We' re losing…

...doch der amerikanische Präsident darf es nicht wissen

Mehr als 80 Tote forderte eine Anschlagsserie im Irak in den letzten Tagen. Wahlkampf brutal: Während die Gegner der US-Besatzung die Wahl mit gezielten Anschlägen auf Kandidaten, Parteibüros, Wahlhelfer, Wahllokale und irakische Polizisten zu sabotieren versuchen, ist es den Kandidaten aus Furcht um Leib und Leben nicht möglich, einen normalen Wahlkampf zu führen. Viele erscheinen erst gar nicht mit ihrem Namen auf den Wahllisten. Kursierten im letzten Monat noch offizielle Listen mit 105 Parteien und Kandidaten, sind seither, knappe zwei Wochen vor der Wahl, alle 30 unabhängigen Kandidaten und 53 Parteien "ausgestiegen".

Ahnungslos? Präsident Bush

In den vergangenen Tagen gab es zahlreiche Attacken von Guerillas vom Norden bis zum Süden des Landes, inbegriffen die so genannten "Safe Areas". Die Berichte aus dem Irak sind derzeit oft nur mehr bloße Aufzählungen von Anschlägen und Entführungen; kein Wunder, dass manchem Journalisten angesichts dieser Menge an Attentaten dabei Fehler unterlaufen, wie etwa dem Verfasser einer Meldung im Nouvel Observateur, der zufolge der Sohn von Großayatollah Ali Sistani getötet wurde; es war der Sohn eines Repräsentanten von Sistani.

Die Kampagne der Einschüchterungen scheint auf ihren Höhepunkt zuzulaufen, der Bürgerkrieg, den man seit Monaten befürchtet, ist im Grunde schon in vollem Gange. Ob die heute von der Interimsregierung in Bagdad beschlossene Schließung der Grenzen an drei Tagen um den Wahltermin herum, sowie das Fahrverbot für die Mehrheit der Bevölkerung an diesen Tagen, größere Anschläge verhindern kann, bleibt sehr ungewiss. Nach Aussagen des ranghöchsten amerikanischen Befehlshabers im Irak, General George Casey, befürchtet man einen Wahltag voller Gewalt:

Der Feind, den wir bekämpfen ist nicht 3 Meter groß, aber er verfügt über Unterstützung und Nachschub und er ist beharrlich. Wird es am Wahltag zu Gewalttätigkeiten kommen? Ja.

Das könnte allerdings auch ein Zeitungsleser voraussagen; amerikanische Offizielle stehen derzeit unter besonderem Druck, was ihre öffentlich geäußerte Einschätzung der Lage im Irak anbelangt. Wie die Financial Times berichtet, soll der abtretende Außenminister Powell von seinem Präsidenten des Raumes verwiesen worden sein, nachdem Powell auf die Frage, wie er den Fortschritt im Irakkrieg sehe, geantwortet habe: "We're losing."

Eine Anekdote vielleicht, die Geschichte stammt vom ehemaligen amerikanischen Botschafter in Saudi-Arabien, der Zeuge dieser Begebenheit gewesen sein soll; allerdings eine Szene mit Symbolkraft. Wie es in dem Financial Times-Bericht heißt, sollen schlechte Nachrichten nicht bis zum Präsidenten durchdringen. Powell, der neuerdings für einen schnellen Rückzug der Amerikaner eintritt, sei aber nicht der Einzige mit Durchblick. Nach Aussagen eines Anti-Terrorexperten soll der Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ein "brutal akkurates Bild von der Situation und den potentiellen Gefahren" im Irak haben. Nur würden derartige Warnungen, so ein Mitglied einer einflussreichen neokonservativen Gruppe, "well short of the president" gestoppt. "The Progress must go on"

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