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Was ist eine Verschwörungstheorie und wann ist ein Verschwörungsverdacht glaubwürdig?

Eine Diskussion mit Thomas Grüter über Verschwörungstheorien und reale Verschwörungen

Der Mediziner und Sachbuchautor Thomas Grüter [1] beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Verschwörungstheorien. In zahlreichen Medienbeiträgen [2] und in diversen Buchveröffentlichungen hat Grüter sich zu Wort gemeldet, um über das Wesen von Verschwörungstheorien aufzuklären. Gegenüber Telepolis sagte Grüter, seine Hauptmotivation, die dazu geführt habe, sich mit dem Thema Verschwörungstheorien zu beschäftigen, sei es gewesen, dass er selbst immer wieder in seinem Alltag, durch den Kontakt zu anderen Menschen, mit Verschwörungstheorien und dem Glauben an solche konfrontiert worden ist.

In einer Diskussion mit Telepolis stellt sich der Autor etwa den Fragen, wie er eine Verschwörungstheorie definiert und ob die von ihm veranschlagte Definiton ausreicht, um das Phänomen zu erfassen. Er bezieht auch Stellung zur Diskussion um die Terroranschläge des 11. Septembers und die Frage, ob Nine Eleven auch ein Akt von Staatsterror gewesen sein könnte.

Grüter, so wird deutlich, betrachtet Verschwörungstheorien mit Skepsis, warnt aber zugleich vor einer Psychiatrisierung derjenigen, die eine Verschwörungstheorie vertreten, wie es mitunter in den Medien durch Journalisten [3] vorgenommen wird. Grüter sagt, dass es für ihn als Mediziner "etwas ärgerlich" sei, "wenn Leute, die selbst gar keine Mediziner sind und sich nie mit Geisteskrankheiten beschäftigt haben, bei anderen per Ferndiagnose Geisteskrankheiten diagnostizieren."

Sie setzen sich seit langem mit Verschwörungstheorien auseinander. Wie definieren Sie eine Verschwörungstheorie?
Thomas Grüter: Bei manchen Definitionen von Verschwörungstheorien wird praktisch jeder Verdacht, dass eine Gruppe sich heimlich und verbrecherisch oder auch nur unmoralisch betätigt, schon als eine Verschwörungstheorie gewertet. Ich fasse den Begriff Verschwörungstheorie etwas enger. Eine Theorie impliziert immer, dass es bereits ein gewisses Maß an "Ausarbeitung" gibt. Häufig ist die Grundlage für eine Verschwörungstheorie der Verdacht gegenüber einer als feindlich oder böse empfundenen Gruppe. Ich bezeichne dies als Verschwörungsglaube. Der Verdacht manifestiert sich dann in Ereignissen, die als Bestätigung des Glaubens gewertet werden. Daraus entsteht dann eine genauere Ausarbeitung des Verdachts, eben eine eine Verschwörungstheorie.
Haben Sie ein Beispiel?
Thomas Grüter: Da gibt es viele. Im Mittelalter wurden die Juden regelmäßig beschuldigt, Brunnen zu vergiften und damit Epidemien auszulösen. Die angeblichen Täter wurden so lange gefoltert, bis sie die Tat tatsächlich gestanden haben. Der Verdacht war somit "bestätigt". Und dann sind manche noch ein paar Schritte weitergegangen und haben aus diesem nun scheinbar bestätigten Verdacht eine umfassende Erzählung, eine Verschwörungstheorie, ausgearbeitet. Zum Beispiel wäre eine dieser Theorien, dass Juden generell Brunnen vergiften, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Schließlich werden dann diverse "Hinweise", die auf diese Verschwörung deuten, zusammengewürfelt und irgendwann hat man eine ausgereifte Verschwörungstheorie, die mit der Realität allerdings nichts zu tun hat.

