Was kann die Hirnforschung für die Gerichtsgutachtung beitragen?

Das Präfix ‚Neuro‘ findet sich heutzutage im Zusammenhang mit Wissenschaften, die noch vor kurzer Zeit ignorierten, dass tierische Lebewesen Gehirne haben - ‚Neurotheologie‘ und ‚Neurogermanistik‘ sind Beispiele.

Die Rechtswissenschaften standen insofern in einer Zwitterstellung zu den Neurowissenschaften, als sie einerseits aus den Geisteswissenschaften und einer universitätsgeschichtlich gesehen sehr alten Tradition kommen, sich aber andererseits zunehmend medizinischen Erkenntnissen öffnen mussten. Richter erkannten, dass es nicht sehr sinnvoll ist, Schweine und Hunde, die menschliche Babys gefressen hatten, zum Tode zu verurteilen und aufzuhängen, wie dies noch zu Beginn der Neuzeit gemacht wurde. Auch galt es, Personen, die wegen Schwachsinn oder Lebensalter keine Einsicht in ihr Tun hatten, von den allgemein üblichen Sanktionen auszunehmen. Insbesondere für diese Entscheidungen waren Juristen auf gutachterliche Aussagen von Sachverständigen angewiesen.

Hierzu wurden bislang vorwiegend Psychiater, insbesondere forensische Psychiater herangezogen. Hieran ist auch nichts auszusetzen, da forensische Psychiater von ihrem Berufsbild her am ehesten geeignet für derartige Diagnosestellungen sind. Trotzdem hat sich in jüngster Vergangenheit gerade in Deutschland1, aber auch in anderen Ländern2 eine Argumentation Bahn gebrochen, die das konventionelle, auf dem Gedanken der Schuld basierende Strafrecht in Frage stellt. Es wird von diesen Wissenschaftlern, die fast durchweg aus der Hirnforschung kommen, in Frage gestellt, dass Menschen frei entscheiden und deswegen für ihr Tun und Handeln verantwortlich sind3 .Stattdessen wird argumentiert, der Mensch fühle sich zwar frei und dies sei grundsätzlich auch gut so, aber diese Freiheit sei eine Scheinfreiheit, eine Illusion, wie dies auch Freud4 schon bemerkte. Tatsächlich sei der Mensch durch seine Genetik (und damit auch durch sein Gehirn, einschließlich der darin agierenden Hormone) und durch seine lebenslang gemachten Erfahrungen determiniert.

Er handelt so, wie er es gelernt hat und wie seine Hirnkapazität es ihm ermöglicht. Sein Gefühl, sich frei, nach gusto, zu verhalten rühre daher, dass der Mensch von Beginn seines Lebens an dazu erzogen wird, zu glauben, wenn er agiere, ändere sich die Welt. Man kickt einen Ball und er fliegt weg; man isst und fühlt sich wohl. Die Handlungen werden als eigen initiiert und damit einer freien Entscheidung unterworfen betrachtet. Tatsächlich isst man seine Krabben, aber nicht die dargebotenen Regenwürmer, weil man erzogen wurde, die eine Wurmsorte als schmackhaft, die andere als eklig anzusehen. Hierfür zeichnet, wenn man so will, eine phylogenetisch alte Hirnregion, das limbische System für verantwortlich. Diese Hirnregion macht uns zu Gefühlsmenschen, die glauben, wünschen, hoffen, auch über ihre Zustände reflektieren, und sich so von Robotern unterscheiden. Gleichwohl gilt natürlich die Aussage, dass wir ohne Gehirn nichts bewerkstelligen könnten und dass wir am ehesten so agieren, wie wir gelernt und internalisiert haben, wenn unser Gehirn intakt und störungsfrei arbeitet. Schon ein Alkoholrausch bringt unser Werte- und Aktionsgefüge durcheinander - wir lassen uns gehen.

