Was ist mit dem IS-Kalifen Al-Baghdadi?

Hier in der syrischen Wüste soll sich nach Mutmaßungen der IS-Führter al-Baghdadi verstecken. Bild: yeowatzup/CC BY-2.0

Vermutet wird er meist in der syrischen oder irakischen Wüste, aber er könnte auch für ein dezentrales Netzwerk sowie für Medien und Politik nur noch als Simulakrum dienen

Das IS-"Kalifat" sei mit der Eroberung des Dorfs Baghouz und des verzweigten unterirdischen Labyrinths besiegt, heißt es. Die Siege gleichen sich. Die IS-Kämpfer verschanzen sich und schützen sich im Untergrund, die Angreifer bombardieren die Stadt/das Dorf, bis es für die Bodentruppen sturmreif wird und in Schutt und Asche liegt. SDF-Kämpfer und US-Soldaten feierten den endgültigen Sieg vom 23. März bei Tishlin, Aleppo, allerdings ist der IS oder Kampf der sunnitischen Extremisten weder in der Region noch darüber hinaus damit beendet. Wie schon nach der Invasion von Afghanistan haben sich Zellen der Extremisten mit der Bekämpfung des "Kalifats" in Syrien und im Irak in anderen Ländern wie Libyen, Ägypten, dem Jemen, Afghanistan, Nigeria oder den Philippinen verbreitet.

Man nimmt an, dass die Organisation, eine Abspaltung von al-Qaida, weiterhin über Geld verfügt, möglicherweise sogar viel Geld, das nun nicht mehr in die Verwaltung der Gebiete und in schwere Waffen fließt, sondern den Untergrund-, Guerilla- oder Terrorkampf neuen Auftrieb verleihen könnte. Ungeklärt ist vor allem, wie es um die Führungsstruktur des IS steht, also ob er zu einer dezentralen Organisation wurde oder weiterhin zentral von oben durch einen Führungskader gesteuert wird.

An erster Stelle bleibt ein Geheimnis, ob der selbst ernannte und von den USA mit 25 Millionen US-Dollar gesuchte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi noch lebt, wo er sich aufhält und ob er noch etwas zu sagen hat. Trotz aufgeblähter Geheimdienstapparate, allen voran dem der USA, gibt es offensichtlich keine Spuren. Das erinnert an Osama bin Laden, der viele Jahre nach der Flucht aus Afghanistan in Abbottabad, Pakistan, leben konnte, oder an Mullah Omar, den einstigen Talibanführer, der friedlich in der Nähe eines US-Militärstützpunkts bis zu seinem Tod gelebt haben soll.

Bin Laden konnte als damals am meisten gesuchter Terrorist 10 Jahre unterschlüpfen. Als dann im Frühjahr 2011 eine Killereinheit aus Navy-Seal-Soldaten ihn in seinem Haus überraschte und tötete, hatte er schon längst keine Rolle mehr gespielt und schien eher alten Zeiten nachzutrauern. Barack Obama verkaufte die Tötung als den bislang größten Erfolg gegen al-Qaida, der kam aber erst, nachdem sich der Islamische Staat unter al-Baghdadi von der al-Qaida-Gruppe al-Nusrah löste und in einem Blitzkrieg große Gebiete im Irak und in Syrien einnahm.

Al-Baghdadi ist nur einmal öffentlich aufgetreten, als er am 29. Juni 2014 das Kalifat in Mosul ausrief. Der IS verbreitete das Video. Danach verschwand er und wurde ähnlich wie Bin Laden zu einer geheimnisvollen, mysteriösen Gestalt. Gelegentlich wurden Botschaften angeblich von ihm verbreitet ( IS-Chef ruft zum Endkampf in Syrien und im Irak auf, Der totgeglaubte Kalif ruft zu Anschlägen auf). Im August 2018 kursierte eine bislang letzte Audio-Botschaft, die von manchen Baghdadi zugeschrieben wurde. Die Stimme rief die Anhänger dazu auf, überall und auf eigene Entscheidung Anschläge auszuüben.

Der Dschihad ohne zentrale Führung war schon länger Strategie, seitdem erkennbar wurde, dass das Kalifat nicht zu halten war, und würde für eine Dezentralisierung der Organisation sprechen, womöglich mit einer leeren Mitte. So wurden, was auch schon AQAP, al-Qaida auf der panarabischen Halbinsel, machte, Anhänger aufgefordert in ihren Ländern zu bleiben und dort eigenständig Anschläge - Open-Source-Djihad - auszuüben, weil so eine Prävention erschwert wird.

Abu Bakr al-Baghdadi bei der Verkündung des Kalifats 2014 in Mosul.