Vom Verschwörungsverdacht zur Verschwörungstheorie

Wird diese Definition dem Phänomen Verschwörungstheorien gerecht? Sie beschreibt Verschwörungstheorien als fern jeder Wirklichkeit und beschreibt sie sehr negativ.
Thomas Grüter: Nein, das sehe ich nicht so. Verschwörungstheorien sind nicht grundsätzlich negativ konnotiert, sondern sie beruhen auf dem Phänomen, dass die eigene Gruppe grundsätzlich positiver bewertet wird als eine andere Gruppe, der man "Feindliches" zutraut.
Mit Ihrer Definition erfassen Sie also einen gruppenpsychologischen Aspekt. Ihre Definition kann man im Bereich der Sozialpsychologie verorten. Verlagern wir doch mal die Perspektive.
Nehmen wir den Fall Uwe Barschel. Der ehemalige Chef-Ermittler in dem Fall hält nach jahrelanger Ermittlungsarbeit die Möglichkeit, dass Barschel Opfer eines Mordes wurde, für am wahrscheinlichsten. Wenn Barschel ermordet worden sein sollte, liegt es nahe, dass man aufgrund der Umstände, die den Fall umgeben, von einer Verschwörung ausgehen kann. Wenn der Chef-Ermittler nun sagt, dass er Mord für wahrscheinlich hält, also durchaus auch eine Verschwörung in Betracht zieht, dann geht es ihm ja nicht darum, irgendeine Gruppe in Verruf zu bringen, also z.B. die Gruppen, die in dem Fall immer mal wieder als Verdächtige angeführt werden: Mossad, CIA, STASI usw., sondern er will schlicht ein Verbrechen aufklären.
Thomas Grüter: Sicher, in dem Fall übt der Ermittler nur seinen Beruf aus und verhält sich professionell. Ihm geht es nicht darum, eine Gruppe in Verruf zu bringen, sondern er ermittelt, hoffentlich, vorurteilsfrei und zieht dann seine Schlüsse.
Wenn ein Mediennutzer von der Berurteilung des Chef-Ermittlers hört und sich vielleicht selbst mit dem Fall Barschel im Rahmen seiner Möglichkeiten beschäftigt, um dann für sich davon auszugehen, dass Barschel Opfer einer Verschwörung wurde, hängt er ja auch einer Verschwörungstheorie an - jedoch ohne einer Gruppe schaden zu wollen. Wie bewerten Sie eine solche Verschwörungstheorie?
Thomas Grüter: Das wäre keine Verschwörungstheorie, sondern der Verdacht einer Mordverschwörung. Eine Verschwörungstheorie würde, ausgehend von der Beurteilung der verdächtigten Gruppe, Mutmaßungen über das Motiv und weitere Taten einschließen.
Was die Bewertung betrifft: Sie wissen, dass ich Arzt bin. Als Arzt habe ich gelernt, meine Mitmenschen nicht zu verurteilen. Als Arzt kann ich kein Vertrauensverhältnis aufbauen, wenn ich meine Patienten verurteile. Wenn jemand, wie in Ihrem Beispiel, also glaubt, dass Barschel Opfer einer Verschwörung wurde und das entsprechend stichhaltig begründet, dann hat er auch einen Verschwörungsverdacht, aber dagegen spricht nichts. Viele Menschen hegen einen Verschwörungsverdacht, aber nur relativ wenige arbeiten ihn zu einer Verschwörungstheorie aus, oder glauben fest an eine von anderen ausgearbeitete Theorie.

Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind meist nicht im medizinischen Sinne krank

