Wasserkrise Indien: "Wir bekommen, was wir verdienen"

Sandraub aus indischen Flüssen und eine tatenlose Regierung mit gefährlichen Träumen. Foto: Gilbert Kolonko

Einmal im Jahr wird Indien daran erinnert, dass die Katastrophe schon da ist. Sie ist zum großen Teil selbstverschuldet

Dass es in Indien heiß ist und der Asphalt schmilzt, generierte diesen Sommer nur in wenigen deutschen Medien Schlagzeilen, denn das ist es um diese Zeit dort jedes Jahr.

Dafür schaffte es die südindische Metropole Chennai bei uns in die Nachrichten. Dort soll das Wasser für die 10 Millionen Bewohner nun per Zug aus dem benachbarten Bundesstaat Kerala kommen, weil die eigenen Wasserreserven aufgebraucht sind.

Dass der auch dieses Jahr zu spät eintreffende Monsun in Chennai zum Wasserproblem beiträgt, trifft zu, doch hat die lokale Wasserkrise auch vorwiegend lokale Ursachen: Die sich ehemals über 200 Quadratkilometer erstreckenden Feuchtgebiete vor den Toren der Stadt waren bis 1980 'moderat' geschrumpft, auf eine Fläche von 186,3 km². Heute weisen sie aber nur noch 15 Prozent ihrer einstigen Größe auf, wie eine Studie des CareEarth Trust aufzeigt.

Hauptgründe sind der Boom von IT-Unternehmen im Süden von Chennai und allgemein das Wachstum des Immobilienmarktes. So werden 35 Prozent des Wassers für die wachsende Bevölkerung Chennais vom 235 Kilometer entfernte Veeranam-See herangepumpt. Zusätzlich wird massiv Grundwasser abgezapft. Wegen der Verdichtung der Metropole haben sich die Grundwasserstöcke nicht wieder aufgefüllt und dürften in naher Zukunft komplett leer sein.

"Lernt aus unseren Fehlern"

Im Jahr 2015 kam es in Chennai durch starken Regen zu großen Überflutungen. Früher nahmen die Feuchtgebiete mit ihren Seen und Zuläufen einen großen Teil des Wassers auf, linderten damit die Flutschäden und agierten als Speicher.

Schon nach einer halben Stunde Regen stehen indische Städte wegen Versiegelung der Böden und verstopfter Gullis unter Wasser. Foto: Gilbert Kolonko

Heute nehmen die Verantwortlichen nicht einmal die Gelegenheit wahr, größere Mengen Regenwasser zu nutzen. Zwar werden in Chennai seit 2001 Anstrengungen unternommen, Regenwasser zu speichern, doch bisher schafft es die Regierung nicht, die Einhaltung der neugeschaffenen Gesetze, etwa Bauvorschriften, zu kontrollieren. So wird zwar in nachahmenswerten Einzelfällen Wasser gespeichert, doch bleibt das unsystematisch.

"Die Regierung von Tamil Nadu braucht einen Wasserplan für den Bundesstaat und für Chennai", sagt Dr. Avilash Roul vom Indian Institute of Technology (IIT) aus Chennai gegenüber Telepolis und fährt fort: "Chennai benötigt jeden Tag 1.200 Millionen Liter Wasser. Doch aktuell kann die Regierung nur 550 Millionen Liter liefern. Im Jahr 2030 wird Chennai sogar 2.100 Millionen Liter pro Tag benötigen."

Dann erklärt Roul, warum die Regierung endlich ihre gesammelten Wasserdaten mit der Öffentlichkeit teilen müsse:

Viele verschiedene Organisationen versuchen, die Wasserkrise zu lösen. Im Kleinen die deutsche GIZ oder die holländische Regierung, die selbst einige Wasser-Projekte ausführt. Auch das IIT-Institut versucht seinen Teil zur Lösung beizutragen, obwohl es selbst Probleme hat und es auf seinem Campus nicht genug Wasser gibt. Doch damit diese Projekte nicht mit denen der großen Player, der diversen Entwicklungsbanken kollidieren, braucht es einen Gesamtplan der Regierung.