Zusammenhänge zwischen Gehirn und Verhalten

Hirnforscher analysieren die hirnorganischen Grundlagen unseres Verhaltens. Sie stellen dabei fest, dass es vorhersagbar eindeutige Beziehungen zwischen der Gehirntätigkeit und dem Verhalten (Wahrnehmen, Denken, Handeln) gibt. Ist die motorische Hirnrinde geschädigt, werden Gliedmaßen gelähmt. Ist die Sehrinde geschädigt, wird die Person blind. Ist die Zusammensetzung von Überträgerstoffen und Hormonen im Gehirn vom Normalzustand abweichend, wird die Person depressiv oder schizophren. Gibt man ihr Medikamente dagegen, ändert sich ihre Laune und ihre Realitätssinn. Verkalkt eine bestimmte Hirnregion (Amygdala), kommt es zu emotionalen Störungen, Angst wird nicht mehr empfunden und die Gefühle anderer Menschen werden nur noch gefiltert wahrgenommen und interpretiert5. Schon seit dem vorletzten Jahrhundert existierten Fallbeschreibungen, die demonstrieren, dass Menschen sich nach plötzlichen Hirnschäden nachhaltig in ihrer Persönlichkeit veränderten6. Berühmtestes Beispiel ist der "Crowbar case": Phineas Gage, ein Eisenbahnvorarbeiter, dem eine Eisenstange durch das Stirnhirn flog und der anschließend zu einem eher liderlichen Tagträumer ohne Vorausschau hinsichtlich seiner Zukunft wurde. Oder der schweizer Kürschnermeister, der aus dem Fenster stürzte, sich das Stirnhirn verletzte und danach alle seine Handwerksmeistertugenden verlor und stattdessen zu einem nörgelnden, aufsässigen, zu destruktiven Handlungen neigenden Individuum wurde.

Hirnplastizität und Verlaufsänderungen

Spektakuläre Fälle der Gegenwart sind Menschen, die sich aufgrund von Hirnschäden oder Umwelteinwirkungen von einem Persönlichkeitszustand in einen anderen verwandelten und die sich nach Behandlung und Therapie wieder in ihren alten Zustand zurückverpuppten.

Einer dieser Fälle betrifft einen Familienvater, der sich plötzlich an seinen beiden Kindern verging, verurteilt wurde und im Gefängnis über zunehmende Kopfschmerzen klagte. Als sein Gehirn schließlich im Tomographen untersucht wurde, stellte sich heraus, dass er einen großen Tumor im rechten unteren Stirnhirnbereich hatte. Nach dessen Entfernung normalisierte sich sein Verhalten soweit, dass er entlassen wurde und zu seiner Familie zurückkehrte7. In ähnlicher Weise - dieses Mal psychisch bedingt - hatten wir einen Patienten, der nach einem psychischen Stresszustand Teile seiner Biographie nicht mehr abrufen konnte und auch keine neue Information mehr bleibend speichern konnte8.

Wir fanden mittels Positronenemissionstomographie, einer Hirnbildgebungsmethode, die es erlaubt, den im Gehirn aktiven Glukosestoffwechsel exakt zu quantifizieren und damit direkte Rückschlüsse auf die Funktion jedes Hirnbereichs zu ziehen, dass der Hirnstoffwechsel dieses Patienten global um knapp ein Drittel vermindert war und dass diese Verminderung in den Regionen, in denen emotionale und kognitive Erinnerungskomponenten synchronisiert werden, die Verminderung noch drastischer war. Nach umfassender, rund ein Jahr dauernder Therapie war nicht nur die Erinnerung des Patienten großenteils zurückgekehrt, sondern auch sein Hirnstoffwechsel lag wieder im Normalbereich9. Somit zeigen derartige Ergebnisse, dass man direkte Beziehungen zwischen Hirntätigkeit und Verhalten nicht nur finden, sondern auch manipulativ verändern kann.