Das Problem scheint mir aber, dass vor allem in den Medien Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, psychiatrisiert werden. In Ihren Arbeiten klingt diese klinische Beurteilung auch mit an.
Thomas Grüter: Nein, ich habe praktisch in allen Veröffentlichungen darauf hingewiesen, dass ein grundsätzlicher Verschwörungsglaube, also der Glaube, dass andere sich verschwören, eben nicht darauf hinweist, dass ein Mensch im medizinischen Sinne geisteskrank ist, sondern umgekehrt: Es gibt bestimmte Geisteskrankheiten, die mit einem Verschwörungsglauben einhergehen. Denken Sie nur an einen Wahn. Ein Wahn ist eine inhaltliche Denkstörung. Der erkrankte Patient hält unbeirrt aller Realität an seiner (wahnhaften) Wirklichkeit fest. Eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit tritt auch bei der Schizophrenie auf.
… also einer tatsächlichen Krankheit.
Thomas Grüter: Genau. Eine Krankheit, die man als eine formale Denkstörung bezeichnen kann, da bereits der Prozess des Denkens an sich gestört ist. Diese Krankheiten sind aber viel seltener, als der Glaube an eine Verschwörungstheorie. Und aus dieser Feststellung kann man ableiten, dass die Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben oder gar sie erfinden, meist nicht im medizinischen Sinne krank sind.
Dennoch sind Psychiatrisierungsversuche im Umgang mit Verschwörungstheorien weit verbreitet.
Thomas Grüter: Für mich als Mediziner ist das etwas ärgerlich, wenn Leute, die selbst gar keine Mediziner sind und sich nie mit Geisteskrankheiten beschäftigt haben, bei anderen per Ferndiagnose Geisteskrankheiten diagnostizieren.
Journalisten scheinen hier aber keine Berührungsängste zu haben. Ich erinnere nur an den Zeit-Artikel, der sich mit den 9/11-Skeptikern auseinandergesetzt hat und in dem bereits die Überschrift "Ein Wahn stützt den Anderen" [4] den klinischen Moment in die Diskussion mit hinein bringt. Journalisten als Hobbymediziner? Kann das gut gehen?
Thomas Grüter: So würde sich ein Mediziner nicht verhalten. Sie müssen bedenken: Wahnideen sind für einen Arzt nicht so einfach festzustellen. Ein Beispiel: Wenn Sie einen Patienten haben, der behauptet, seine geschiedene Frau mache ständig gegen ihn Stimmung und er habe schon mehrere Male den Arbeitsplatz wechseln müssen, dann kann das eine Wahnidee sein, aber eben auch nicht. Seine Anschuldigung ist plausibel genug, um wahr zu sein. Dennoch muss sie nicht zwingend eine reale Grundlage haben.
Höre ich da einen Appell raus, Psychiatrisierungsversuche im Umgang mit Verschwörungstheorien zu unterlassen.
Thomas Grüter: Das sollte man unterlassen. Dennoch muss man sich bewusst darüber sein, dass sich Verschwörungstheorien auch ohne jeden Bezug zur Wirklichkeit über einen sehr langen Zeitraum halten können. Ich verweise nur auf die Ritualmordtheorie. Diese hat sich über 800 Jahre gehalten, ohne auch nur den entferntesten Bezug zur Wirklichkeit zu haben.

Die Annahme einer Verschwörung ist nicht per se abwegig, aber wann ist eine Verschwörungstheorie glaubwürdig?

