Was sind die Kipppunkte in der Klimabewegung?

Klime-Demo "Kein GRad weiter" in Berlin. Bild: Stefan Müller/CC BY-2.0

Noch ist nicht entschieden, ob sie die Begleitmusik zur postfossilen Akkumulationsstufe liefert oder Bausteine für einen Systemchange bereit stellt

Natürlich war es erwartbar. Die Klimastreikaktionen von Friday for Future in diesem Jahr werden sofort mit der Teilnehmerzahl im letzten Jahr verglichen und es wird festgestellt: Es waren weniger als erwartet. Die Aktivisten dagegen sprechen von einem großen Erfolg.

Doch die Teilnehmerzahlen alleine sagen noch wenig. Da dürfte das regnerische Wetter ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Angst, angesichts von Corona-Meldungen mit vielen Menschen auf die Straße zu gehen. Viel interessanter ist die Frage, welche Perspektive die Klimabewegung hat. Da geht es um die Frage der Kipppunkte, die in der Klimabewegung eine sehr unterschiedliche Bedeutung erfahren. Die Soziologin Ilona Otto verfasste kürzlich eine Studie unter dem Titel "Die Dynamik sozialer Kipppunkte zur Stabilisierung des Erdklimas bis 2050", in der sie sich der Frage widmet, wann eine Gesellschaft endgültig in eine ökologische Richtung (Soziale Kipppunkte könnten den Klimawandel eindämmen) kippt. Sie ist dabei sehr optimistisch, wie sie kürzlich in einem Taz-Interview ausführte:

Ein kleiner Wandel, eine zielgerichtete Intervention, kann weitreichende Folgen haben. Wir haben mit Blick auf den Klimaschutz untersucht, wie Eingriffe durch Klimapolitik, gezielte Informationskampagnen, der Durchbruch erneuerbarer Energie, der Umbau der Städte oder Änderungen bei Werten und Normen zum Abschied von Kohle, Gas und Öl führen können. Und ein gutes Beispiel ist das "Divestment", also der Abzug von Kapital aus verschmutzenden Industrien. Mit einer relativ kleinen Zahl von Investoren kann man den Markt drehen.

Ilona Otto

Allerdings fällt bei der Wissenschaftlerin das Fehlen jeglicher materialistischer Analyse auf. Das wird an dieser Passage besonders deutlich:

Der Kipppunkt in politischen Systemen ist, wenn die Debatte von der Moral in das Gesetz überwechselt. Der Wandel kommt, wenn eine Forderung zur rechtlichen Norm dann auch durchgesetzt wird. Im Feminismus war der Kipppunkt erreicht, als Frauen das Wahlrecht bekamen.

Ilona Otto

So kommt bei Otto auch nicht vor, dass es längst kapitalistische Akteure gibt, die das sogenannte postfossile Zeitalter einleiten.

Postfossiler Kapitalismus oder Systemchange?

Für eine Umweltbewegung muss es dann um die Frage gehen, ob sie Teil dieses postfossilen Kapitalismus werden wollen oder die Klimabewegung als Teil eines Systemchange betrachten. Es gibt diese Stimmen auch in dem Konzert der Umweltbewegung. Die aktuelle Ausgabe der Klimataz, die von ganz unterschiedlichen Klimaaktivisten produziert wurde, gab einen guten Überblick über die unterschiedlichen Strömungen.

Gleich der erste größere Artikel, befasst sich mit einer spirituellen Einrichtung in Thailand. Es ist nicht das einzige Beispiel für die esoterischen Strömungen der Klimabewegung. Daneben kommen auch die Strategen des postfossilen Kapitalismus zu Wort. Der parlamentarische Arm der Klimabewegung will mit Klimalisten die Grünen an ihre Anfangszeit anknüpfen, als sie nicht links und nicht rechts sein wollten. Sie sehnen sich also eher nach Grünen wie einen Herbert Gruhl, der in den frühen 1980er Jahren von Linksökologen aus der Partei gedrängt wurde. Viele werden auf das Abschneiden der Berliner Klimalisten blicken, die für das Berliner Abgeordnetenhaus kandidiert.

