Was ist los mit den Gelbwesten?

"A nous la démocratie": Die Demokratie gehört uns

Auf dem Rückweg zum Place de la Republique entdecke ich auf dem Asphalt das Grafitti "à nous la démocratie" (übersetzt: "die Demokratie gehört uns"). Die Gelbwesten gehen vielerorts für ein "Référendum d'Initiative Citoyenne" (RIC) auf die Straße und fordern damit eine direkte Demokratie - die repräsentative Demokratie, die die Machtverhältnisse im Sinne einer neoliberalen Oligarchie gestaltet, lehnen sie ab.

Davon ist in den Konzernmedien ebenfalls nichts zu lesen. Der Place de la République ist zwar von einer Polizeikette abgesperrt, trotzdem werde ich durchgelassen und kann mir noch am frühen Abend dieses Gilets jaunes - Volksfest anschauen, das offenbar an die "nuit debout" - Tradition anknüpft. Gelbe Transparente mit der Aufschrift "vivre oui - survivre non" (leben ja - überleben nein) finden sich neben Plakaten gegen die drohende Klimakatastrophe.

Was mir hier auch wieder auffällt, ist eine Leichtigkeit im Umgang, sind Formen des menschlichen Miteinanders, die mir so auf Demonstrationen bisher nicht vertraut waren. Offenbar verzichten die Gilets jaunes weitgehend auf "Anführer", an deren Stelle tritt ein kollektives "Wir", das sich auf dem Place de la République unmittelbar erfahren lässt.

Zu Besuch bei den Gelbwesten in Paris (8 Bilder)

Bild: Christian Schmeiser

Ich schließe mich auf dem überfüllten Platz einer ziemlich witzigen Blaskapelle an, die südamerikanische Revolutionslieder spielt und für die immer wieder eine Gasse gebildet werden muss, damit sie auf dem riesigen Place de la République ihre Kreise ziehen kann. Irgendwie erinnert mich das ganze Szenario an einen frühen Jacques Tati-Film.

Meine abendlichen Eindrücke hinsichtlich Witz, Urbanität, Lebendigkeit und Subversion in Verbindung mit einer ungeahnten schwebenden Leichtigkeit sind in diesem Gilets jaunes-Clip ziemlich gut eingefangen. Durch meine sofortige Flucht vom Boulevard Montmartre habe ich keine Polizeigewalt gegen die Gilets jaunes mitbekommen. Albrecht Müller hat sich auf den Nachdenkseiten dazu geäußert.

Es werden ausführliche Informationen über die vielen durch Polizeigewalt (Schwer-)Verletzten ins Internet gestellt. Besonders umstritten sind die Plastik-Stahl-Geschosse aus der in der Schweiz hergestellten LBD 40, deren Einsatz in mehreren Fällen zum Verlust eines Auges geführt hat (siehe Polizeigewalt gegen Proteste der Gelbwesten: "Reihenweise Verstümmelungen").

Bekannt wurde die Fälle von Fiorina Lignier und Jérôme Rodriguez, die beide ein Auge durch Polizeigeschosse verloren haben. Gegen den Einsatz der LBD 40 demonstrieren die Gelbwesten regelmäßig. Selbstredend ist die Polizeigewalt gegen die Gilets jaunes in den Mainstreammedien ein untergeordnetes, deutlich vernachlässigtes Thema.

Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf

Mein zweiter Besuch bei den "gilets jaunes" am 9.2.2019 (Acte XIII) soll hier nur im Hinblick auf neue Eindrücke ganz knapp skizziert werden. Zunächst bin ich ebenfalls wieder Galliern begegnet, aber auch der Marianne als nationaler Ikone. Dazu eine Anmerkung: Der Narrativ des kleinen, von unbeugsamen Galliern bevölkerten Dorfs gegen den König von Versailles ist unmittelbar ansprechend, erweckt bei Außenstehenden durchaus Sympathien für die Gelbwesten - und ist nirgendwo in den "Konzernmedien" präsent.

Erinnert sei hier an dieser Stelle daran, dass Asterix und seine Freunde im Kontext der Auseinandersetzungen zwischen dem Frankreich de Gaulles und den Hegemonialansprüchen des damals noch jungen US-Imperiums in den späten 1950ern entstanden sind - das Auftauchen von "unbeugsamen Galliern" bei den Gelbwesten macht also durchaus Sinn (wie wär's mit Gelbwesten im nächsten Asterix-Heft?).