Von den Verschwörungstheorien jetzt mal hin zu realen Verschwörungen. Die gibt es doch auch.
Thomas Grüter: Selbstverständlich. Reale Verschwörungen bilden sogar die Grundlage für die Glaubwürdigkeit von Verschwörungstheorien. Die Annahme einer Verschwörung ist ja nicht per se abwegig. Verschwörungen und Intrigen hat es immer geben. In meiner Arbeit habe ich darauf hingewiesen, dass die älteste schriftlich überlieferte Verschwörung, auf etwa 2000 vor Christus datiert ist. PharaoAmenemhet I wurde von einer Gruppe von Verschwörern im Schlaf ermordet. Genauer gesagt von Mitgliedern seiner Leibgarde, die ihn eigentlich schützen sollten. Das hat ein zeitgenössischer Chronist glaubwürdig berichtet.
Sie haben gerade das Wort "glaubwürdig" angesprochen. Der Verschwörungsgedanke, so haben wir es aus dem bisherigen Verlauf des Gesprächs festgestellt, muss ja nicht grundsätzlich unglaubwürdig sein.
Thomas Grüter: Nein, ist er auch nicht.
Gibt es Anhaltspunkte, um die Glaubwürdigkeit einer Verschwörungstheorie zu beurteilten?
Thomas Grüter: Wirkliche Verschwörungen haben mit Problemen aus der realen Welt zu kämpfen. Machiavelli hat in seinen Werken ein ganzes Kapitel über Verschwörungstheorien verfasst. Er schreibt, viele Verschwörungen werden unternommen, aber nur wenige sind erfolgreich. Dafür gibt es gute Gründe. Machiavelli geht davon aus - und das völlig zu Recht - dass jede Verschwörung, die zu viele Leute umfasst und zu lange dauert, in ganz großer Gefahr ist aufzufallen. Denn jeder Einzelne der mutmaßlichen Verschwörer hätte einen Vorteil, wenn er sich an die Behörden wenden und die Verschwörung offenbaren würde. So könnte er nämlich auf Straffreiheit hoffen.
Machiavelli wusste, wovon er redete. Er war Diplomat im frühen sechzehnten Jahrhundert, als Italien aus Stadtstaaten bestand, die sich ständig gegeneinander verschworen haben. Machiavelli selbst hat im Gefängnis gesessen wegen einer Verschwörung, an der er gar nicht beteiligt gewesen war. Er war kein Theoretiker, er wusste wovon er redete.
Eine erfolgversprechende Verschwörung sollte nie lange dauern und nur wenige Leute dürfen daran beteiligt sein. Wer daran glaubt, dass eine Verschwörung mit tausenden von Menschen über viele Jahre aufrechterhalten werden könnte, muss sich vorhalten lassen, dass das in der realen Welt kaum zu machen ist.
Die Ausführungen hören sich plausibel an, aber nun wissen wir, dass am 11. September ein schrecklicher Terroranschlag stattgefunden hat. Laut offizieller Version haben sich mindestens 19 Attentäter, plus der zuvor verhaftete 20. Attentäter verschworen. Hinzu kommen noch Osama Bin Laden und Helfer und möglicherweise Helfershelfer. Wir sprechen also von 20, 25, 30, vielleicht sogar noch mehr Verschwörern. Das war doch eine recht große Verschwörung.
Thomas Grüter: Das war eine vergleichsweise große Verschwörung, ja.
Die auch noch funktioniert hat.
Thomas Grüter: Die funktioniert hat. Das ist glücklicherweise aber selten der Fall. Denken Sie daran, wie viele Anschläge alleine in Deutschland schon verhindert wurden. Daran sehen Sie, dass solche Anschläge nur sehr selten gelingen.
Dennoch gelingen sie.
Grüter: Wie ich sagte: je größer und langwieriger, desto seltener.

