationalität versehen, was wird als absurde Ideologie dargestellt? Mit einem Verweis auf solche Beispiele hebt Carl-Friedrich Gethmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und Professor an der Universität Duisburg-Essen, die wichtige Aufgabe der Philosophie hervor:

Wir wissen historisch, dass es Weltbilder gibt, die ideologisch fundiert und sogar gesellschaftlich gefährlich sind. Daher können wir als Wissenschaftsphilosophen die Genese von Weltbildern nicht naturwüchsigen Prozessen überlassen. Man sollte als Wissenschaftsphilosoph auf die Frage des Unterschieds von Wissenschaft und Pseudowissenschaft eine Antwort geben können.

Auch Holger Lyre, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Bonn, sieht für die Philosophie eine Chance darin, durch eine kritische Reflexion der Wissenschaften für die Vermittlung von Forschung in die Öffentlichkeit und Politik eine wichtige Rolle zu spielen. „Denn wir brauchen eine neue Art Aufklärung“, begründet er seine Ansicht und warnt davor, die Wissenschaft entweder als absolut oder nur als eine spezielle Art von Glaubensform anzusehen. „Wir müssen sie in ihrem Kern verstehen, da unsere modernen Lebensbedingungen von ihr abhängen.“ Um die Wissenschaft zu verstehen, werden hingegen meist die Forscher selbst befragt und nicht etwa Philosophen.

So erhebt auch Gert Scobel, Wissenschaftsmoderator bei 3sat, Zweifel an der Eignung von Philosophen. Sie seien nicht gerade geschickt darin, sich und ihre Aufgaben in der Öffentlichkeit darzustellen. Daher verwundere es kaum, wenn sich viele Menschen die Frage stellten: „Können Wissenschaftler, wenn sie genau und klar nachdenken, nicht dasselbe leisten wie Philosophen?“ Man muss Scobel allerdings entgegnen, dass es nicht nur um eine Frage des theoretischen Könnens, sondern des tatsächlichen Tuns geht. Wissenschaftliche Karrieren beruhen darauf, Belege dafür zu liefern, was funktioniert und nicht das Gegenteil.

Es wäre eine romantische Vorstellung weitab des Forschungsalltags, die Wissenschaftler würden sich an Karl Poppers Prinzip der Falsifikation orientieren und ihre eigenen Ergebnisse zu widerlegen versuchen, um so zu besseren Theorien zu gelangen. Diese Aufgabe übernehmen in einem langen Prozess der Auslese durch Versuch und Irrtum höchstens die Konkurrenten. Sich darüber hinaus über soziale oder gar ethische Konsequenzen Gedanken zu machen, das wird von manchen Forschern bestenfalls als ein nebensächlicher, schlimmstenfalls als ein hinderlicher Luxus angesehen. Weitergehende Fragen, was mit Wissenschaft und Technik in einer Gesellschaft anzufangen sei oder welche Bestätigungsgrade bestimmtes Wissen genießt, lassen sich nicht im Labor beantworten und gehören zum Arbeitsgebiet von Wissenschaftsphilosophen.

An diesen Fragen müsste uns in einer Wissensgesellschaft sehr viel liegen; auch daran, die Interaktion von Gesellschaft und Wissenschaft, von empirischen Daten und Meinungen nachzuvollziehen und, wo nötig, regulierend in sie einzugreifen. In Spezialgebieten werden durchaus ethische und gesellschaftliche Überlegungen in juristische Normen umgesetzt, wie sich an den Beispielen der Gentechnik, des Tierschutzes oder der Sterbehilfe nachvollziehen lässt. Diese sind zwar nicht in Stein gemeißelt, doch zumindest zeitweise verbindliche Vorschriften für Wissenschaftler und Mediziner.

„Wissenschaftliche Forschung hat weitreichende Implikationen, man denke nur an ihre ethischen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen“, pflichtet auch Frieder Meyer-Krahmer bei, Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und Professor für Innovationsökonomie in Straßburg. „Diese Aspekte sollten so früh wie möglich in die Forschungsförderung aufgenommen werden“, ergänzt er. Ernüchternd sind dem gegenüber aber die Zahlen zur Forschungsförderung des Bundes: Milliarden werden in natur- und ingenieurswissenschaftliche Forschung investiert, aber nur Millionen in geisteswissenschaftliche.

