Was tun mit der gewonnenen Zeit?

Deutschland auf dem Weg zur Kulturgesellschaft? Teil 2

Nehmen wir einmal an, das im letzten Artikel zum gleichen Thema vorgestellte staatliche Grundeinkommen käme tatsächlich (Deutschland auf dem Weg zur Kulturgesellschaft?: Seltsame Einigkeiten beim Thema Bürgergeld oder Grundeinkommen). Was tun mit der gewonnenen Zeit? Weltreisen werden wohl vom staatlichen Grundeinkommen nicht so einfach zu finanzieren sein. Mehr Zeit für Kinder? Mal wieder ins Kino, Theater, Museum...?! Oder ein gutes Buch lesen? Da wären wir schon mittendrin, im großen weiten Feld der Kultur...

Schauen wir zunächst auf die akademischen Hüter der Kultur, auf die Geisteswissenschaften an den deutschen Universitäten. Anfang Mai 2006 ruft die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan in einer Rede anlässlich des Leibniztages in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Jahr der Geisteswissenschaften 2007 aus.

Vom 31. Mai bis 1. Juni 2006 fand in Berlin im Deutsche Bank Forum (!) eine Tagung mit dem Titel statt: Erinnern – Verstehen – Vermitteln – Gestalten Die Geisteswissenschaften in der Wissensgesellschaft. Das Ganze war eine Veranstaltung der „Initiative Pro Geisteswissenschaften“ der Fritz Thyssen Stiftung und der Volkswagen Stiftung in Zusammenarbeit mit der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Die Teilnehmer kamen aus dem akademischen Bereich der Kultur, eben den sog. Geisteswissenschaften, sowie der Wirtschaft und natürlich auch der Politik. Ziel der Veranstaltung war es u.a. ein neu eingerichtetes Stipendienverfahren vorzustellen. Das Ziel der „Initiative Pro Geisteswissenschaften“ liest sich im Pressetext so:

(...) Die Geisteswissenschaften müssen aber durch inhaltliche Innovationen, strukturelle Reformfähigkeit und nachhaltiges Wirken im öffentlichen Raum nachweisen, dass sie nicht weniger als andere universitäre Bereiche zur entstehenden, international verflochtenen, auf Kooperation, Leistung und Effizienz angewiesenen Wissensgesellschaft beitragen können. Diesen überfälligen Prozess wollen die Stiftungen mit ihrem Angebot „Pro Geisteswissenschaften“ unterstützen.

So definiert auch der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in seiner Broschüre mit dem Titel „Exzellenz in der Wissenschaft“ :

Unsere Ziele
Deutschland gebührt ein führender Rang unter den Wissenschaftsnationen der Welt. Wir wollen mithelfen, das Land zu alter Stärke zurückzuführen. Wir wollen, dass alle Teile der Gesellschaft sich der hohen Bedeutung von Wissen und Bildung für unser Land bewusst werden und danach handeln.

Also alles auf Exzellenz? Lassen wir Spekulationen über die Haltung beiseite, die für Formulierungen wie „Wissenschaftsnationen“ in Zusammenhang mit „das Land zu alter Stärke zurückzuführen“ verantwortlich sind. Aber bedenken wir, dass zur Zeit Struktur und Finanzierung der Universitäten in Deutschland komplett umgestellt werden, was unter dem Strich bei den meisten Universitäten zu erheblichen Einbußen und infolge dessen zur Schließung von Instituten führt. Meist kleinerer Fächer. Solcher, die als ineffizient angesehen werden. Üblicherweise geisteswissenschaftlicher. Dann wird deutlich, dass solche Stiftungen in der (Geistes-)Wissenschaft in Deutschland immer wichtiger zur Finanzierung werden. Und immer einflussreicher.

Finanzielle Förderung, aber eben auch die Anerkennung der Gesellschaft erhalten nur noch diejenigen, die „herausragende Leistungen“ erbringen? Herausragend nach wessen Maßstab? Dem der Wirtschaftsvertreter? Und was ist mit dem Rest? Den Fächern und Instituten, die eben die breite Masse bilden, ohne die aber die anderen auch nicht herausragen können? Für die dann Hartz VI? Und wären die Universitäten, oder doch zumindest ihre geisteswissenschaftlichen Fakultäten, dann nicht doch insgesamt ein wenig teuer und aufwändig, wenn es nur noch darum ginge, dort einige wenige Führungskräfte für die Wirtschaft auszubilden?

Ganz anders klingt das bei Frau Goehler. Adrienne Goehler, geboren 1955, studierte Germanistik, Romanistik und Psychologie, war Abgeordnete der Frauenfraktion in der Hamburger Bürgerschaft, zwölf Jahre lang Präsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste, von 2001 bis 2002 Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin und im Anschluss daran Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Nun hat sie ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Verflüssigungen: Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“. Sie fordert - über die bestehenden (Kultur-)Institutionen hinausgehend - eine ganze Kulturgesellschaft, an der möglichst viele teilhaben sollten, und stellt sich das so vor:

Die Kulturgesellschaft reduziert die Menschen nicht auf ihr scheinbares geschlechtsloses Dasein als Beitragszahler und Empfangsberechtigte eines Sozialstaats, als Informationsempfänger und -lieferanten einer Wissensgesellschaft, als Konsumbürger eines Wirtschaftsstaats und definiert sich nicht in erster Linie über Lohnarbeit und die zunehmende Abwesenheit derselben. Sie setzt auf das Vermögen der Einzelnen, das mehr umfasst als die jeweilige Arbeitskraft und den damit einhergehenden Marktwert.

Teilweise sieht sie die Kulturgesellschaft auch schon verwirklicht, zählt dafür reichlich Beispiele auf und zieht ihr Fazit einer:

... Vielzahl von Initiativen (...), die Gesellschaft und Ökonomie durch Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung gestalten und darauf setzen, dass der Staat sie dabei zumindest nicht behindert. Es ist Anliegen dieses Buches, solchen beispielhaften Versuchen (...) das Wort und die Beachtung zugeben...

Wäre das die Alternative? Einen Sozialstaat mit zahlreichen Menschen, die auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen sind, haben wir ja bereits. Inklusive Missbrauch und den wohl eher hilflosen bis extremen Versuchen, diesen einzudämmen auf der einen Seite, aber auch den von den Betroffenen oft berichteten Gefühlen von Ausgeliefertheit und Demütigung auf der anderen Seite. Auf dieser Grundlage entsteht wohl nur selten die kreative Aufbruchsstimmung, die zur Schaffung von selbstständigen Existenzen oder zur Gründung von Initiativen und Firmen führt.

Stattdessen macht sich Existenzangst breit. Bei denen, die bezahlte Arbeit haben, weil sie Angst haben, diese zu verlieren, bei denen, die keine Arbeit haben sowieso. Also: es gibt viel zu tun, packen wir es an...?! Und: sind wir dafür reif? (Alexa Weyrauch-Pung)

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