Was ist eine Verschwörungstheorie und wann ist ein Verschwörungsverdacht glaubwürdig?

Die Annahme, dass die USA etwa selbst in die Anschläge vom 9.11. verstrickt sein könnten, ist sehr unwahrscheinlich

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Wir haben den 11. September bereits angesprochen. Es gibt eine Vielzahl an Verschwörungstheorien, die den 11. September umgeben.
Thomas Grüter: Und das ist zunächst mal gar nicht ungewöhnlich. Der 11. September war ein extrem emotionales Ereignis. Am 11. September 2001 hat auf jeden Fall ein gewaltiges Verbrechen stattgefunden. Das steht außer Frage. Ich kann anhand der Verschwörungstheorien des 11. Septembers erkennen, wie die ideologischen Fronten in einer Gesellschaft verlaufen. Es gibt beispielsweise Gruppen, die behaupten, die Araber würden niemals ein so schreckliches Verbrechen begehen. Andere Gruppen halten die Juden für Verantwortliche. Wieder andere die CIA.
Als Wissenschaftler kann man hier sehr schön die Verwerfungslinien in einer Gesellschaft erkennen. Derzeit gibt es Verschwörungstheorien, die Präsident Obama bezichtigen, Amerika unter eine Weltregierung des Antichristen zu stellen. Diese Verschwörungstheorie kommt natürlich aus dem republikanischen Lager. Sie sehen, worauf ich hinaus will?
Q. Ja. Sie erfassen das Phänomen gemäß Ihrer anfangs vorgestellten gruppentheoretischen Sichtweise. Verschwörungstheorien geben Ihnen Auskunft darüber, welche Gruppen miteinander im Konflikt in einer Gesellschaft liegen und wie die Gräben zwischen diesen Gruppen gestaltet sind. Weiter mit dem 11. September.
Thomas Grüter: Wie gesagt, es gibt Gruppen, die den Arabern so ein Verbrechen nicht zutrauen. Dabei hat der erste Anschlag auf das World Trade Center von 1993 bereits gezeigt, dass es durchaus Personen aus diesem Umfeld gibt, die so einen Anschlag verüben würden. Das hat die relativ gute Polizeiarbeit in diesem Zusammenhang ja an den Tag gebracht.
Allerdings gibt es auch hierzu eine Verschwörungstheorie. Demnach war derjenige, der den Sprengstoff platziert hat, ein V-Mann des FBI. Eigentlich sollte der Sprengstoff durch unbrauchbaren ausgetauscht werden.
Thomas Grüter: Wie wir doch in letzter Zeit erfahren haben, sind V-Männer chronisch unzuverlässig. Wir wissen doch von den V-Leuten aus der rechten Szene, dass die nicht zu führen gewesen sind. Sie haben Gelder in die Parteikasse fließen lassen und abgesprochen, was sie den Behörden erzählen.
Wenn diese Geschichten denn so stimmen. Aber das ist ein anderes Thema. Konzentrieren wir uns doch mal auf den Kern der Verschwörungstheorien zum 11. September. Ich skizziere mal die Argumentation der Skeptiker:
Der 11. September könnte ein Akt von Staatsterrorismus gewesen sein, da bekannt ist, dass Staaten auch tiefenpolitische Interessen verfolgen. Teile der geheimen Armeen der NATO, Stay Behind oder Gladio, sollen im letzten Jahrhundert in Terroranschläge gegen die eigene Bevölkerung verwickelt gewesen sein, um bestimmte politische Interessen, die im Kontext des Kalten Krieges verwurzelt waren, zu wahren. Außerdem ist bekannt, dass Länder, die in einen Krieg eintreten möchten, Kriegsanlasslügen verbreiten. Als solche könnte man den Vorfall vom Golf von Tonkin oder etwa die Brutkastenlüge aus dem Irak-Krieg von 1990 anführen. Darüber hinaus gehen die Skeptiker davon aus, dass Ressourcen nicht unendlich sind, dass ein Peak Oil bevorsteht und dass der Westen große Interessen an den Rohstoffen anderer Länder hat, für die er, wenn es notwendig ist, auch bereit ist, Kriege zu führen.
Thomas Grüter: Man muss bei dieser Argumentation vorsichtig sein. Was ist Fakt und was nicht? Sie beziehen sich auf die Forschungen von Daniele Ganser. Sein Verdienst ist es, dass er klar gestellt hat, dass es auch in der Schweiz eine Stay-Behind-Truppe gab, die unter anderem vom Natopartner England ausgebildet wurde. Aber was die Behauptung angeht, dass Stay-Behind-Truppen in Terroranschläge verstrickt sind, ist die Beweislage zumindest kontrovers.
Das Schauermärchen von den Kindern, die aus den Brutkästen gerissen wurden, diente nicht als Anlass des Krieges. Es war eine Rechtfertigungslüge. Ich bewerte jedenfalls die Annahme, dass die USA etwa selbst in die Anschläge vom 9.11. verstrickt sein könnten, als sehr unwahrscheinlich.
Wahrscheinlich, unwahrscheinlich? Das sagt alles und nichts aus.
Thomas Grüter: Was soll ich sonst sagen? Ich habe keine göttlichen Erkenntnisse.
Greifen wir doch mal den Gedanken auf, dass der Irak-Krieg wegen 9/11 geführt wurde. Alleine das ist doch bereits falsch. Der tatsächliche Kriegsgrund für die USA war, dass der Verdacht (nur der Verdacht! wohlgemerkt) bestanden hat, Saddam Hussein hätte sich Uran besorgt und verfüge über große Mengen biologischer und chemischer Kampfstoffe. Das war ein in den USA akzeptierter Kriegsgrund. Mit dem 11. September hatte das doch gar nichts zu tun.
Aber die CIA hat doch bereits damals klar gemacht, dass der Irak eben nicht über Uran verfügt. Man könnte sagen, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen.
Thomas Grüter: Das ist mir bekannt. Ich wollte damit nur sagen, dass Saddam Hussein keinen Anschlag in Amerika verübt hat, er hat keine Amerikaner in Amerika getötet, und doch hat bereits die bloße Annahme dazu geführt, dass die USA gegen den Irak in den Krieg gezogen sind.
Aber bitte, wollen Sie wirklich sagen, dass die USA gegen den Irak so leicht hätte in den Krieg ziehen können, wenn es den 11. September nicht gegeben hätte?
Thomas Grüter: Was Sie vergessen ist, dass die USA erst zwei Jahre nach dem 11. September, also 2003, in den Irak einmarschiert sind. Hier liegt eine lange Zeit zwischen dem von ihnen unterstellten Initialereignis und der dann damit angeblich zusammenhängenden Handlung.