Immer wieder kursierten Gerüchte, wo er sich aufhalten soll, dass er verletzt oder getötet worden sein soll. Bislang wurde nicht bestätigt. Möglicherweise ist al-Baghdadi schon jahrelang tot, aber er könnte genauso gut im Irak oder in einem anderen, wahrscheinlich muslimischen Land untergetaucht sein. Wie Bin Laden scheint er auf Telefon- und Internetkommunikation zu verzichten und vielleicht nur über Boten. Dass nichts über ihn oder seinen Tod aus dem inneren Zirkel bekannt wurde, könnte darauf hinweisen, dass der Führungskader intakt ist und zwischen sich und den IS-Gruppen eine bislang undurchdringliche Barriere errichten konnte. Oder aber er ist für die Führungsschicht irrelevant geworden, die ihn nur als Gespenst weiterleben lässt, um die Organisation zusammenzuhalten.

Man hatte noch vermutet oder gehofft, al-Baghdadi mit anderen Führern in Baghouz zu finden. Das war aber nicht der Fall, zumindest wurde er auch dort weder tot noch lebendig entdeckt. Vor wenigen Tagen räumte der Syriengesandte der US-Regierung, James Jeffrey, ein, dass nicht bekannt sei, wo sich Al-Baghdadi aufhält, aber er erklärte auch, es sei immer eine Priorität, die Führer von Gruppen wie dem IS zu finden.

Gerade kursiert ein neues Gerücht, das vom irakischen Terrorismusexperten Hisham al-Hashemi, Mitglieder der Nationalen Versöhnungskommission, in die Welt gesetzt wurde. Danach habe ein Zeuge Baghdadi im August 2018 in Marashidah östlich des Euphrat gesehen. Das Städtchen war auch bis Januar noch eine letzte IS-Enklave. Hashemi sieht drei Möglichkeiten, wo sich al-Baghdadi aufhalten könnte. Wahrscheinlich sei, dass er sich in der syrischen Wüste - wie andere IS-Kämpfer - zurückgezogen haben könnte, beispielsweise in Badia bei Palmyra oder in dem Wüstengebiet bei Homs. In der gebirgigen Region Badia habe der IS schon seit 2014 Vorkehrungen getroffen und u.a. Höhlen gebaut und Waffenlager eingerichtet. Hier sei auch Baghdadis Sohn letztes Jahr getötet worden,

Als dritte Möglichkeit sieht er seine Flucht zurück in den Irak, auch hier in Wüstengebiete, etwa bei Rawa. Nach US-Geheimdienstberichten seien um die tausend IS-Kämpfer vor dem Fall von Baghouz noch mit 200 Millionen US-Dollar in den Irak geflohen. Damit könnte man sich sicher einrichten. Zudem wird davon ausgegangen, dass es im Irak weiterhin bis zu 20.000 IS-Kämpfer geben könnte, die auch bezahlt werden müssen, um bei der Stange zu bleiben.

Asia Times zitieren die Investigative Journalistin Sofia Amara, von der letztes Jahr das Buch "Baghdadi, der Kalif des Terrors" erschienen ist: "War wir von unterschiedlichen Quellen - den irakischen Geheimdiensten, Experten in Bagdad und auch von kurdischen Quellen wissen, konnte die IS-Führung fliehen und hält sich offensichtlich in der Wüste der Homs-Provinz auf." Die Region wird theoretisch vom syrischen Militär kontrolliert, aber hier sei dies extrem schwierig. Die Wüste erstreckt sich auf einem weitgehend menschenleeren Gebiet von 90.000 Quadratkilometern, in dem sich der IS in gut abgeschirmten Tunneln und Höhlen gut verstecken könne.

Auch andere mutmaßen, dass er sich in der syrischen Wüste oder in der irakischen Provinz Anbar aufhält. Sabah al Namaan, Sprecher der irakischen Antiterrorbehörde, erklärte, er halte sich noch in der syrischen Wüste auf und könne wegen der Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze nicht in den Irak reisen. Man versuche weiterhin, ihn zu jagen, er habe eine "symbolische Bedeutung": "Wenn er gefangen genommen oder getötet wird, wird das viele Geheimnisse offenbaren, wie er Zehntausende junger Männer rekrutieren konnte, und es wird ein Loch in der Organisation hinterlassen … Jetzt haben wir eine wirkliche Möglichkeit, ihn zu fangen oder zu töten."

Aber vielleicht wird wirklich nur ein Gespenst gejagt. Politisch und medial ist es auch opportun, den Gegner zu personifizieren und eine absolut hierarchische Organisation darzustellen, die durch "Enthauptung" zerfällt. Aber egal, ob al-Baghdadi noch lebt oder nicht und ob er überhaupt noch mehr als eine symbolische Rolle spielt, ist es schwerer, ein dezentrales, netzwerkförmiges Bündnis zu zerschlagen, das vielleicht nur lose oder gar nur ideologisch und per Imitation in Kontakt steht. (Florian Rötzer)