Avilash Roul, Indian Institute of Technology

Roul mahnt an, die Feuchtgebiete Chennais Stück für Stück zurückzugewinnen und gibt dem Bundesstaat West-Bengalen einen Rat: "Lernt aus unseren Fehlern und stoppt die Zerstörung der Feuchtgebiete in Kolkata", um abschließend zu betonen, dass nicht nur Chennai einen Plan für die Bewältigung der Wasserkrise benötige, sondern das ganze Land.

Der jüngste nationale Wasserplan für Indien stammt aus dem Jahr 2012.

Avilash Roul

Einen Plan gibt es auch in West-Bengalen nicht. Wie schon mehrmals auf Telepolis berichtet, wird in Kolkata jeden Tag ein weiteres Stück der Feuchtgebiete dem Wirtschaftswachstum geopfert. Dies obwohl die Feuchtgebiete der Hauptstadt West-Bengalens die Abwässer von Millionen von Menschen reinigen und das Klima moderieren.

Laut einer Studie der Weltbank wird Kolkata in der Zukunft eine von zehn Städten sein, die die Folgen der Klimakrise am meisten zu spüren bekommen werden - und die Autoren erwähnen sogar, dass die Armen am meisten darunter leiden.

2030: 40 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu Trinkwasser mehr

Doch nicht nur in Bengalen oder Tamil Nadu haben die Verantwortlichen seit Jahren die Augen verschlossen; 21 indischen Städten soll bis 2020 das Grundwasser ausgehen, darunter auch der Hauptstadt New Delhi, sagt eine Studie des regierungsnahen Thinkthanks Niti Aayog. Die Studie prognostiziert, im Jahr 2030 würden 40 Prozent der indischen Bevölkerung keinen Zugang zu Trinkwasser mehr haben.

"Wir bekommen, was wir verdienen", erklärt der Aktivist Pratip Nag aus Kolkata:

Indien ist kein Land unschuldiger, des Lesens und Schreibens unkundiger Eingeborener - in den Großstädten sind 90 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert. Aber genau diese angeblich gebildeten Großstädter aus der aufstrebenden Mittelklasse sind es, die nur das eigene Vorankommen interessiert, dazu Konsum und die Anhäufung von Luxusgütern. Vor zwei Monaten haben sie wieder einen Mann zum Premierminister gewählt, der nichts zu bieten hat außer Populismus und Nationalismus.

Pratip Nag

Nag fügt an, Narendra Modi habe nichts dafür unternommen, die Verschmutzung der Flüsse oder der Luft zu stoppen oder ein anderes der elementaren Probleme Indiens anzugehen und nennt als Beispiel dafür, dass Indien die höchste Arbeitslosenzahl seit 47 Jahren aufweise.

Der Yamuna Fluss in Delhi. Foto: Gilbert Kolonko

Auch ein Blick nach Neu-Delhi zeigt, was Nag meint. Dort regiert die Aam Aadmi Party (AAP), die 2012 aus einer Antikorruptions-Bewegung heraus entstand und drei Jahre später 67 von 70 Sitzen im Stadtparlament gewinnen konnte. Mittlerweile machen immer mehr Hauptstädter die AAP dafür verantwortlich, dass Delhi das Wasser ausgeht und der Fluss der Hauptstadt, der Yamuna, immer noch eine Kloake ist.

Für beides ist aber die Zentralregierung zuständig. Auch in Sachen Luftverschmutzung hat keine Regierung Delhis je so viel versucht wie die AAP. Sie verbot für das Lichterfest Diwali, während dem die gesamte Metropole für Tage in Rauchschwaden gehüllt zu sein pflegte, den Verkauf von Feuerwerk. Unter der Woche dürfen Fahrzeuge nur im tagweisen Wechsel auf Delhis Straßen fahren, entsprechend ungerader oder gerader Anfangszahl auf ihrem Nummernschild.

Alte Diesellaster werden seit 2017 nicht mehr in die Stadt gelassen, Arbeiten auf Baustellen wurden eingestellt. Die AAP trifft keine Schuld daran, dass jedes Jahr im November die Bauern in den umliegenden Bundestaaten Punjab und Haryana die Stoppeln auf ihren Feldern abbrennen und Delhi so von einer Rauchwolke eingehüllt wird. Die Bauern können es sich nicht leisten, die Überbleibsel der Pflanzen auf umweltschonende Weise zu entsorgen.

