Was wird nach TikTok verboten oder verkauft?

Das South China Institute of Software Engineering an der Guangzhou-Universität. Foto: PQ77wd. Lizenz: CC BY-SA 4.0

US-Außenminister Mike Pompeo kündigt Maßnahmen gegen chinesische Software an

Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo kündigte der US-Öffentlichkeit gestern in der TK>Fox-News-Sendung Sunday Morning Futures, an, dass sein Chef Donald Trump "in den kommenden Tagen Maßnahmen in Bezug auf ein breites Spektrum nationaler Sicherheitsrisiken ergreifen wird, die durch Software in Verbindung mit der chinesischen Kommunistischen Partei entstehen".

Pompeos Ankündigung folgt auf einen Paukenschlag des Präsidenten vom Freitag: An diesem Tag hatte Donald Trump verlautbart, die vor allem bei Teenagern beliebte Social-Media-Video-App TikTok verbieten zu wollen, die weltweit über zwei Milliarden Mal heruntergeladen wurde und alleine in den USA etwa 100 Millionen Nutzer hat. Sie gehört nämlich dem chinesischen Unternehmen ByteDance - und der US-Präsident hat den Verdacht, dass die chinesische Staatsführung an Daten amerikanischer Nutzer gelangen könnte (was das Unternehmen vehement bestreitet). Dort heißt es, bislang habe es noch nicht einmal Versuche gegeben, auf die auf Servern in den USA und Singapur gespeicherten elektronischen Hinterlassenschaften amerikanischer Teenager zuzugreifen.

"Angemessene wirtschaftliche Vorteile"

Kurz darauf dementierte der amerikanische Microsoft-Konzern einen angeblich auf "Insiderinformationen" gestützten Bericht des Wall Street Journals, dass er TikTok-Kaufverhandlungen mit ByteDance gestoppt habe. Stattdessen hieß es, man habe Interesse und wolle diese Verhandlungen bis 15. September zu einem Ende bringen (vgl. Nach Trump-Drohung: Microsoft würde gerne Tiktok übernehmen). Microsoft sei sich dabei aber "der Bedenken des [amerikanischen] Präsidenten voll und ganz bewusst" und werde das chinesische Unternehmen nur dann erwerben, wenn vorher "eine vollständige Sicherheitsüberprüfung durchgeführt wird und der Deal den Vereinigten Staaten - einschließlich des US-Finanzministeriums - angemessene wirtschaftliche Vorteile bietet".

Für Microsoft selbst dürften die angemessenen wirtschaftlichen Vorteile darin bestehen, dass der in den letzten eineinhalb Jahrzehnten im Vergleich zu Google, Apple, Facebook und Amazon etwas in einen Bedeutungsverlust hineingeratene ehemalige Quasi-Monopolist bei Betriebssystemen mit TikTok einem Fuß im funktionierenden Social-Media-Geschäft hätte. Und einen Fuß in einer Altersgruppe, die bereitwilliger Geld ausgibt, als das Menschen mit mehr Lebenserfahrung tun. Das könnte dem Konzern Medienspekulationen nach 15 bis 20 Milliarden Dollar wert sein. Aktuelle amerikanische TikTok-Teilhaber wie Sequoia Capital möchte Microsoft der Ankündigung nach nicht ausbooten, sondern weiter beteiligen.

Graham: "Win-Win-Situation"

Ein Deal mit ByteDance könnte der Redmonder Firma nach so aussehen, dass Microsoft das amerikanische, das kanadische, das neuseeländische und das australische TikTock-Geschäft übernimmt. Außer dem Vereinigten Königreich wären das fast alle der Five-Eyes-Ländern, die in Geheimdienst- und Sicherheitsfragen eng zusammenarbeiten. ByteDance könnte sich dann auf das Chinageschäft konzentrieren, wo die Firma TikTok bereits jetzt in einer etwas anderen Form betreibt: als Douyin. Was in den weiteren 169 Ländern geschieht, in denen TikTok in insgesamt 65 Sprachen angeboten wird, ist noch unklar. Im mit China zerstrittenen Indien (vgl. Indien sucht Kampfjets für Flugzeugträger), wo sie unlängst verboten wurde, könnte sie unter Microsoft-Hoheit eventuell wieder zugelassen werden.

Der republikanische Senator Lindsey Graham begrüßte die Entwicklung mit der Bemerkung, die Übernahme von TikTok durch Microsoft sei eine "Win-Win-Situation", die "amerikanische Konsumenten vor der Kommunistischen Partei Chinas schütz[e] und Jobs zurück in die USA bring[e]". Ist eine Mehrheit im CFIUS-Ausschuss zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen dieser Meinung, könnte das Geschäft genehmigt werden.

Welche anderen chinesischen Programme eventuell im Visier der US-Administration stehen, sagte Pompeo am Sonntag nicht. In Frage kommen beispielsweise die zahllosen kleinen Helfer für Windows, iOS und Android, die Firmen wie Apowersoft, Glarysoft, IObit oder Qihoo anbieten. Vielleicht denkt die US-Administration aber auch an potenzielle Konkurrenten zu den Angeboten der vier US-Giganten und Weltmarktführer Google, Apple, Facebook und Amazon. Die chinesischen Pendants dazu sind dem Eindruck der Sinologin Manya Koetse nach nämlich "oft innovativer, facettenreicher und einfacher zu benutzen". (Peter Mühlbauer)