Was vom Auto übrig bleibt

Doppelhelix zwischen Himmel und Hölle

Eine "moderne großstädtische Karawanserei" öffnete 1929 in Halle ihre Pforten. So beschrieb die Presse die Großgarage Pfännerhöhe. Eisen, Beton, und Glas wurden im Stil des Neuen Bauens eingesetzt, Ein Glasdach und eine Glasfassade vermittelten Leichtigkeit. Bruno Taut hätte die Atmosphäre "kristallin" genannt. Um den 15m hohen Lichthof waren auf vier Ebenen die Stellplätze gruppiert. Die Wagen wurden mit einem Aufzug befördert und konnten per Schiebebühne horizontal zu den Boxen bewegt werden.

Das Haus verfügte über eine Werkstatt, Tankstelle und eine Wagenreinigungsanlage, die von der Dachentwässerung versorgt wurde. Diese Einrichtungen gehörten zur Grundausstattung damaliger Großgaragen, ebenso wie Aufenthaltsräume oder gar Schlafplätze für Chauffeure. In Halle kamen noch ein Lotsendienst und ein Frisiersalon hinzu. Man war im "Auto-Hotel" sozusagen auf Fremdenverkehr eingestellt. Der Begriff ist im doppelten Sinn zu verstehen, wenn an die Hochgaragen Hotels für Menschen angeschlossen werden sollten wie im Stern-Garagenhof in Chemnitz oder im Kant-Garagenpalast in Berlin.

Kant-Garagen (1930). Bild: Balthasar Freise / Nalbach + Nalbach Architekten

Da nach dem Verfall der Anlage in Halle Pfännerhöhe das mechanische System von Aufzug und Schiebebühnen nicht zu halten war, wurde mit der 2012 abgeschlossenen Sanierung ein großzügig verglaster Anbau mit Spindelrampe hinzugefügt. Damit ist das Hallenser Parkhaus zum alternativen Prinzip der Höhenüberwindung übergewechselt, das spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg üblich wurde. In den 20er Jahren waren beim platzaufwändigen, aber eleganten Spiralsystem der ganze Fahrer und die Kraft des Motors verlangt, was damals bei der Schwere der Wagen keine so leichte Aufgabe war. Vor Unfällen wurde gewarnt.

In der Berliner Kant-Garage (1930) kam ein besonders raffiniertes Prinzip der Spiralrampe zum Zug, die Doppelwendel oder "Doppelhelix". Zwei ineinander verschränkte Spiralen ermöglichen die Trennung des aufsteigenden und des absteigenden Verkehrs. Mehrere Auto-Waschplätze befanden sich im "Auge" der Wendelrampen.

Die heute sechsgeschossige Garage in der westlichen Stadtmitte besteht aus einer Skelettkonstruktion in Stahlbeton, ausgefacht mit Ziegelmauerwerk. Markant sind die Vorhangfassaden aus Glas. Die Rückseite ist komplett in Glas eingehüllt. Das Innere wird durch das Äußere zum Vorschein gebracht. Die Stützenkonstruktion insgesamt ordnet sich den Vorgaben der Raumkonzeption unter. Zu den Dienstleistungen gehörten Polsterei und Lackiererei.

Die Vorhangfassade macht dem Bauhaus alle Ehre. Mit dem Bauhaus war denn auch einer der beteiligten Architekten, Richard Paulick, verbandelt. Nach langem Hin und Her wird dieses Juwel der Neuen Sachlichkeit nun für eine neue Nutzung saniert.

Wer sich in der Doppelhelix der Kant-Garagen hinauf- oder hinunter begibt, verliert den Überblick, auf welcher Etage er sich gerade befindet. Die Drehung der Schrägen setzt den Raum in Bewegung. Die kreisende Bewegung der Spirale wirft den Betrachter immer wieder auf seinen Ort zurück, aber dieser Ort ist ein anderer. Die Neigung der Spiralrampe, die das ganze Bauwerk erfasst und in einen himmelsstürmenden Taumel versetzt, modellierte Wladimir Tatlin 1919 mit seinem Monument für die "Dritte Internationale". Ein Vorläufer ist das Spiralminarett von Samarra (Irak) aus dem 9. Jahrhundert.

Zwei Schrägen in Scherenform setzte Konstantin Melnikow wiederum in den Entwurf (1925) einer Großgarage für 1.000 Wagen um, die die Pariser Seine überspannt hätte. Es ist ein Drittes aus Kreis und Gerade, aus Aufwärtsbewegung und Stillstand.