Es liegt auf der Hand, dass ein vom Staat als lukrativ geförderter Forschungszweig nicht automatisch im Interesse der Bürger sein muss. Geht es ersterem hauptsächlich um potenzielle Steuereinnahmen und Prestigeprojekte, verstehen letztere womöglich etwas anderes als gesellschaftlich relevant und damit Förderungswürdig – man denke nur an die zumindest in Deutschland umstrittenen Beispiele der Atomkraft- und Waffentechnologie oder die Stammzellforschung.

Ein radikal demokratischer Gegenentwurf des Wissenschaftstheoretikers Paul Feyerabend (1924-1994), lange Zeit Professor an der University of California in Berkeley und Dozent in Zürich, sah in Bürgerinitiativen das Mittel der Wahl: Sollen die Bürger doch selbst entscheiden, welche Projekte gefördert werden und was an ihren Schulen unterrichtet wird. Das würde auch bedeuten, dass man die Lehre vom Fliegenden Spaghettimonster unterrichten müsste, wenn dem nur genügend Bürger zustimmten. Diese Erfindung haben sich Gegner des Intelligent Design einfallen lassen, um die Willkür dieser Theorie zu verdeutlichen. Wer das Intelligent Design als wissenschaftlich ansehe, der müsse das auch vom Spaghettimonster behaupten, so die Kritiker.

Feyerabend ging aber noch einen Schritt weiter und forderte gleich die vollständige Trennung von Staat und Wissenschaft. Kein Wunder, dass er innerhalb seiner Zunft den Ruf eines enfant terrible hatte. Mit so viel Mitspracherecht für die Bürger, wie er es forderte, täte man sich in Deutschland schwer. Den Forderungen nach mehr direkter Demokratie hält man schließlich die leichte Manipulierbarkeit der Meinungen entgegen. Umgekehrt lässt sich fragen, ob ein Modell, in dem wenige entscheiden und daher von industriellen Interessenverbänden umgarnt werden, weniger anfällig für Manipulationen ist. Beispielsweise weist die frühere Chefredakteurin des New England Journal of Medicine, Marcia Angell, in ihrem Buch „The Truth About the Drug Companies“ darauf hin, dass auf jeden Abgeordneten des Kongresses der Vereinigten Staaten in Washington, D.C., vor Ort mehr als ein Lobbyist der Pharmaindustrie komme.

Dabei gibt es durchaus Versuche, die Bürger stärker in den politischen Entscheidungsprozess miteinzubeziehen, wenn es um die Weichenstellung und Anwendung zukünftiger Forschung geht. Ein Beispiel dafür ist das Meeting of Minds-Projekt der belgischen König-Baudouin-Stiftung. Europaweit wurden hierfür repräsentative Bürger ausgewählt, die sich mit den gesellschaftlichen und ethischen Fragen im Zusammenhang mit der Hirnforschung auseinandersetzen sollten. Über mehrere Monate hinweg mussten sich die Ausgewählten selbst und im Gespräch mit Experten Wissen über diesen Forschungsbereich erarbeiten. Dabei traten zumindest in Deutschland die vom Deutschen Hygiene-Museum betreuten Bürger sehr selbstbewusst auf und zeigten den Wissenschaftlern mehrmals die „rote Karte“, wenn diese zu sehr im Elfenbeinturm diskutierten. Zum Schluss wurde von den europäischen Bürgern in Brüssel ein umfangreiches Positionspapier entworfen, das dem Europäischen Parlament vorgelegt wurde – allerdings ohne jede Verbindlichkeit. Was die Politiker daraus machen, liegt daher in ihrem eigenen Ermessen.

Die Geschichte der Wissenschaft ist nicht nur eine Geschichte voller Versuche und neuer Erkenntnisse, sondern auch eine Geschichte der Irrtümer. In der Gesellschaft müsste ein größeres Bewusstsein dafür vorhanden sein, dass Wissen nicht gleich Wissen ist, sondern unterschiedliche Grade der Bestätigung tragen kann. Der Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier, Professor in Bielefeld und Träger des Leibniz-Preises 2008, gibt zu bedenken: „Auch wenn die Wissenschaft eine Schöpfung der Menschen ist, heißt das aber noch lange nicht, dass wir sie und ihre Produkte automatisch verstehen.“ Wenn es darum geht, aktuelle gesellschaftliche oder politische Debatten zu beeinflussen, sollte für die Beteiligten transparent sein, welche Belege für eine Position sprechen und welche dagegen.

