Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Sozialen Netzwerke

Jüngere Menschen informieren sich nach einer Schweizer Umfrage, wenn überhaupt noch, immer stärker nur noch über Soziale Netzwerke

Wenn man sich umhört, so scheint sich zu bestätigen, dass die Leserschaft der Informationsmedien, auch wenn sie online sind, älter wird. Das könnte die Vergreisung der Gesellschaft widerspiegeln, verdankt sich aber doch eher der Tendenz, dass ein wachsender Anteil der jüngeren Menschen einen Medienwechsel vornimmt, die traditionellen Print- und Onlinemedien und überhaupt die Massenmedien verlässt und sich zunehmend nur noch mittels Sozialer Netzwerke über die Welt informiert.

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Der Soziologe Niklas Luhmann hatte in seinem Buch "Die Realität der Massenmedien", 1995 erschienen, zu Beginn des Internetbooms, noch sagen können: "Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Das trifft nur noch bedingt zu. Zwar zirkulieren die Nachrichten der Massenmedien auch weiterhin in den Sozialen Netzwerken, aber in der Regel auf wenige Sätze oder auch nur einen reduziert. Zwar gibt es einen Link auf den vollständigen Content, aber wenn es sich vornehmlich um Text handelt, ist die Klickrate und damit das Interesse an ausführlicherer Darstellung gering, wenn es nicht um spektakuläre Inhalte geht, was deswegen auch immer stärker zu einem Haudrauf-Journalismus führen. Zudem werden Nachrichteninhalte in den Accounts der Sozialen Netzwerke in einen Strom von Inhalten eingebettet, der schnell vorbeigleitet und in dem Wichtiges und Banales, Persönliches und Politisches gleichberechtigt um die Aufmerksamkeit des zerstreuten, aber trotzdem immer wachsamen Nutzers buhlen.

Nach einer Umfrage, die das fög - Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich für das eben erschienene "Jahrbuch Qualität der Medien 2015" durchführte, wollen junge Erwachsene aus der Schweiz zwischen 16 und 29 Jahren vornehmlich unterhalten werden. Sie nutzen angeblich immer weniger Medien, die "Hardnews" veröffentlichen, sondern "informieren sich stattdessen zunehmend über Social Media-Kanäle, in denen in erster Linie Softnews verbreitet werden, oder sie gehen als Informationsnutzer ganz verloren, weil sie ihre Zeit in Unterhaltungsangebote investieren".

Die Befragung, die seit 2009 jedes Jahr durchgeführt wird, zeige, dass der "Informationsjournalismus nutzerseitig ein gravierendes Nachwuchsproblem hat". Dabei geht der Rückgang bei der Nutzung der Informationsangebote bei Presse, Radio oder Fernsehen nicht mit einer stärkerer Nutzung entsprechender Angebote von Online-Medien einher. In den Sozialen Netzwerken werden, wenn noch Nachrichten rezipiert, eher "qualitätsmindere Beiträge" genutzt. Die meisten Beiträge in den Sozialen Netzwerken seien, so habe eine Analyse ergeben, überdurchschnittlich oft "unterhaltende, emotionsgeladene oder ereignisgebundene, d.h. wenig einordnende Kurznews handelt".

Falls die Diagnose stimmt, wäre es natürlich interessant zu erfahren, ob die Welt anderes erfahren wird. Allerdings sind viele Angebote in traditionellen Medien Radio, Fernsehen und Print ja auch schon große Wege gegangen, um durch Verkürzung und Sensationalisierung Konsumenten zu binden. Die Bildzeitung wäre etwa als Printmedium ein Vorläufer eines Twitter-ähnlichen Informations- und Unterhaltungsmediums.

Für die Autoren des Berichts nehmen die Menschen, "die News via Social-Networks konsumieren, die Welt stärker über episodische Softnewsthemen wahr als Personen, die direkt professionelle Newsmedien ansteuern". Es wird also nicht mehr Kontext mitgeliefert, den aber vermutlich, sollte die Analyse zutreffen, die jungen Menschen zunehmend auch nicht wollen, sondern die Menschen werden "bei der Interpretation komplexer politischer, sozialer und ökonomischer Zusammenhänge immer häufiger allein gelassen". Man könnte freilich auch sagen, dass die in Teilen zunehmende kritische Haltung gegenüber großen Medien, den so genannten Leitmedien, die gerne auch mal als "Lügenpresse" tituliert werden, eben manche Interpretation übel nimmt. Gleichwohl werden auch hier keine möglichst objektiven und neutralen Medien geschätzt, sondern nur diejenigen, die auf die jeweilig "richtige" ideologische Achse geeicht sind.

Verwiesen wird auch darauf, dass sich die Bedingungen für den Informationsjournalismus weiter verschlechtern - in der Schweiz wie auch anderswo. Es wird eine "Strukturschwäche des Informationsjournalismus" konstatiert. Griffig knapp werden die Probleme benannt:

Die Zahlungsbereitschaft für Online-News ist weiterhin gering, die Online-Werbeeinahmen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück und die Aversion der Nutzer gegenüber Werbung auf Onlineplattformen ist ausgeprägt. In wachsendem Ausmass entwickeln sich die Werbemärkte zudem zu einer Domäne der globalen Tech-Giganten Google und Facebook, die neuerdings auch ins publizistische Geschäft vorstossen, um den digitalen Fingerabdruck ihrer Nutzer zu vervollständigen und so für die Werbewirtschaft noch attraktiver zu werden. Folglich vergrössern sich die Finanzierungsschwierigkeiten des Informationsjournalismus weiter.

Die Finanzierungsprobleme und die Strukturschwäche würden sich "messbar" auf die Inhalte auswirken, nämlich negativ durch sinkende Qualität. So würde sich also der Informationsjournalismus auch von innen heraus aushöhlen. (Florian Rötzer)

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