Was ist die Norm?

Zur Debatte über Chinas Einfluss - und die Corona-Masken-Prüfung: Hintergründe zur Normung

Dass es in Deutschland Normen gibt, dürfte jedem begegnet sein, der Papier bedruckt. Das genormte Format DIN A 4 (21 x 29,7 cm) ermöglicht es, den am PC entworfenen Text auch auf ein passendes Stück Papier auszudrucken. Auf Papier mit dem Format "US-Letter" mit den Maßen 21,6 x 28 cm wird der Ausdruck eines Textes im DIN-Format unten beschnitten, falls man den Umbruch im Textprogramm nicht entsprechend der US-Norm einstellt.

Die Nutzung der Normen ist zumindest grundsätzlich freiwillig. Sowohl der deutsche Gesetzgeber als auch die EU-Verordnungen können jedoch die Anwendung bestimmter Normen vorschreiben. In diesem Zusammenhang sind auch die harmonisierten Normen relevant. "Harmonisierte Normen" sind eine besondere Kategorie europäischer Normen, deren Erarbeitung von der Europäischen Kommission bei einem europäischen Normungsgremium in Auftrag gegeben wurde.

Die Mandate der EU-Kommission ergehen an die europäischen Organisationen CEN, CENELEC oder ETSI. Die Ergebnisse werden dann durch Monitoring, das von unabhängigen Sachverständigen zumindest teilweise auch auf Rechnung Dritter erstellt wird, überprüft, um sicherzustellen, dass die Normen die Vorgaben der EU auch erfüllen. Die Fundstelle der harmonisierten Norm wird von der Europäischen Kommission im EU-Amtsblatt bekannt gegeben.

Das Monitoring erfolgt üblicherweise in der englischen Text-Version. Das Vereinigte Königreich ist trotz Brexit in den europäischen Normungsgremien weiter vertreten, nur hat man die gegenseitige Anerkennung der Notified Bodies oder Benannten Stellen beendet. Im Zusammenhang mit der europäischen Normung ist eine sprachliche Besonderheit von Bedeutung. Die deutsche Norm wird im Englischen als "standard" bezeichnet und der deutsche Standard im Englischen als "norm".

Wer entwickelt Normen und wie lange dauert das?

Neben den europäischen Normungsorganisationen "Europäisches Komitee für Normung" (CEN), dem Europäischen Komitee für elektrotechnische Normung (CENELEC) und dem Europäischen Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI), gibt es die Internationale Organisation für Normung (ISO), die Internationale Elektrotechnische Normung (IEC) sowie die Internationale Fernmeldeunion (ITU).

In Deutschland sind für die Normung das Deutsche Institut für Normung (DIN) und die vorwiegend im Elektro-Bereich tätige Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE (DKE) zuständig.

In den Normenausschüssen sind die im jeweiligen Bereich aktiven Stakeholder vertreten. Das sind vielfach Industriebetriebe und vergleichbare wirtschaftliche Akteure. Auch Behörden und andere Vertreter der öffentlichen Hand können in den Normenausschüssen mitarbeiten, haben jedoch keine Weisungsbefugnis und nur eine Stimme wie jeder andere Teilnehmer.

Die Zeit, die für die Erarbeitung einer Norm benötigt wird, hängt nicht zuletzt von der Komplexität des Themas ab und von möglicherweise widerstrebenden Interessen der Beteiligten. Sie beginnt bei etwa 18 Monaten, kann aber problemlos auch mehrere Jahre erreichen.

Normen entstehen im Konsens. Das bedeutet, die Experten in den Ausschüssen verständigen sich unter Berücksichtigung des Standes der Technik auf eine gemeinsame Version der Inhalte, die versucht, alle Interessen der Beteiligten zu berücksichtigen und Gegenargumente auszuräumen.

DIN-Normen werden spätestens alle fünf Jahre auf Aktualität überprüft. Entspricht eine Norm nicht mehr dem Stand der Technik, so wird ihr Inhalt überarbeitet oder die Norm zurückgezogen. Das Vertrackte an vielen Normen besteht für Außenstehende darin, dass in ihnen oft Bezug genommen wird auf andere Normen, die man dann ebenfalls durcharbeiten muss.

Warum sind DIN-Normen kostenpflichtig?

In Deutschland ist die Normung eine Selbstverwaltungsaufgabe der Wirtschaft. DIN ist ein gemeinnütziger Verein, der sich im Wesentlichen aus dem Verkauf der Normen, anderen Verlagsprodukten sowie Dienstleistungen (2020: 61,8 Prozent) finanziert.

Nach Aussage des DIN sorgen die Anwender durch den Kauf von Normen dafür, dass die privatwirtschaftliche, effiziente Organisation der "Normungsarbeit" erhalten bleibt. Projektmittel der Wirtschaft tragen zu 19,4 Prozent, Mitgliedsbeiträge zu 9,9 Prozent und Projektmittel der öffentlichen Hand zu 8,9 Prozent zur Finanzierung des DIN bei.