Ein schlechtes Beispiel hierfür ist die eingangs erwähnte Diskussion über die Willensfreiheit. Auch heute verweisen Wissenschaftler noch auf die Experimente Benjamin Libets aus den 1970er Jahren, wenn man sie nach empirischen Daten zur Sache fragt. Dabei haben Philosophen und andere Experimente längst gezeigt, dass die Schlüsse, die sich aus den Libet-Experimenten ziehen lassen, sehr beschränkt sind. Es hätte auch von Anfang an viele aufhorchen lassen müssen, dass Benjamin Libet selbst seine Daten als einen Beweis für Willensfreiheit sah, während viele andere in den gemessenen Bereitschaftspotenzialen ihre Widerlegung begründet sahen. Eine klare Trennung wissenschaftlicher Aussagen von metaphysischen Spekulationen wäre hier von Anfang an nötig gewesen.

Ein anderes Beispiel ist immer wieder die Evolutionstheorie. Im Januar berichtete ein Redakteur der Wissenschaftszeitschrift Nature unter der Überschrift „Verbreitet das Wort“ von der Evolution als „wissenschaftliches Faktum“ und forderte wissenschaftliche Verbände dazu auf, „jede Gelegenheit zu nutzen, die Evolutionslehre zu bewerben.“ Nüchtern betrachtet ist die Entstehung des Lebens, ebenso wie die Kosmogenese, ein historischer Prozess, den wir uns – in Ermangelung einer Zeitreisemaschine – nur rückblickend erschließen können. Damit müssen solche Erklärungen, die im Labor oder wie in der Astronomie durch Beobachtung der Sterne und theoretische Reflexion die historischen Prozesse nachzuvollziehen suchen, notwendig spekulativ bleiben. Erhellend ist hier die Beobachtung, dass sich die Meinungen darüber, ob sich das Universum ewig weiter ausbreiten werde, irgendwann in einem bestimmten Zustand verharren oder wieder in sich selbst zusammenfallen werde, turnusmäßig abwechseln. Das zeigt, dass das vorhandene Wissen einfach nicht ausreicht, um eindeutig eine der sich gegenseitig ausschließenden Positionen zu stützen.

Ein Kernproblem unserer Wissensgesellschaft mag sein, dass ein Großteil der Kommunikation nur in einer Richtung stattfindet: Hier sprechen die Experten, dort hören die Laien. Auch bei öffentlichen Vorträgen, wo Wissenschaftler zum Greifen nah sind, bleibt für das Publikum oft nur wenig Zeit, um seine Fragen sinnvoll zu diskutieren. Eine bessere Quote zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft vermögen hier Akademien zu bieten, die – allerdings kostenpflichtig – ausgesuchte Experten und Interessierte aus der Gesellschaft versammeln. Die meisten dieser Institutionen befinden sich in Deutschland in kirchlicher Trägerschaft. Online-Journalismus mit Diskussionsforen wie Telepolis oder Wissenschaftsblogs mögen hier neue Wege weisen.

Auch wenn sich die Frage, was Wissenschaft ist, nicht so einfach beantworten lässt, macht doch eine Reflexion über sie eines deutlich: Wo für die Gesellschaft so viel auf dem Spiel steht, sollte die Gesellschaft auch in angemessener Weise beteiligt sein – sonst ist es übertrieben, von einer Wissensgesellschaft zu sprechen. Ob sich Philosophen dazu eignen, hier eine wichtige Vermittlerrolle zu spielen, werden sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten beweisen müssen.

Der Autor versucht sich in seinem Buch Gedankenlesen, das in der Telepolis-Reihe erschienen ist, an einer Vermittlung der neueren Funde aus der Hirnforschung an die breite Öffentlichkeit und geht dabei auf historische, gesellschaftliche und ethische Fragen ein. Mehr Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe erhalten Sie auf seiner Internetseite.

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