So hätten die Wähler Delhis eigentlich bei den Parlamentswahlen 2019 die Zentral-Regierung abstrafen müssen, stattdessen gewann Modis Bharatiya Janata Party (BJP) in Delhi alle sieben Sitze. Dass sich Indiens Wähler nicht von Fakten beeinflussen lassen, zeigte auch eine Studie des Umweltministeriums; nach vier Modi Jahren war der Ganges an vielen Stellen dreckiger als 2014.

In Zukunft wird es solche Wasser-Studien wohl nicht mehr geben, denn das Umweltministerium musste die Aufsicht über die Flüsse an das Wasser-Ministerium abtreten. Dieses ist nach der Parlamentswahl 2019 in Jal-Shakti-Ministerium umbenannt worden und plant nun das größte Bewässerungsinfrastruktur-Programm der Erde - die Vernetzung von Flüssen und Wasserreservoirs in ganz Indien.

Große Pläne und verkleinerte Lungen

Dabei sollen 3.000 zusätzliche Staudämme und 15.000 Kilometer neue, die 30 großen Flüsse Indiens miteinander verbindende Kanäle entstehen, um auch die Großstädte mit Wasser zu versorgen.

Ähnliche Pläne gab es auch schon früher, doch 1999 lehnte die National Commission for Water Resource Development so etwas nach intensiver Prüfung ab, da die Auswirkungen auf Natur und Umwelt nicht absehbar sind. Nun befürwortet Mukesh Ambani diese Pläne, der Besitzer des Konzerns Reliance Industries Limited, der von Narendra Modi in den letzten Jahren mit einer Reihe von Staatsaufträgen bedacht wurde.

Kolkatas Feuchtgebiete müssen dem Wachstum weichen. Foto: Gilbert Kolonko

Doch dass bei solchen massiven Eingriffen in die Natur auf einen Konzernchef gehört werden sollte, bezweifelt Dr. Gopal Krishna von Toxicwatch:

Dass natürliche Flüsse in ein künstliches Netzwerk verwandelt werden können, heißt nicht, dass man einfach Wasser von A nach B transportieren kann, wie es mit Containern getan wird. Flüsse sind nicht einfach "Dinge", in denen Wasser fließt, sie sind ein Teil der Dynamik der Umwelt, die sie umgibt. Die derart groß angelegte Umleitung der Flüsse wird Teilen Indiens das bescheren, was dem Aralsee widerfahren ist.

Gopal Krishna

Das heißt die Austrocknung. Auf die Behauptung der Befürworter der Mega-Flussumleitungen, es würde Indien viel kosten, das Projekt nicht in Angriff zu nehmen, antwortete Dr. Krishna mit einigen Fragen, die das South Asia Network of Dams, Rivers & People (SANDRP) stellt: Was kostet die Vernachlässigung des Regenwasser-Erntepotenzials in den indischen Flusseinzugsgebieten, einschließlich der Austrocknung der Grundwasserstöcke in den Städten?

Was kostet die Vernachlässigung der Wartung von Entwässerungssystemen in landwirtschaftlichen Gebieten? Was kostet die Verschmutzung der indischen Süßwassersysteme? Was kostet Indien die Exportgewinne der wasserintensiven, indirekt vom Staat subventionierten Zuckerindustrie?

Und zusätzlich fragt Dr. Krishna, was es Indien kostet, wenn eine Generation von Kindern wie in New Delhi wegen Luftverschmutzung mit kleineren Lungen aufwächst als ihre Altersgenossen in der westlichen Welt.

In ein paar Wochen wird die Wasserkrise in Indien wieder für 10 Monate aus den Medien verschwunden sein. Auch in Chennai gehen seit Dienstag die ersten Monsunschauer nieder. In den nächsten Wochen werden dann aus Indien vorwiegend Meldungen von Überschwemmungen zu lesen sein, wie auch aus Bangladesch, Nepal und Pakistan - im letzten Winter hat es außergewöhnlich viel geschneit im Himalaya und Karakorum.