Dann gibt es die Apokalyptiker in der Klimabewegung, die mit dem Begriff Kipppunkt den Zeitpunkt verbinden, nach dem angeblich eine Zukunft für die Menschheit auf dem Planeten nicht mehr möglich ist. Dass es dabei um Worst-Case-Szenarien handelt, wird oft nicht klar vermittelt. In einem Beitrag in der aktuellen Klima-Taz wird aber unterstellt, dass diese Worst-Case-Szenarien in der Realität noch übertroffen werden, ohne zu erwähnen, dass das wissenschaftlich umstritten ist.

Denn die Realität hat längst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen, sodass selbst wissenschaftliche Worst-Case- Szenarien nach oben korrigiert werden müssen. Das gilt vor allem bei den Kipppunkten im Klimasystem, deren Effekte in den Prognosen des Weltklimarats IPCC lange gar nicht erst mit- gerechnet wurden. Heute weiß man, dass der Permafrostboden bereits begonnen hat zu tauen - und damit Milliarden von Tonnen CO2 freiwerden, die wiederum weitere Kipppunkte aktivieren und damit die Erde um mehrere Grad erwärmen werden. Unter solchen Umständen wäre das Überleben der Menschheit völlig ausgeschlossen.

Hannah Lübbert

Dann gibt es tatsächlich noch einige Autorinnen und Autoren, die infrage stellen, ob es einen klimagerechten Kapitalismus geben kann.

Um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen, muss der Kapitalismus überwunden werden. Auf die Politik ist dabei kein Verlass, über den parlamentarischen Weg lässt sich kein System überwinden. Das Wasser steht uns längst bis zum Hals. Was man tun kann, zeigen Klimagruppen wie Ende Gelände tagtäglich. Lasst uns den Systemwandel also selbst in die Hand nehmen! Und wer es sich leisten kann, darf dabei gern fair gehandelte Kleidung tragen.

David Luys

Gibt es einen fossilfreien Kapitalismus?

Und was ist, wenn es dem Kapitalismus tatsächlich gelingt, postfossil zu werden. Fossilfrei ist ein Begriff, der in der letzten Zeit in verschiedenen Werbeanzeigen großer Konzerne wie Vattenfall zu lesen ist. Es wäre naiv zu denken, dass es sich nur um Greenwashing handelt. Der Kapitalismus hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er viele neue Erscheinungen integrieren kann, solange die Profitvermehrung nicht in Gefahr ist.

Wenn also mit fossilfreien Waren Gewinne gemacht werden kennen, werden sie auch produziert. Nur ist damit das Profitprinzip und die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht abgeschafft. Es reicht also nicht, wenn lediglich der fossile Kapitalismus kritisiert wird. Es mag dem Kapitalismus gelingen, fossilfrei zu werden, aber Klimagerechtigkeit wird es nicht geben. Auch die Weigerung der Macherinnen und Macher der Klima-Taz, eine bezahlte Anzeige des Energiekonzerns RWE abzudrucken, obwohl die taz betonte, dass Verlag und Redaktion strikt getrennt sind, beschränkte sich auf eine Kritik am fossilen Kapitalismus:

Es geht hier um die Anzeige von einem Konzern, der viel Geld mit der Verbrennung klimaschädlicher Braunkohle verdient, weiterhin Dörfer zerstört und sich den Kohleausstieg mit Steuermilliarden bezahlen lässt, anstatt die Zeche für die verursachten Schäden an Mensch, Umwelt und Klima zu zahlen.

Klimataz

Der linksliberale britische Guardian wird als Vorbild angeführt, weil er beschlossen hat, keine Anzeigen von fossilen Konzernen mehr anzunehmen. Und was ist mit dem nichtfossilen Kapitalisten? Hier bewegt man sich ganz schnell auf einem Terrain, wo man sich in der Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Kapitalfraktionen zerreibt. Wenn der linke Flügel der Klimagerechtigkeitsbewegung den Slogan "Systemchange statt Climate Change" ernst nimmt, müsste ihre Kritik genau an den Punkt ansetzen, wo einer "bösen fossilen Industrie eine heile Welt der nichtfossilen Unternehmen entgegengesetzt wird. Hier wird sich erweisen, ob die Klimabewegung tatsächlich mehr ist, als die Begleitmusik in ein postfossiles Akkumulationsregime. (Peter Nowak)