Eine einfache Erklärung ist wahrscheinlicher als eine komplizierte

Telepolis: Nochmal zurück zu Machiavelli: Sie haben gesagt, Machiavelli gehe davon aus, dass viele größere Verschwörungen scheitern müssen. Da gibt es noch eine andere Schwachstelle. Dies ist eine Aussage, die sich an Wahrscheinlichkeiten anlehnt. Aber woher will man letztlich wissen, wie viele Verschwörungen letztlich erfolgreich waren? Oft erfährt man nur von den gescheiterten.
Das liegt nun mal in der Natur der Sache. Verschwörungen finden in der Regel im Geheimen statt. Man kann sich durchaus auf den Standpunkt stellen, dass man von vielen Verschwörungen gar nichts bemerkt. Aber, um Ihren Einwurf etwa zu perspektivieren, möchte ich Ockhams Rasiermesser ansprechen. Der mittelalterliche Philosoph und Freidenker Ockham hat geschrieben, dass man Entitäten nicht unnötig vermehren soll. Eine einfache Erklärung ist deshalb wahrscheinlicher als eine komplizierte. Viele ausgefeilte Verschwörungstheorien sind schon von daher extrem unwahrscheinlich.
Nehmen wir die Verschwörung der Illuminaten. Diese sind, wie wir wissen, vor allem in rechts-esoterischen Kreisen sehr beliebt. Laut dieser Verschwörung sollen die Illuminaten seit Jahrhunderten im Geheimen ihr übles Werk verrichten, ohne jemals aufzufliegen. So eine Theorie ist nicht plausibel.
Ist es nicht problematisch, Plausibilität als Argument in so einem Zusammenhang einzuführen. Plausibilität ist in unserem alltäglichen Leben sicherlich eine Hilfe, wenn es darum geht, Dinge, Sachverhalte, einzuschätzen, aber andererseits kann man den größten Unsinn für "plausibel" erklären. Was jemand als "plausibel" oder nicht "plausibel" ansieht, hängt doch oft mit den ansozialisierten Wahrnehmungs- und Denkschemata zusammen.
Thomas Grüter: Es ging ja um die Frage, wie jemand ohne weiteres Wissen die Glaubwürdigkeit einer Verschwörungstheorie beurteilen kann. Da stehen erst einmal nur Faustregeln zur Verfügung. Machiavelli und Ockham leisten hier gute Arbeit.

Die Annahme, dass die USA etwa selbst in die Anschläge vom 9.11. verstrickt sein könnten, ist sehr unwahrscheinlich