Etliche Zeitbomben

Dazu ticken in Indiens nördlichen Bergstaaten etliche Zeitbomben, Hunderte von Erdrutschen und auslaufgefährdeten Gletscherseen bedrohte Staudämme. Nach Schätzungen wurden dieses Jahr im nordwestlichen Bundesstaat Uttarkhand alleine auf der 770 km langen Strecke zwischen Rishikesh und Srinagar 19 Millionen Tonnen Erde bewegt und Tausende von Bäumen gefällt, um es mehr indischen Touristen zu ermöglichen, schneller in ihre Sommerurlaubsgebiete zu gelangen.

Was Monsun und Erosion entblößter Zonen anrichten können, zeigte sich 2013, als Überschwemmungen und Erdrutsche im Tempelparadies Uttarkhand 1.000 Menschen das Leben kosteten.

Was eine damals 28-jährige Australierin erzählte, die sich während des Unglücks in den Bergen Uttarkhands aufhielt, überraschte mich nicht: "Zwar waren Brücken und viele Wege weggespült worden, aber schon leichtes Trekking über Erdhügel half mir, wieder ins Tal zu gelangen. Doch viele indische Touristen waren körperlich nicht einmal fähig, die kleinste Anhöhe zu erklimmen."

Wie auch? Wer möchte schon bei bis zu 999 Mikrogramm Feinstaub (Partikelgröße 2,5) in Indiens Großstädten Joggen gehen - mehr zeigen die Feinstaubmessgeräte in Indien glücklicherweise nicht an.

So verstehen viele indische Wochenend-Touristen unter Trekking auch nicht Laufen, sondern einen Ausflug in die Berge mit dem Jeep, sogenanntes Jeep-Trecking. Dass in diesem Teil der Erde eine von der Natur völlig entfremdete Mittelklasse heranwächst, ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Eine Generation die sich anscheinend so sehr an Lärm, Dreck und verpestete Luft gewöhnt hat, dass sie glaubt, das Äußerste an Natürlichkeit im öffentlichen Raum sei eine saubere und klimatisierte Shopping-Mall. Ausnahmen gibt es natürlich auch in Indien.

Um dieser Entwicklung zu begegnen, sind eigentlich Schulen und Medien da. Indiens Schulen werden jedoch immer mehr privatisiert und sind daher gewinnorientiert. Wichtig ist, die Lernenden mit Fähigkeiten auszustatten, die hilfreich sind, um einen gut bezahlten Job zu ergattern. Was die Qualität der Medien anbelangt, ist ein Blick auf den Index der Pressefreiheit 2019 erhellend; Indien ist unter 180 Ländern auf Platz 140 abgerutscht (Pakistan 142., Bangladesch 150.).

Eine öffentliche Fähre in Kolkata - Die Regierung schafft es kaum, die staatlichen Angebote instand zu halten, aber will die Geographie des Landes auf den Kopf stellen. Foto: Gilbert Kolonko

Spätestens ab Oktober werden in den deutschsprachigen Medien wieder die üblichen Schlagzeilen zu den Chancen der deutschen Wirtschaft auf einem boomenden Riesen-Markt auftauchen. Artikel über die dreckigen Ledergerbereien Kolkatas und Chennais eher nicht, schließlich ist die EU mit Deutschland und Italien an der Spitze der größte Abnehmer der Gerbereierzeugnisse Indiens.

Ersatzweise zu Hauf Nachrichten über Einzelschicksale, wie die Vergewaltigung einer 100-Jährigen. Im Januar 2019 stellte Neues Deutschland fest, dass die Suchmaschine bei den Begriffen "Indien Vergewaltigung" alleine bei Spiegel Online 367 Artikel "auswarf". Unter "Spiegel Online Indien, Kolkata, Feuchtgebiete" findet man nichts, nichts über Indien.

Ab Mai 2020 wird es dann wieder heiß in Indien, bis im Juni der Asphalt schmilzt. Das tat er übrigens am Dienstag (25.6.) auch in Alstedde/Lünen bei Dortmund.