Agents provocateurs

Bei dem großen Demonstrationszug am 9. Februar (Acte 13) ab dem Place de l'Étoile kann ich zum ersten Mal auch eine Kleingruppe junger schwarz-vermummter Männer beobachten, die gezielt Zerstörungen anrichten. Mir erscheint diese Gruppe nicht als ein Club chaotischer Randalierer, sondern - ganz im Gegenteil - wie eine geordnet vorgehende paramilitärische Struktur, die gezielt Schaufenster einschlägt und Bankautomaten zertrümmert. Die große Anzahl der friedlichen Demonstranten buht diese "agents provocateurs" bei ihrer "geschäftigen Tätigkeit" aus, schreitet aber nicht ein.

Bezeichnenderweise "produzieren" die Schwarzvermummten genau die Bilder, die ständig im "Gelbwesten-Gewalt-Diskurs" der Konzernmedien auftauchen. Liegt hier eine verdeckte "Strategie der Spannung" vor, um die Gelbwesten zu diskreditieren ?

Spezialeinheiten

Das Auftauchen von Spezialeinheiten veranlasst mich schließlich, den Demonstrationszug am späten Nachmittag zu verlassen. Zu erkennen sind besagte Spezialeinheiten an ihren roten Armbinden, fehlenden Hoheitsabzeichen, dem Fehlen einer gepanzerten Uniformierung und einfachen Motorrad-Schutzhelmen. Berüchtigt sind sie bei ihrer Unterstützung der französischen Polizei für exzessive Gewaltanwendung.

Wie sie auf erneute Provokationen der schwarzvermummten agents provocateurs am 9. Februar (Acte XIII) reagiert haben, lässt sich auf diesem Video (ab 3:45:00 ) "bewundern".

Klärungsbedarf

Schlussendlich möchte ich im Anschluss an meine Augenzeugenberichte darauf verweisen, dass noch viel Klärungsbedarf hinsichtlich des zeitgeschichtlichen Kontexts besteht, in den die seit November andauernden Proteste der Gelbwesten gehören. So lehnt beispielsweise Michael Chossudovsky (Centre for Research on Globalization) die bekannte Position in den konventionellen Medien ab, derzufolge sich der Protest der Gelbwesten an einer ökologisch inspirierten Mineralölsteuer der Macron-Regierung entzündet habe.

Seinen Darlegungen zufolge habe Macron am 13. Juli 2018 ein ganzes Paket von Steuern erlassen (zu denen im Übrigen auch die Mineralölsteuer gehört), die alle direkt mit dem aktuellen europäischen Hochrüstungskurs zusammenhängen sollen. Ob Chossudovsky damit richtig liegt? Das mag der Leser entscheiden.

Ein zweites Beispiel: Im Rubikon-Magazin spekuliert der Autor Aaron Rosenbaum, dass der Aachener Vertrag vom 22. Januar 2019, der von Macron und Merkel unterzeichnet wurde, der massiven Militarisierung eines "deutsch-französischen Superstaats" diene und darüber hinaus ermöglichen soll, dass künftig "die Bundeswehr Proteste französischer Bürger niederschlägt". Was ist davon zu halten?

Auch wenn sich die Gelbwesten-Szene gegenwärtig rückläufig entwickelt, sind die dahinterstehenden schwerwiegenden Konflikte in keiner Weise beigelegt. Auf die "nuit debout"-Szene im Jahr 2016 folgten Ende 2018 die Gilets jaunes. Können wir in naher Zukunft mit den "Gilets jaunes reloaded" rechnen?

Als gedanklichen Ausblick möchte ich die Überlegungen eines Internet-Bloggers zu den Gelbwesten an den Schluss stellen, die die Wochenzeitung "der Freitag" publiziert hat: "Der Aufstand [der Gilets jaunes] ist die hilflose Reaktion der Unterworfenen auf den untergangsgeprägten Neoliberalismus. Alles zusammen ist eine sich steigernde Komplexität des Chaos', das weiter in den Untergang führt, und damit zu dem kommenden Wandel des Systems, den keiner vorhersehen kann. Politisch geht nichts mehr und wir sollten alle froh sein, wenn wir es schaffen würden, ohne einen irren Krieg, an dem man schon feste arbeitet, durch den Untergang zu kommen." (Christian Schmeiser)

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