Wasserhahn für spanischen Süden abgedreht

Zwei Millionen Menschen greifen nun auf die Notreserve für 2007 zurück, doch der Verbrauch steigt weiter

Obwohl es 2006 mehr Niederschläge gab als 2005, sind die Wasserspeicher im spanischen Staat leer. Nun wurde dem Süden der Hahn abgedreht, die Überleitung vom Tajo nach Murcia und Valencia wurde gestoppt. In den beiden Provinzen muss nun für zwei Millionen auf Notreserven zurückgegriffen werden, womit sich der Wassermangel im nächsten Jahr weiter zuspitzen kann. Probleme gibt es auch mit Portugal, weil Spanien wohl im zweiten Jahr in Folge nicht die vereinbarten Wassermengen über die gemeinsam genutzten Flüsse liefern kann. Meerwasserentsalzung soll das Problem lösen.

Stausee Entrepeñas am Tajo

Der September ist da, doch von einer Abkühlung kann auf der iberischen Halbinsel weiter nicht gesprochen werden. Noch immer werden stellenweise Temperaturen über 40 Grad erreicht, selbst im kühlen Norden werden selbst an der Atlantikküste noch Temperaturen um die 30 Grad registriert. Sogar die baskischen Behörden warnen nun ihre Bürger und bitten darum, Wasser zu sparen. Die Stauseen, welche die Region um die Metropole Bilbao versorgen, seien auf einem historischen Tiefsstand bei 50 % angelangt. Im vergangenen Jahr lagen die Pegel noch 15 % darüber.

Dabei sind hier in der letzten Woche sogar 15 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, während es im Rest des Landes praktisch keine Niederschläge gab. Ohnehin kann man dort oft von Pegelständen in den Stauseen um 50 % nur noch träumen. Die Wasserspeicher im gesamten Staat sind nur noch etwa zu 40 Prozent gefüllt. Nur noch 21 der möglichen 50 Kubikkilometer Wasser hat das Land gespeichert, das über höchste Zahl der Stausseen pro Einwohner weltweit verfügt. Am Oberlauf des Flusses Segura sind es sogar nur noch 11 %. Im September sind landesweit 31 Prozent weniger Wasser gestaut als der Durchschnittswert für den Monat der letzten zehn Jahre. Die gespeicherte Menge befindet sich jetzt 7.000 Kubikhektometer (hm3) unter dem Durchschnittswert und sogar 1.000 Kubikhektometer unter der gespeicherten Menge im September 2005.

Damit ist klar, dass trotz anhaltender Dürre der Verbrauch weiter stark steigt. Denn 2005 war das Jahr mit der geringsten Niederschlagsmenge seit Beginn der Aufzeichnung von Daten (Hitzerekorde, Dürre, abschmelzende Eisdecken). Obwohl es im laufenden hydrologischen Jahr, dass in Spanien stets im Oktober beginnt, mehr als 2005 geregnet hat, sind die Wasserstände noch tiefer. Also haben auch die Sozialisten (PSOE) seit ihrer Machtübernahme vor zweieinhalb Jahren nicht effektiv umgesteuert. Die Verschwendung geht ebenso weiter wie der subventionierte Wasserklau. Ähnliches kann auch in der Klimapolitik beobachtet werden. Wegen der Klimaänderungen und der Dürre fällt ein Teil der Wasserkraft aus, was wieder durch Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgeglichen wird. Auch deshalb erklimmt der Spanien immer neue Höhen beim Verstoß gegen das Kioto-Abkommen.

Besonders betroffen von der Wasserknappheit ist der Südosten des Landes, die Regionen um Murcia und Valencia. Beide Provinzen sind relativ dicht besiedelt und im Sommer das Ziel zahlloser Touristen. Auch für sie werden jedes Jahr riesige Mengen Wasser vom zentralspanischen Fluss Tajo in den Segura umgeleitet. Wasser, das es eigentlich schon lange nicht mehr gibt. Trotzdem forderten beide Regionen immer mehr Wasser aus dem Norden.

Im letzten Jahr hatte die PSOE-Regierung beschlossen, insgesamt 82 Kuubikhektometer aus dem zentralspanischen Tajo nach Süden zu leiten, meist zur Bewässerung. Das war den beiden Regionen aber zu wenig, die noch von der Volkspartei (PP) regiert werden. Sie forderten 35 Kubikhektometer mehr. Es sollte nicht nur den Bauern zum Sprengen ihrer Pfirsich- und Orangenplantagen dienen, sondern vor allem für die boomende Tourismusindustrie verwandt werden. Das trockene Murcia setzt auf einen Luxustourismus und baut zahllose Ferienanlagen mit Golfplätzen, die extrem viel Wasser benötigen. Und auch auf schier unendlichen Tomatenplantagen wird unter Plastikplanen das kostbare Nass mit falschen Bewässerungsmethoden verschwendet.

Den Partido Popular nutzt populistisch gerne die Wasserfrage gegen die sozialistische Regionalregierung von Kastilien-La Mancha und gegen die Zentralregierung. Für den Kampf ums Wasser lässt die PP ihre Anhänger auch zu Demonstrationen antreten. Unsolidarisch seien die Sozialisten, heißt es bei der PP gerne. Als das Umweltministerium kürzlich beklagte, in Murcia und Valencia würden mitten in der Dürre weiter im großen Stil Parks und Golfplätze bewässert, gaben die Rechten zurück, das sei eine "Attacke auf die Interessen von Tourismus- und Immobilienindustrie".

