Was will US-Präsident Obama in Hiroshima demonstrieren?

Obama reist mit dem "Koffer", mit dem er einen Atomkrieg starten kann, an den Ort, an dem die USA als erste Macht die nukleare Massenvernichtungswaffe eingesetzt hat

Wenn der US-Präsident verreist, hat er einen ganz besonderen Koffer bei sich. Seit John F. Kennedy handelt es sich um einen kleinen Koffer mit einem Aluminiumgehäuse, das mit schwarzen Leder überzogen ist. Der Koffer wird auch "Atomarer Fußball" oder "president's emergency satchel" (Nottasche) genannt. Das russische Gegenstück heißt Tscheget oder Chemodanchik (kleiner Koffer). Der "Fußball" enthält keinen roten Knopf, aber er ist dennoch das Utensil, mit dem der amerikanische Präsident den Befehl zum Beginn eines Atomkriegs geben würde.

E in ausrangierter Koffer bzw. "Fußball" des Präsidenten im Smithsonian Institute. Bild: Jamie Chung/Smithsonian Institute/gemeinfrei

Der Koffer begleitet natürlich Barack Obama auch bei seinem Aufenthalt in Japan, wo er der erste US-Präsident sein wird, der nach dem Zweiten Weltkrieg Hiroshima am Freitag besuchen) wird, die erste Stadt, die am 6. August 1945 zum Ziel einer Atombombe wurde. Bislang haben sich die USA noch nicht für das Leid und die Zerstörung entschuldigt, die durch den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima (Hiroshima: Angriffsbefehl kam aus Deutschland) und drei Tage später auf Nagasaki verursacht wurden - vermutlich ohne militärische und politische Notwendigkeit. In den USA wird zwar weiterhin gerne behauptet, dass der Abwurf, der mehr als 200.000 Menschen das Leben kostete, zur Beendigung des Kriegs und damit zur Verhinderung größeren Blutvergießens notwendig gewesen sei, aber kaum ein Historiker würde dies wirklich bestätigen wollen (Die US-Legende über Hiroshima und Nagasaki).

Obama, der Friedensnobelpreisträger, der versprochen hatte, auf eine atomwaffenfreie Welt hinzuarbeiten, während unter ihm ein erneuter atomarer Rüstungswettlauf begonnen hat, sagte schon im Vorfeld, er werde sich bei seiner kurzen Ansprache nicht entschuldigen. Dafür hat Obama den "Fußball" dabei, den ein Adjutant auf Reisen stets in seiner Nähe bei sich haben wird. In ihm befinden sich neben einem abhörsicheren Telefon die Codes und Kommandos, mit denen Obama nach erfolgter Identifizierung mittels des Authentifizierungscodes auf einer Plastikkarte, genannt "Biscuit", unterschiedliche Szenarien eines atomaren Kriegs nach dem Black Book auslösen könnte.

Bis zu 975 einsatzbereite atomare Sprengköpfe auf 555 Bomben könnten über seine Befehle sofort gestartet werden. Das wären dann das Äquivalent von 22.000 Hiroshima-Bomben, da die existierenden Sprengköpfe alle eine größere Sprengkraft besitzen als die verniedlichend "Little Boy" genannte Bombe, die auf Hiroshima abgeworfen wurde und auch schon bis zu 150.000 Menschen das Leben gekostet hat. Neben den einsatzbereiten Sprengköpfen besitzt das Pentagon noch mehr als 4000 weitere Sprengköpfe (Russland verfügt etwa über 4000 Sprengköpfe, wovon etwa 900 einsatzbereit sind). Nach einer anderen Schätzung sind 1970 atomare Sprengköpfe einsatzbereit, davon 180 in Europa, und 2740 gelagert.

Atompilz über Hiroshima. Bild: 509th Operations Group/DoD

Als Herr einer atomaren Maschinerie zur Weltvernichtung in Hiroshima aufzutreten, ist hochgradig symbolisch, zumal nach Plänen des Pentagon die gesamten Atomwaffen modernisiert werden sollen, wofür in den nächsten Jahren bis zu einer Billion US-Dollar investiert werden. Der US-Präsident, der angetreten ist, die Welt von Atomwaffen zu befreien, und im April 2009 in Prag verkündete eine "Welt in Frieden und Sicherheit ohne Atomwaffen" durch neue Verträge anzustreben, sollte angesichts der Erinnerung an die Folgen des ersten Einsatzes der nuklearen Massenvernichtungswaffe durch die USA sich auch selbst dazu äußern.

Am Ende seiner Amtszeit wird Obama, der auch Kuba, Myanmar und jetzt Vietnam besuchte, nicht mehr viel bewegen können, aber er könnte Haltung demonstrieren und Kritik an der Modernisierung des Atomwaffenarsenals gegen seinen eigenen Sicherheitsapparat äußern. Irgendetwas muss ihn jedenfalls treiben, Hiroshima zu besuchen, er hätte es auch vermeiden können. Er hat kürzlich eingeräumt wenig bewirkt zu haben, immerhin habe es keine "riesige" Zunahme an Atomwaffen gegeben. Insgesamt ist jeder Schritt vermint. Zu viel Entgegenkommen zu Japan und seiner jetzt nationalistischen Regierung würden die Nachbarländer, die unter dem aggressiven Land wie Südkorea oder China gelitten haben, neue Animositäten evozieren. (Florian Rötzer)