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Wir haben den 11. September bereits angesprochen. Es gibt eine Vielzahl an Verschwörungstheorien, die den 11. September umgeben.
Thomas Grüter: Und das ist zunächst mal gar nicht ungewöhnlich. Der 11. September war ein extrem emotionales Ereignis. Am 11. September 2001 hat auf jeden Fall ein gewaltiges Verbrechen stattgefunden. Das steht außer Frage. Ich kann anhand der Verschwörungstheorien des 11. Septembers erkennen, wie die ideologischen Fronten in einer Gesellschaft verlaufen. Es gibt beispielsweise Gruppen, die behaupten, die Araber würden niemals ein so schreckliches Verbrechen begehen. Andere Gruppen halten die Juden für Verantwortliche. Wieder andere die CIA.
Als Wissenschaftler kann man hier sehr schön die Verwerfungslinien in einer Gesellschaft erkennen. Derzeit gibt es Verschwörungstheorien, die Präsident Obama bezichtigen, Amerika unter eine Weltregierung des Antichristen zu stellen. Diese Verschwörungstheorie kommt natürlich aus dem republikanischen Lager. Sie sehen, worauf ich hinaus will?
Q. Ja. Sie erfassen das Phänomen gemäß Ihrer anfangs vorgestellten gruppentheoretischen Sichtweise. Verschwörungstheorien geben Ihnen Auskunft darüber, welche Gruppen miteinander im Konflikt in einer Gesellschaft liegen und wie die Gräben zwischen diesen Gruppen gestaltet sind. Weiter mit dem 11. September.
Thomas Grüter: Wie gesagt, es gibt Gruppen, die den Arabern so ein Verbrechen nicht zutrauen. Dabei hat der erste Anschlag auf das World Trade Center von 1993 bereits gezeigt, dass es durchaus Personen aus diesem Umfeld gibt, die so einen Anschlag verüben würden. Das hat die relativ gute Polizeiarbeit in diesem Zusammenhang ja an den Tag gebracht.
Allerdings gibt es auch hierzu eine Verschwörungstheorie. Demnach war derjenige, der den Sprengstoff platziert hat, ein V-Mann des FBI. Eigentlich sollte der Sprengstoff durch unbrauchbaren ausgetauscht werden.
Thomas Grüter: Wie wir doch in letzter Zeit erfahren haben, sind V-Männer chronisch unzuverlässig. Wir wissen doch von den V-Leuten aus der rechten Szene, dass die nicht zu führen gewesen sind. Sie haben Gelder in die Parteikasse fließen lassen und abgesprochen, was sie den Behörden erzählen.
Wenn diese Geschichten denn so stimmen. Aber das ist ein anderes Thema. Konzentrieren wir uns doch mal auf den Kern der Verschwörungstheorien zum 11. September. Ich skizziere mal die Argumentation der Skeptiker:
Der 11. September könnte ein Akt von Staatsterrorismus gewesen sein, da bekannt ist, dass Staaten auch tiefenpolitische Interessen verfolgen. Teile der geheimen Armeen der NATO, Stay Behind oder Gladio, sollen im letzten Jahrhundert in Terroranschläge gegen die eigene Bevölkerung verwickelt gewesen sein, um bestimmte politische Interessen, die im Kontext des Kalten Krieges verwurzelt waren, zu wahren. Außerdem ist bekannt, dass Länder, die in einen Krieg eintreten möchten, Kriegsanlasslügen verbreiten. Als solche könnte man den Vorfall vom Golf von Tonkin oder etwa die Brutkastenlüge aus dem Irak-Krieg von 1990 anführen. Darüber hinaus gehen die Skeptiker davon aus, dass Ressourcen nicht unendlich sind, dass ein Peak Oil bevorsteht und dass der Westen große Interessen an den Rohstoffen anderer Länder hat, für die er, wenn es notwendig ist, auch bereit ist, Kriege zu führen.
Thomas Grüter: Man muss bei dieser Argumentation vorsichtig sein. Was ist Fakt und was nicht? Sie beziehen sich auf die Forschungen von Daniele Ganser. Sein Verdienst ist es, dass er klar gestellt hat, dass es auch in der Schweiz eine Stay-Behind-Truppe gab, die unter anderem vom Natopartner England ausgebildet wurde. Aber was die Behauptung angeht, dass Stay-Behind-Truppen in Terroranschläge verstrickt sind, ist die Beweislage zumindest kontrovers.
Das Schauermärchen von den Kindern, die aus den Brutkästen gerissen wurden, diente nicht als Anlass des Krieges. Es war eine Rechtfertigungslüge. Ich bewerte jedenfalls die Annahme, dass die USA etwa selbst in die Anschläge vom 9.11. verstrickt sein könnten, als sehr unwahrscheinlich.
Wahrscheinlich, unwahrscheinlich? Das sagt alles und nichts aus.
Thomas Grüter: Was soll ich sonst sagen? Ich habe keine göttlichen Erkenntnisse.
Greifen wir doch mal den Gedanken auf, dass der Irak-Krieg wegen 9/11 geführt wurde. Alleine das ist doch bereits falsch. Der tatsächliche Kriegsgrund für die USA war, dass der Verdacht (nur der Verdacht! wohlgemerkt) bestanden hat, Saddam Hussein hätte sich Uran besorgt und verfüge über große Mengen biologischer und chemischer Kampfstoffe. Das war ein in den USA akzeptierter Kriegsgrund. Mit dem 11. September hatte das doch gar nichts zu tun.
Aber die CIA hat doch bereits damals klar gemacht, dass der Irak eben nicht über Uran verfügt. Man könnte sagen, die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen.
Thomas Grüter: Das ist mir bekannt. Ich wollte damit nur sagen, dass Saddam Hussein keinen Anschlag in Amerika verübt hat, er hat keine Amerikaner in Amerika getötet, und doch hat bereits die bloße Annahme dazu geführt, dass die USA gegen den Irak in den Krieg gezogen sind.
Aber bitte, wollen Sie wirklich sagen, dass die USA gegen den Irak so leicht hätte in den Krieg ziehen können, wenn es den 11. September nicht gegeben hätte?
Thomas Grüter: Was Sie vergessen ist, dass die USA erst zwei Jahre nach dem 11. September, also 2003, in den Irak einmarschiert sind. Hier liegt eine lange Zeit zwischen dem von ihnen unterstellten Initialereignis und der dann damit angeblich zusammenhängenden Handlung.