Dass dem so ist, hat auch Wolf Singer, Direktor am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung, mit seinem Ausdruck, dass Kindererziehung vergleichbar wäre mit mikrochirurgischen Eingriffen in das Gehirn, schon vor Jahren konstatiert. Außerdem gibt es eine Fülle von Arbeiten aus der Hirnforschung, die belegen, dass unser Gehirn sich lebenslang in Abhängigkeit von Umwelteinflüssen verändert. Diese Veränderungen beziehen sich auf Verzweigungen bei Nervenzellen, auf das Fehlen oder die Verfügbarkeit von Hormonen und Überträgerstoffen und auf Größe und Volumen einzelner Hirnregionen.

So vergrößert sich bei Leuten, die frisch mit Jonglieren beginnen, die zugehörige Region in der Hirnrinde. Bei Londoner Taxifahrern zeigte sich, dass diese Volumenvergrößerungen in einer bestimmten Hirnregion zeigten, die für räumliches Vorstellen und räumliches Erinnern wichtig ist, wenn sie mehrere Jahre als Taxifahrer tätig waren. Im Grund vergrößerte sich das entsprechende Hirnvolumen linear mit der Anzahl der Berufsjahre10.

Alle diese Beispiele demonstrieren, wie bedeutend Hirnforschung für die Erkenntnis menschlichen Verhalten und damit auch menschlichen Fehlverhaltens ist. Wie an unserem Beispielsfall gezeigt11 und wie eine Reihe neuerer Studien bestätigen12, lässt sich auch der Therapieerfolg an Änderungen im Hirnstoffwechsel nachweisen. Somit ließe sich grundsätzlich auch der Therapieerfolg bei Straftätern an Änderungen im Hirnstoffwechsel messen. Dies wurde beispielsweise bei einem Pädophilen untersucht, dem man Bilder von Kindern zeigte, während er im Kernspintomographen lag. Obwohl er vorgab, kein Interesse an solchen Bildern zu haben, zeigten sich dennoch Aktivierungen in den Belohnung ("Lust") kodierenden Regionen seines Gehirns. Außerdem fanden Schiltz und Mitarbeiter (2007) hirnpathologische Änderungen bei Pädophilen.

Auch weiß man, dass bestimmte genetische Konstellationen13, verbunden mit entsprechenden hormonellen Gegebenheiten14 und Umwelteinflüssen die Wahrscheinlichkeit, delinquent oder rückfällig zu werden, ansteigen lassen15. Somit bietet die Messung und Erfassung derartiger Konstellationen eine prognostische Möglichkeit, hoch von niedrig Delinquenzanfälligen zu unterscheiden und entsprechende Präventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Lügendetektion und Mind reading

Eine neuerdings immer intensiver beforschte Thematik ist die nach Prädiktionsmöglichkeiten von Denkvorgängen - volkstümlich "Lügendetektion". Bislang existieren zur Erfassung des Wahrheitsgehalts einer Aussage nur sehr indirekte Messmöglichkeiten. Zum einen psychologische und neuropsychologische Tests (Markowitsch, 2006), zum anderen die Messung der psychogalvanische Hautreaktion mittels einer entsprechenden Apparatur. Neuerdings bietet sich die Möglichkeit, mittels Hirnbildgebung zu erfassen, ob jemand die Wahrheit sagt, lügt16, oder sich fehlerinnert17. Es gibt sogar schon Firmen ("Cephos", "No lie more"), die sich in den USA den Gerichten anbieten, mittels funktioneller Kernspintomographie den Wahrheitscharakter der Aussagen von Angeklagten festzustellen. Auch existieren in den USA Wettbewerbe zum "mind reading", also zur Fähigkeit, aus den Mustern von Hirnaktivität rückzuschließen, woran die entsprechende Person denkt.

Neuroscience und Kriminalität - Was bietet die Hirnforschung?