Die Spirale bohrt sich aber auch ins Erdreich. Das Glanzlicht einer Reihe von Tiefgaragen in Lyon ist das "Parking des Célestins". Es besteht aus drei ineinander gesteckten konzentrischen Zylindern. In den inneren Zylinder sind unzählige Bogenfenster eingelassen, der äußere Durchmesser beträgt 53m. Spiralförmig geht es 22m in die Tiefe. Die "unheimliche Konstruktion", die in die Unterwelt führt, gemahnt an Piranesis "Carceri" von 1745. Sie ist jedoch dem Pozzo (Brunnen) di San Patrizio in Orvieto nachempfunden, der auf Geheiß von Papst Clemens VII. bis 1537 angelegt wurde. Die Wendeltreppen des um 60m tiefen Brunnens wurden in Form einer Doppelhelix angelegt, so dass die aufwärts und die abwärts laufenden Maultiere sich nicht in die Quere kamen.

Parkhäuser sind die Kehrseite der autogerechten Stadt. Der Rausch der urbanen Beschleunigung machte blind für den ruhenden Verkehr. Keine Stadt soll "größer als eine Stunde" sein, forderte Le Corbusier, aber ein Pkw steht durchschnittlich 23 Stunden am Tag still. Den täglichen Beinahe-Infarkt der Innenstädte sollen Parkhäuser lindern, indem sie den Überlauf schlucken. Als Abfalleimer einer gestörten Urbanität sind sie Anti-Architektur, losgelöst von den Traditionen städtischen Bauens. Als solche sind sie "unbeschriebene Blätter". Das macht ihre Ambivalenz aus. Sie bieten Chancen für neue Nutzungen, weil sie Ausdruck dessen sind, was an der Infrastruktur der Städte nicht mehr funktioniert. Die Funktionalität der verschiedenen Verkehrsmittel muss neu bewertet werden. Ein materielles Medium der Umwertung können Parkhäuser sein.

Vom Auto-Paternoster im New York oder Chicago des Jahres 1932, der aus einer reinen, offenen Stahlkonstruktion bestand und jeweils die ganze Förderanlage in Umlauf brachte, um an ein bestimmtes Auto zu gelangen, bis zum Leipziger Parkhaus am Zoo von 2011, dessen geschwungene Fassade aus Bambusstäben zusammengesetzt ist, spannt sich ein weiter Bogen. New York stellte einen weiteren Höhepunkt des Fordismus zur Schau, während in Leipzig eine sanfte Architektur die Assoziationen weg vom rußigen Auto hin zur Ökologie lenkt.

Da Parkhäuser a priori nicht an bestimmte Baustile gebunden sind, ist die Variationsbreite groß. Die Entwürfe werden stärker beeinflusst von der Wahl der Erschließung der Geschosse und technischen Vorschriften wie dem Brandschutz. Und doch bildet die Parkhaus-Architektur eine Brücke zwischen den Einwohnern, dem Automobilverkehr und der Stadtanlage. Ganz wörtlich, bis zur Symbiose, wurde die Brückenfunktion am Parkhaus in der East Lake Street im Chicago der 80er Jahre genommen. Die Straßenfassade ahmt die Frontansicht eines Coupés um 1930 nach. Die Markisen deuten Autoreifen an. Der Fahrzeug-Körper wird zur Maskerade der Parkhausgestalt. Las Vegas lässt grüßen.

Ebenfalls in Chicago stehen die bis 1962 errichteten, je 180m hohen Zwillingstürme, im Volksmund Maiskolben genannt. Die unteren 19 der insgesamt 60 Geschosse der Wohntürme werden von Parkebenen eingenommen. Die raue, wabenförmige Fassade der zylindrischen Türme ist durchgehend. Sie überzieht Menschen und Autos gleichermaßen. Ilja Irmscher spricht von einer morphologischen, das heißt quasi biologischen Angleichung durch die äußere Form.

Die vertikale Beziehung von Mensch und Auto wird im "Porsche-Tower" der 2017 in Miami eingeweiht wurde und den Maiskolben ähnelt, durch die horizontale Ebene bereichert. Der Bewohner wird in seinem Wagen von der prozessgesteuerten Aufzugsapparatur bis auf seine Wohnebene gehoben. Vom Wohnzimmer aus hat er sein Auto im Blick. Allerdings nur sein jeweiliges Lieblingsauto, die anderen müssen auf entfernteren Ebenen Unterschlupf suchen. Sollte dies der libidinöse Rahmen einer auto-visuellen Einheit sein? Der Entwickler dieses Carlofts ist enger Geschäftspartner des amerikanischen Präsidenten.