Warum China zunehmend Einfluss auf die Normenentwicklung hat

Die westliche Politik hat von China in der Vergangenheit immer sehr deutlich gefordert, dass man sich an das im Westen übliche Prozedere halten solle. Inzwischen hat China die internationale Normung als wichtiges strategisches Werkzeug im wirtschaftlichen Wettbewerb erkannt.

Im Fokus steht dabei vor allem die Normung und Standardisierung von Zukunftstechnologien: Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Quantencomputer. DIN und VDE stehen dem chinesischen Engagement im Bereich der Normung durchaus positiv gegenüber, weil durch die Anwendung internationaler Normen technische Handelshemmnisse abgebaut werden können.

Während China in der Normung traditionell auf einen staatlich gelenkten top-down Ansatz setzt, kommt in Deutschland das Engagement in der internationalen Normung bottom-up von Wirtschaftsunternehmen und weiteren interessierten Kreisen. In den Normungsausschüssen hält sich der Satz:

"Wer nicht normt, der wird genormt."

Das muss auch den Beteiligten in den traditionellen Industriestaaten bewusst werden. Die gerade im Bereich der Zukunftstechnologien geradezu stürmisch verlaufende Entwicklung im chinesischen Markt wird mit "schwarzen Listen", wie sie beispielsweise die USA gegenüber Huawei aktiviert hat, letztlich nicht aufzuhalten sein. Eine gemeinsame Entwicklung von Normen wäre da sicher hilfreicher

Die fehlenden Normen für CPA-Masken

Nachdem man sich in Deutschland dazu durchgerungen hatte, die Nutzung von Masken zum Schutz vor Corona zu empfehlen, musste man feststellen, dass die sogenannten medizinischen Masken ursprünglich dafür entwickelt wurden, um Patienten davor zu schützen, dass sie nicht über Speichel des medizinischen Personals infiziert werden. Es ging also hauptsächlich um einen Schutz der Patienten und nicht der Maskenträger.

Zertifiziert werden müssen nur die FFP-Atemschutzmasken, wobei derzeit offensichtlich die meisten Modelle von einer Benannten Stelle in der Türkei zertifiziert werden, die mit zahlreichen Partnern in China zusammenarbeitet und somit einen schnelleren Durchlauf garantiert als die Benannten Stellen in der EU.

Als zu Beginn der Corona-Pandemie noch zu wenig zertifizierte Atemschutzmasken verfügbar waren, wurden zur Überbrückung sogenannte Corona-Pandemie-Atemschutzmasken "CPA" ohne CE-Kennzeichnung in Deutschland zum Verkauf zugelassen. Mit dem Ende des Maskenmangels wurde diese Maßnahme eingestellt. Es gilt jedoch laut ZLS (Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik):

Corona-Pandemie-Atemschutzmasken (CPA), die vor dem 1.10.2020 nach § 9 MedBVSV in Verkehr gebracht worden sind, dürfen auch nach dem 30.09.2020 weiterhin vertrieben und gemäß § 9 Abs. 4 MedBVSV vom Arbeitgeber ausgewählt und zur Verfügung gestellt werden.

ZLS, Corona SARS-Cov-2 Pandemie Atemschutzmasken

Da die Preise für zertifizierte FFP2- oder FFP3-Masken inzwischen dramatisch gefallen sind, hat sich das Interesse an den CPA-Masken drastisch reduziert. Im Zusammenhang mit den für den Arbeitsschutz als Einweg-(NR-)Masken vorgesehenen FFP2-Masken wurde festgestellt, dass man private Anwender nicht daran hindern kann, diese Einwegmasken mehrmals zu tragen.

Um das Risiko hierbei zu mindern, hatte man an der FH Münster nach Möglichkeiten gesucht, wie Private dabei möglichst sicher vorgehen können. Eine Möglichkeit war das Erhitzen auf 70°C. In keiner einschlägigen Norm werden die 70° C allerdings erwähnt.

Für die inzwischen weitgehend verschwundenen Community-Masken gab es zwar keine Norm, jedoch hat das Europäische Komitee für Normung, CEN, vor einem Jahr einen ersten Standard für nicht-medizinische Alltagsmasken für Verbraucher als CEN Workshop Agreement (CWA) veröffentlicht.

Das "CWA 17553:2020 - Community face coverings - Guide to minimum requirements, methods of testing and use" legte Mindestanforderungen für deren Design, Herstellung und Leistungsbewertung fest. CEN hatte die Vereinbarung auf Bitten der Europäischen Kommission erarbeitet. Ob sich die privaten Initiativen an diese Vorschläge gehalten haben, ist nicht dokumentiert.

Im Zusammenhang mit Corona hatte der Beuth-Verlag, der die DIN-Normen betreut, zeitlich befristet die Normen für medizinische Ausrüstungen kostenlos abgegeben, um für eine möglichst schnelle Versorgung mit normgerechten Produkten zu sorgen.

In der Zeit von Ende März 2020 bis Ende März 2021 wurden insgesamt rund 150.000 Normen für medizinische Ausrüstung kostenlos im Beuth Webshop heruntergeladen, konkret waren es rund 37.000 englischsprachige und rund 113.000 deutschsprachige Normen. (Christoph Jehle)