Menschen glauben eben, was sie glauben wollen

Wenn wir zurückdenken sehen wir doch, dass die Weltöffentlichkeit, vor allem aber Amerika, noch immer unter einem gewissen Schock stand. 2003 war Nine Eleven noch ganz nahe. Außerdem, so wurde später bekannt, lagen die Pläne für einen Krieg gegen den Irak schon länger bereit.
Thomas Grüter: Der Punkt ist doch: Ein Anschlag, wie er in den USA verübt wurde, die damit verbundene Grausamkeit an der eigenen Bevölkerung, steht doch in keinem Verhältnis zu den unterstellten Zielen, wie etwa ein Beutezug für Rohstoffe. Außerdem wäre der Druck auf die Verschwörer wegen der zu erwartenden Strafe viel zu hoch. Wenn wir nur einmal annehmen, dass Verantwortliche aus der Regierung etwas mit den Anschlägen zu tun haben könnten, dann würde das für alle Verschwörer die Todesstrafe bedeuten. Alleine schon deshalb halte ich das für sehr unwahrscheinlich.
Wenn alleine ein zu erwartendes Strafmaß eine Rolle dabei spielen würde, ob eine Straftat geschieht oder nicht, dann dürfte es in den USA keine Todesurteile mehr geben, weil niemand mehr ein Verbrechen begeht, auf das die Todesstrafe steht. Von daher ist diese Argumentation nicht schlüssig.
Thomas Grüter: Wenn nur eine geringe Zahl der Verschwörer Angst vor der Todesstrafe hat, reicht das aus. Eine reale Veschwörung besteht sicher nicht ausschließlich aus todesverachtenden Erzschurken. Es gibt aber noch ein anderes Argument: Ihnen ist sicherlich die Geschichte um den Sender Gleiwitz ein Begriff. Selbst das Nazi-Regime, das ja nicht für seine zurückhaltende Art bekannt war, hat hier keine eigenen Leute einfach so geopfert.
Das stimmt. Aber daraus können wir nicht schließen, dass für immer und für alle Zeit Staatsterrorismus - auch mit Opfern aus der eigenen Bevölkerung - ausgeschlossen ist.
Thomas Grüter: Das sage ich auch nicht.
Wie sollten denn Ihrer Meinung nach in Zukunft mit dem Thema Verschwörungstheorien umgehen?
Thomas Grüter: Auf jeden Fall weniger aufgeregt und emotionsbeladen. Verschwörungstheorien, aber das habe ich schon gesagt, sind keine Geisteskrankheit, sie wird es immer geben und man sollte sich mit ihren Inhalten auseinandersetzen, um daraus Schlüsse auf gesellschaftliche Prozesse und Bruchlinien ziehen.
Neben den Konfliktlinien in einer Gesellschaft verweisen Verschwörungstheorien doch auch darauf, dass es konkurrierende Wirklichkeitskonstrukte gibt.
Thomas Grüter: Das ist sicherlich so.
Und dass es einen Kampf um die Deutungshoheit gibt.
Thomas Grüter: Auch das ist zutreffend. Das Problem ist einfach, dass Verschwörungstheorien ja auch immer für sich beanspruchen, wahr zu sein. Für den Einzelnen ist es jedoch gar nicht so einfach zu überprüfen, was wahr und was unwahr ist. Als Mensch können Sie können die Wahrheit letztlich nur soweit erfahren, soweit ihre Sinne reichen.
Selbst wenn in einer fernen Zukunft die Wahrheit zweifelsfrei festgestellt wird, werden Sie immer noch Menschen finden, die das nicht anerkennen. Menschen glauben eben, was sie glauben wollen.

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[1] http://www.thomasgrueter.de/
[2] http://www.focus.de/digital/multimedia/geschaefte-mit-geruechten-bloss-keine-einfachen-wahrheiten_aid_654729.html
[3] http://www.sueddeutsche.de/politik/bingo-bibber-affen-der-angst-1.312421
[4] http://www.zeit.de/2003/38/Verschw_9arung