Menschen glauben eben, was sie glauben wollen

Wenn wir zurückdenken sehen wir doch, dass die Weltöffentlichkeit, vor allem aber Amerika, noch immer unter einem gewissen Schock stand. 2003 war Nine Eleven noch ganz nahe. Außerdem, so wurde später bekannt, lagen die Pläne für einen Krieg gegen den Irak schon länger bereit.
Thomas Grüter: Der Punkt ist doch: Ein Anschlag, wie er in den USA verübt wurde, die damit verbundene Grausamkeit an der eigenen Bevölkerung, steht doch in keinem Verhältnis zu den unterstellten Zielen, wie etwa ein Beutezug für Rohstoffe. Außerdem wäre der Druck auf die Verschwörer wegen der zu erwartenden Strafe viel zu hoch. Wenn wir nur einmal annehmen, dass Verantwortliche aus der Regierung etwas mit den Anschlägen zu tun haben könnten, dann würde das für alle Verschwörer die Todesstrafe bedeuten. Alleine schon deshalb halte ich das für sehr unwahrscheinlich.
Wenn alleine ein zu erwartendes Strafmaß eine Rolle dabei spielen würde, ob eine Straftat geschieht oder nicht, dann dürfte es in den USA keine Todesurteile mehr geben, weil niemand mehr ein Verbrechen begeht, auf das die Todesstrafe steht. Von daher ist diese Argumentation nicht schlüssig.
Thomas Grüter: Wenn nur eine geringe Zahl der Verschwörer Angst vor der Todesstrafe hat, reicht das aus. Eine reale Veschwörung besteht sicher nicht ausschließlich aus todesverachtenden Erzschurken. Es gibt aber noch ein anderes Argument: Ihnen ist sicherlich die Geschichte um den Sender Gleiwitz ein Begriff. Selbst das Nazi-Regime, das ja nicht für seine zurückhaltende Art bekannt war, hat hier keine eigenen Leute einfach so geopfert.
Das stimmt. Aber daraus können wir nicht schließen, dass für immer und für alle Zeit Staatsterrorismus - auch mit Opfern aus der eigenen Bevölkerung - ausgeschlossen ist.
Thomas Grüter: Das sage ich auch nicht.
Wie sollten denn Ihrer Meinung nach in Zukunft mit dem Thema Verschwörungstheorien umgehen?
Thomas Grüter: Auf jeden Fall weniger aufgeregt und emotionsbeladen. Verschwörungstheorien, aber das habe ich schon gesagt, sind keine Geisteskrankheit, sie wird es immer geben und man sollte sich mit ihren Inhalten auseinandersetzen, um daraus Schlüsse auf gesellschaftliche Prozesse und Bruchlinien ziehen.
Neben den Konfliktlinien in einer Gesellschaft verweisen Verschwörungstheorien doch auch darauf, dass es konkurrierende Wirklichkeitskonstrukte gibt.
Thomas Grüter: Das ist sicherlich so.
Und dass es einen Kampf um die Deutungshoheit gibt.
Thomas Grüter: Auch das ist zutreffend. Das Problem ist einfach, dass Verschwörungstheorien ja auch immer für sich beanspruchen, wahr zu sein. Für den Einzelnen ist es jedoch gar nicht so einfach zu überprüfen, was wahr und was unwahr ist. Als Mensch können Sie können die Wahrheit letztlich nur soweit erfahren, soweit ihre Sinne reichen.
Selbst wenn in einer fernen Zukunft die Wahrheit zweifelsfrei festgestellt wird, werden Sie immer noch Menschen finden, die das nicht anerkennen. Menschen glauben eben, was sie glauben wollen. (Marcus Klöckner)
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