Was die Hirnforschung dem Rechtswissenschaftler bieten kann, findet sich unter anderem in den Beiträgen festgehalten, die in einem von mir herausgegebenen Sonderheft der Zeitschrift Neurocase erscheinen werden18. Hirnforscher gehen von einem engen Wechselspiel zwischen Umwelt und Gehirn aus. Eine Reihe Hirnforscher, wie auch manche forensische Psychiater, sehen keine klaren Grenzen zwischen gesundem, angepasstem und gestörtem, anormalem Verhalten19. Der forensische Psychiater Hesse vom Landeskrankenhaus Moringen benutzte hierzu das Beispiel vom Waschzwang: Ab wie vielen Waschungen pro Tag will man jemanden als behandlungsbedürftigen Patienten einstufen oder nicht? Die Hirnforschung macht deutlich, welche Determinanten zu delinquentem, von der Gesellschaft sanktioniertem Verhalten führen. Damit kann Hirnforschung für Gerichtsgutachten zu einer Vielzahl von Fragestellungen Antworten liefern:

  1. Ist die Hirnmorphologie normal oder gibt es Schäden, die Krankheitswert haben?
  2. Ist der Hirnstoffwechsel normal oder gibt es Abweichungen, die Krankheitswert haben (z.B. bei psychogen bedingten Amnesien gegenüber vorgetäuschter Amnesie)?
  3. Sind neurogenetische Varianten vorherrschend, die das Delinquenzrisiko erhöhen?
  4. Ist die emotionelle Verarbeitung gestört (z.B. bei Patienten oder Personen mit bestimmten Krankheitsbildern wie der Urbach-Wiethe Krankheit, dem Asperger-Syndrom oder bei Autismus)?
  5. Fehlen der Person die hirnphysiologischen Voraussetzungen für eine adäquate Zukunftsplanung oder für ein vorausschauendes Abschätzen ihres Tuns?
  6. Ist die Person in der Lage, Handlungsalternativen zu generieren?
  7. Stehen Sozialverhalten, Intelligenz und Emotionalität in einem ausgewogenen Verhältnis?
  8. Gibt es psychopathische Charakterzüge?
  9. Betreffen Hirnschäden oder Hirnabbauvorgänge (z.B. bei der Alzheimer-Krankheit) Fähigkeiten zu Einsicht, Vorausschau oder psychologischem Verstehen?
  10. Gibt es auf Lebensalter oder Intelligenz bezogen gravierende Einbrüche im psychologischen Verstehen (sich in Andere hineinversetzen zu können; "Theory of Mind"-Funktionen)?
  11. Wie ist die Triebstruktur der Person?
  12. Sind therapeutische Maßnahmen erfolgreich gewesen?
  13. Inwieweit sind Umweltreize der Person bewusst gewesen oder unbewusst geblieben?
  14. Neigt die Person zu Konfabulationen, zur Fehlverarbeitung von Umweltreizen, ist sie eingeschränkt in ihrer Interpretationsfähigkeit von sozialen Konstellationen?
  15. Hat die Person eine Tendenz zu lügen oder lügt sie in der aktuellen Situation?
  16. Gibt es eine Diskrepanz zwischen den verbalen Äußerungen der Person und ihren inneren Gefühlen (Bsp.: Pädophilie)?

Trotz des exponentiell ansteigenden Fortschritts der Hirnforschung und den damit verbundenen Möglichkeiten, indirekt in die Gehirne anderer Menschen blicken zu können, werden wir sicher nicht zu einem Neuro-Staat, wovor manche schon mit einem fast inquisitorisch wirkenden Fanatismus warnen, der dem gleich kommt, mit dem mittelalterliche Geistliche vor Hexen und eingefahrenen Teufeln warnten20. Die Naturwissenschaften stehen inzwischen auf festen Standbeinen, die nicht nur Stahlflugzeuge fliegen, sondern die auch geistige Tätigkeiten messbar werden lassen. Was schon Kant hypothetisierte, verspricht in Zukunft Wirklichkeit zu werden:

… alle Handlungen des Menschen [sind] in der Erscheinung aus seinem empirischen Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt, und wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen könnten, so würde es keine einzige menschliche Handlung geben, die wir nicht mit Gewissheit vorhersagen und aus ihren vorgehenden Bedingungen als Notwendig erkennen könnten."

Günther Jakobs

Literaturverzeichnis (Hans J. Markowitsch)