Was ist eine Verschwörungstheorie und wann ist ein Verschwörungsverdacht glaubwürdig?

Die Annahme einer Verschwörung ist nicht per se abwegig, aber wann ist eine Verschwörungstheorie glaubwürdig?

Von den Verschwörungstheorien jetzt mal hin zu realen Verschwörungen. Die gibt es doch auch.
Thomas Grüter: Selbstverständlich. Reale Verschwörungen bilden sogar die Grundlage für die Glaubwürdigkeit von Verschwörungstheorien. Die Annahme einer Verschwörung ist ja nicht per se abwegig. Verschwörungen und Intrigen hat es immer geben. In meiner Arbeit habe ich darauf hingewiesen, dass die älteste schriftlich überlieferte Verschwörung, auf etwa 2000 vor Christus datiert ist. PharaoAmenemhet I wurde von einer Gruppe von Verschwörern im Schlaf ermordet. Genauer gesagt von Mitgliedern seiner Leibgarde, die ihn eigentlich schützen sollten. Das hat ein zeitgenössischer Chronist glaubwürdig berichtet.
Sie haben gerade das Wort "glaubwürdig" angesprochen. Der Verschwörungsgedanke, so haben wir es aus dem bisherigen Verlauf des Gesprächs festgestellt, muss ja nicht grundsätzlich unglaubwürdig sein.
Thomas Grüter: Nein, ist er auch nicht.
Gibt es Anhaltspunkte, um die Glaubwürdigkeit einer Verschwörungstheorie zu beurteilten?
Thomas Grüter: Wirkliche Verschwörungen haben mit Problemen aus der realen Welt zu kämpfen. Machiavelli hat in seinen Werken ein ganzes Kapitel über Verschwörungstheorien verfasst. Er schreibt, viele Verschwörungen werden unternommen, aber nur wenige sind erfolgreich. Dafür gibt es gute Gründe. Machiavelli geht davon aus - und das völlig zu Recht - dass jede Verschwörung, die zu viele Leute umfasst und zu lange dauert, in ganz großer Gefahr ist aufzufallen. Denn jeder Einzelne der mutmaßlichen Verschwörer hätte einen Vorteil, wenn er sich an die Behörden wenden und die Verschwörung offenbaren würde. So könnte er nämlich auf Straffreiheit hoffen.
Machiavelli wusste, wovon er redete. Er war Diplomat im frühen sechzehnten Jahrhundert, als Italien aus Stadtstaaten bestand, die sich ständig gegeneinander verschworen haben. Machiavelli selbst hat im Gefängnis gesessen wegen einer Verschwörung, an der er gar nicht beteiligt gewesen war. Er war kein Theoretiker, er wusste wovon er redete.
Eine erfolgversprechende Verschwörung sollte nie lange dauern und nur wenige Leute dürfen daran beteiligt sein. Wer daran glaubt, dass eine Verschwörung mit tausenden von Menschen über viele Jahre aufrechterhalten werden könnte, muss sich vorhalten lassen, dass das in der realen Welt kaum zu machen ist.
Die Ausführungen hören sich plausibel an, aber nun wissen wir, dass am 11. September ein schrecklicher Terroranschlag stattgefunden hat. Laut offizieller Version haben sich mindestens 19 Attentäter, plus der zuvor verhaftete 20. Attentäter verschworen. Hinzu kommen noch Osama Bin Laden und Helfer und möglicherweise Helfershelfer. Wir sprechen also von 20, 25, 30, vielleicht sogar noch mehr Verschwörern. Das war doch eine recht große Verschwörung.
Thomas Grüter: Das war eine vergleichsweise große Verschwörung, ja.
Die auch noch funktioniert hat.
Thomas Grüter: Die funktioniert hat. Das ist glücklicherweise aber selten der Fall. Denken Sie daran, wie viele Anschläge alleine in Deutschland schon verhindert wurden. Daran sehen Sie, dass solche Anschläge nur sehr selten gelingen.
Dennoch gelingen sie.
Grüter: Wie ich sagte: je größer und langwieriger, desto seltener.

Eine einfache Erklärung ist wahrscheinlicher als eine komplizierte

Telepolis: Nochmal zurück zu Machiavelli: Sie haben gesagt, Machiavelli gehe davon aus, dass viele größere Verschwörungen scheitern müssen. Da gibt es noch eine andere Schwachstelle. Dies ist eine Aussage, die sich an Wahrscheinlichkeiten anlehnt. Aber woher will man letztlich wissen, wie viele Verschwörungen letztlich erfolgreich waren? Oft erfährt man nur von den gescheiterten.
Das liegt nun mal in der Natur der Sache. Verschwörungen finden in der Regel im Geheimen statt. Man kann sich durchaus auf den Standpunkt stellen, dass man von vielen Verschwörungen gar nichts bemerkt. Aber, um Ihren Einwurf etwa zu perspektivieren, möchte ich Ockhams Rasiermesser ansprechen. Der mittelalterliche Philosoph und Freidenker Ockham hat geschrieben, dass man Entitäten nicht unnötig vermehren soll. Eine einfache Erklärung ist deshalb wahrscheinlicher als eine komplizierte. Viele ausgefeilte Verschwörungstheorien sind schon von daher extrem unwahrscheinlich.
Nehmen wir die Verschwörung der Illuminaten. Diese sind, wie wir wissen, vor allem in rechts-esoterischen Kreisen sehr beliebt. Laut dieser Verschwörung sollen die Illuminaten seit Jahrhunderten im Geheimen ihr übles Werk verrichten, ohne jemals aufzufliegen. So eine Theorie ist nicht plausibel.
Ist es nicht problematisch, Plausibilität als Argument in so einem Zusammenhang einzuführen. Plausibilität ist in unserem alltäglichen Leben sicherlich eine Hilfe, wenn es darum geht, Dinge, Sachverhalte, einzuschätzen, aber andererseits kann man den größten Unsinn für "plausibel" erklären. Was jemand als "plausibel" oder nicht "plausibel" ansieht, hängt doch oft mit den ansozialisierten Wahrnehmungs- und Denkschemata zusammen.
Thomas Grüter: Es ging ja um die Frage, wie jemand ohne weiteres Wissen die Glaubwürdigkeit einer Verschwörungstheorie beurteilen kann. Da stehen erst einmal nur Faustregeln zur Verfügung. Machiavelli und Ockham leisten hier gute Arbeit.
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