Was ist das - "Antiamerikanismus"?

Über einen Begriff, mit dem Verwirrung gestiftet wird

Den Kritikern des geplanten "Freihandelsabkommens" zwischen den USA und der EU - es gibt sie noch, obwohl Sigmar Gabriel sein Machtwort gesprochen hat - werden "antiamerikanische Ressentiments" unterstellt. Nicht nur in Sachen TTIP, schreibt Ralph Bollmann leitartikelnd im deutschen Intelligenzblatt, breite sich hierzulande eine "beängstigende diffuse Abwehrhaltung gegenüber allem Amerikanischen aus" (F.A.S.Z, 21.9.2014 ).

Antiamerikanischer Protest - in New Hampshire, USA. Bild: Jennifer Parr/CC BY 2.0/http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Nun geht es ja in diesen Diskursen nicht um das Verhältnis zu "Amerika", sondern um das zur USA, aber bleiben wir mal bei dem gängigen schiefen Begriff: "Antiamerikanismus" - was kann das sein? Verdeckte Fortführung deutschnationalistischer Kulturkritik oder nationalsozialistischer Hassgefühle, die "Yankies" betreffend , wird darin vermutet. Oder auch Undankbarkeit gegenüber einem Staat, der doch den Westdeutschen nach 1945 erst die Demokratie gebracht und dann ihr Wirtschaftswunder ermöglicht habe. Und der im Kalten Krieg die Bundesrepublik unter seinen militärischen Schutz genommen habe, diese weltpolitische Fürsorge auch heute wahrnehme.

Da stellen sich einige Fragen. Kann Historie ein Grund dafür sein, die gegenwärtig regierende US-amerikanische Politik außer Kritik zu stellen? Galt die Deutschlandpolitik der USA nach dem Ende des Dritten Reiches allein dem Ziel, den Deutschen "Freedom and Democracy" zu bringen? Sind die US-amerikanischen geopolitischen Operationen heute uneigennützig, motiviert durch "westliche Ideale", frei von Machtinteressen? Und das "Freihandelsabkommen", handelt es sich dabei um ein Vorhaben, bei dem wirtschaftliche Vorteile für Konzerne und Fonds in den USA ohne Bedeutung sind?

Wer diese Fragen stellt, ist deshalb noch kein "Antiamerikaner". Wer die "Kreuzzüge" der US-Regierung in Afghanistan und im Irak als verhängnisvoll ablehnte, war damit noch kein "Amerikafeind". Wer gegen den Krieg der USA in Vietnam protestierte, erwies sich dadurch nicht als Verächter der US-amerikanischen Gesellschaft; die dortige Friedensbewegung übrigens drängte dahin, das kriegerische Treiben zu beenden. Und auch wer klarstellt, dass der derzeitige Präsident der USA keineswegs pazifistische Neigungen hat, ist dadurch noch kein antiamerikanischer Hassprediger.

Zweifellos gibt es in der Bundesrepublik politische Ideologen und Akteure, die an deutschnationalistische Traditionen anknüpfen und die USA für ein Reich des Bösen halten. Denen wird ungewollt mentalpolitische Hilfe geleistet, wenn sachlich und analytisch begründete Kritik, selbst an die Wurzeln gehende, von Handlungsmustern, Ambitionen und Aktivitäten der herrschenden US-Politik unter das Verdammungsurteil "Antiamerikanismus" fällt.

Postscriptum: "Antideutsch" ist es nicht, politische Eliten in der Bundesrepublik, darunter meinungsmachende, unter entschiedene Kritik zu stellen. Inhaber von Macht sind nicht gleichzusetzen mit einer Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürgern eines Landes. Eine Nation hat keine kollektive Identität. (Arno Klönne)

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