Stausee Entrepeñas am Tajo

Doch nun ist klar, wie auf den Webseiten des Wasserversorgers deutlich erkennbar ist, dass der Tajo kein Wasser mehr für Umleitungen übrig hat. Die am Oberlauf gespeicherte Menge ist bei 240 Kubikhektometer angelangt. Das ist die Marke, welche die PP in ihrer Regierungszeit als Stoppmarke definiert hatte. Die Hälfte der definierten Reservemenge für Kastilien und La Mancha ist ohnehin von schlechter Qualität und kann nur schwer als Trinkwasser genutzt werden.

Das ist nun das Ergebnis der völlig verfehlten Wasserpolitik, welche die PP acht Jahre an der Regierung betrieben hat: Gigantische Umleitungen und Wasserverschwendung, statt einer Renovierung des maroden Leitungsnetzes, Klärung und Zweitnutzung, Meerwasserentsalzung sowie Sensibilisierungs- und Sparprogramme. Diese Woche musste nun die Überleitung aus dem Tajo in den Süden über den Segura eingestellt werden. "Die Überleitung ist beendet", sagte der Vizepräsident der Regionalregierung von Kastilien-La Mancha Fernando Lamata. Im Süden müsste man endlich zur Kenntnis nehmen, dass das keine Lösung sei, fügte er an. Dort sitzen nun die Wähler in den PP-Hochburgen faktisch auf dem Trockenen. Zwei Millionen Menschen in Murcia und Valencia sind betroffen, die 55 % ihres Wassers aus dem Tajo bezogen haben.

Doch statt die Region endlich dazu zu zwingen, das wertvolle Gut Wasser zu sparen, setzt der Wasserversorger, der ausgerechnet dem Umweltministerium untergeordnet ist, darauf, die Notreserven für 2007 anzuzapfen. So soll vermieden werden, dass das Wasser zeitweise ganz abgestellt werden muss. Dieses Jahr sollen aus der Reserve weitere 12 Kubikhektometer entnommen werden, seit ihrer Öffnung 2004 hat man hier ohnehin schon mehr als 100 Kubikhektometer entnommen.

Stausee Fuensanta

Die Umweltministerin Christina Narbona glaubt etwas naiv daran, sie habe bald eine Lösung für den stetig steigenden Durst nach Wasser parat. "In zwei Jahren wird es keine Wasserprobleme mehr in Südostspanien geben", sagt sie populistisch, wenn dann alle geplanten Anlagen zur Meerwasserentsalzung zum Einsatz kommen. Schon letztes Jahr gingen einige kleinere Anlagen in Betrieb. In Zukunft sollen es mehr als 30 an der Mittelmeerküste sein. Die größte Entsalzungsanlage Europas entsteht in Torrevieja bei Murcia. Sie soll ab 2008 etwa 400 000 Menschen mit Trinkwasser versorgen. Das so gewonnene Wasser ist zwar gut, aber es ist etwa viermal so teuer und damit für die Bauern ungeeignet. Es ergibt sich der absurde Umstand, dass im trockenen Spanien das teure Gut bisher so billig wie sonst fast nirgends in Europa ist, gleichzeitig verbraucht kaum jemand in Europa pro Kopf so viel Wasser wie in Spanien.

Die meisten Experten sehen die Entsalzungstechnik – wenn überhaupt – auch nur als sinnvoll an, um den reinen Trinkwasserbedarf zu stillen, denn die Anlagen verbrauchen sehr viel Energie. Erklärt sich so der Schwenk der Sozialisten zum Einstieg in neue Atomkraftwerke, während man zuvor den Ausstieg versprochen hatte? Umweltschützer bemängeln zudem, dass die Rückstände wieder zurück ins Meer geleitet werden und dort die Flora und Fauna angreifen. Die Entsalzung ist letztlich nur eine Scheinlösung, welche die Zahl der Ferienanlagen, und damit den enormen Wasserverbrauch weiter steigen lässt.

Probleme bekommt Spanien voraussichtlich auch in diesem Jahr mit dem Nachbarn Portugal. Schon 2005 konnte das Land nicht an das 1998 unterzeichnete "Abkommen über Zusammenarbeit zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Gewässer der hispano-portugiesischen hydrographischen Becken" einhalten (Iberische Flüsse in Not). Das wurde im letzten Jahr vom Umweltministerium mit der extremen Dürre begründet. Dabei ist klar, dass die Dürre die Lage nur verstärkt, die Ursachen aber im verfehlten Umgang mit dem Wasser liegen.

15 % weniger Wasser hatte Spanien im vergangenen an Portugal geliefert, wie nach dem Abkommen von Albufeira als Mindestmenge vereinbart wurde. Da jetzt die Umleitung des Tajo (portugiesisch Tejo) nach Südspanien gestoppt wurde, sind die Befürchtungen in Portugal mehr als berechtigt, dass Spanien auch dieses Jahr seiner Verpflichtung nicht nachkommt, schließlich ist der Tejo einer der Hauptadern, über die Wasser in das ebenfalls von der Dürre betroffene Portugal fließt. Im Dezember wollen sich beide Länder in der portugiesischen Küstenstadt Faro treffen, um über die gemeinsame Nutzung der Flüsse Tajo, Duero, Miño und Guadiana zu debattieren. (Ralf Streck)

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