Was passiert eigentlich, wenn die Schule vorbei ist und die Lehre beginnen soll?

Eine assistierte Ausbildung kann auch Jugendlichen mit schwierigem Lebenshintergrund zu einer Ausbildung verhelfen. Das Modell wird jedoch nur selten angewendet

Die Furcht der Unternehmer ist groß. Laut einem Diskussionspapier der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) wird ab 2030 der demografische Wandel unerbittlich zuschlagen. Ab diesem Zeitpunkt werden ihnen sechs Millionen Menschen weniger im erwerbstätigen Alter zur Verfügung stehen. Die Forderung der Unternehmer ist einfach: In den Schulen des Landes müssen die Kinder einfach besser auf ihre Berufstätigkeit vorbereitet werden. Ein Vorschlag, der sicherlich Hand und Fuß hat. Doch was passiert eigentlich, wenn die Schule vorbei ist und die Lehre beginnen soll?

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Laut Ausbildungsreport 2013 des DGB erhalten gerade einmal zwei Drittel aller Jugendlichen eines Jahrgangs einen Ausbildungsplatz. Der Rest von ihnen wird in einem Übergangssystem geparkt, in der Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch eine Chance bekommen.

Insbesondere Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsabschluss oder mit Migrationshintergrund sind davon betroffen. Dass jedoch auch Jugendliche mit schwierigeren Startbedingungen durchaus erfolgreich eine Ausbildung abschließen können, zeigen unterschiedliche Modelle für eine assistierte Ausbildung aus verschiedenen Bundesländern.

Das Projekt Carpo Carpo in Baden-Württemberg bietet Jugendlichen und Unternehmen, die ausbilden möchten, umfangreiche Unterstützung an. So wird vor Beginn einer Ausbildung ein entsprechender Kooperationsvertrag zwischen dem Auszubildenden und dem Ausbildungsbetrieb auf der einen und dem Projektträger auf der anderen abgeschlossen.

Dabei wird eine Art "Frühwarnsystem" angestrebt, welches bei Problemen zwischen Auszubildendem und Betrieb entsprechend eingreifen kann.

Bei Konflikten zwischen diesen beiden hat der Projektträger die Aufgabe, eine konstruktive Lösung zu entwickeln. Darüber hinaus unterstützt der Projektträger den Ausbildungsbetrieb noch zusätzlich, wenn es in einzelnen Bereichen zusätzlichen Lernbedarf geben sollte.

Für die Jugendlichen versucht das Projekt eine Ausbildungsmöglichkeit zu schaffen, die ihrer eigenen Lebenssituation entsprechen. So bietet Carpo beispielsweise die Möglichkeit zu einer Teilzeitausbildung, was insbesondere auch alleinerziehenden Müttern und Vätern die Möglichkeit zu einer Ausbildung gibt.

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-23958-1926, Foto: Helmut Schaar, 1954; Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

In Leverkusen versucht das Wuppermann Bildungswerk ebenfalls die Bedürfnisse von Jugendlichen und Betrieben zusammenzubringen. Unternehmen können einzelne Teile einer Ausbildung, die sie, beispielsweise aufgrund ihrer Größe oder ihrer Spezialisierung, selbst nicht leisten können, an das Bildungswerk abgeben.

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Darüber hinaus können Unternehmen die gesamte Organisation der Ausbildung an das Bildungswerk übergeben. So werden auch sehr kleine Handwerksunternehmen nicht überfordert und können sich auf die eigentliche Aufgabe, die Ausbildung der Jugendlichen konzentrieren.

Auch in Leverkusen wird versucht, alleinerziehenden Müttern und Vätern unter die Arme zu greifen. Das Projekt unterstützt sie bei ihrer Suche nach einem Teilzeit-Ausbildungsplatz und begleitet sie zusätzlich in den ersten Monaten ihrer Ausbildungszeit.

Vergleichbare Projekte gibt es in Aachen, mit dem Projekt AnHand und in Berlin, mit der Zukunftsbau GmbH.

Die Klagen der Unternehmensverbände über den Mangel an schlecht ausgebildetem Nachwuchs sind unter diesen Gesichtspunkten zumindest in Teilen nicht nachvollziehbar. Zwar ist es durchaus richtig, dass sich die Anforderungen an die Jugendlichen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht haben.

Die Unterstellung jedoch, die "Jugend von heute" sei schlimmer, als alle vorhergegangenen Generationen ist auf den ersten Blick durchschaubar als Ablenkungsmanöver von den eigenen Versäumnissen in der betrieblichen Ausbildung.

Der jüngste Ausbildungsreport, in dem Auszubildende über die Qualität ihrer Ausbildung befragt wurden, zeigt deutlich, dass auch in den Betrieben Nachholbedarf vorhanden ist. Insbesondere in den Branchen, in denen der Nachwuchsmangel besonders lautstark beklagt wird, seien die Ausbildungsbedingungen oft besonders schlecht. Genannt wird hier insbesondere das Hotelgewerbe, mit seinen herausragend geringen Vergütungen und besonders nachteiligen Arbeitszeiten.

Für die Arbeitgeberseite scheint bei der Vergabe ihrer Ausbildungsplätze jedoch noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. In dem Diskussionspapier der INSM heißt es auf Seite 3, 2. Absatz:

Bei Personen, die keinen Schulabschluss vorweisen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie von einem Gericht verurteilt werden, um zehn Prozent, bei Ausbildungsabbrechern sogar um zwölf Prozent. Unzureichende Bildung kann so nicht nur ganze Biografien zerstören, sondern sie erzeugt auch hohe soziale und wirtschaftliche Kosten.

Würde sich die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss halbieren, hätte dies allein im Jahr 2009 zu deutlich weniger Fällen von Mord und Totschlag, Raub und Erpressung sowie Diebstählen geführt und Kriminalitätsfolgekosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro vermieden.

Wer von Jugendlichen mit niedrigem Bildungsabschluss mehr Morde, Raubüberfälle und Erpressungen erwartet, ist wohl eher nicht geneigt, sich einen solchen "Verbrecher" ins eigene Haus zu holen.

Vielleicht sollten die Damen und Herren aus der Leitungsetage selbst einmal wieder die Schulbank drücken. Bildung hilft nicht nur gegen Kriminalität, auch bei Vorurteilen gegen Ausländer, Frauen und andere "Dahergelaufene" soll sie bisweilen außerordentliche Erfolge gezeigt haben. (Ralf Heß)

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