Webpfarrer für virtuelle Kirche

Für ihre geplante "i-church" sucht die anglikanische Diözese Oxford einen flexiblen und dynamischen Christen, der "kreativ in einem neuen und unerprobten Umfeld" arbeiten kann

Die Church of England macht nun endlich ernst mit dem Web. Sie will nicht bloß Websites anbieten, um Informationen und Botschaften zu publizieren und Kommunikation zu ermöglichen. Sie will nun auch eine Webkirche mitsamt einer dementsprechenden Gemeinde und einem dafür zuständigen Webpfarrer einrichten. Auch bei den Anglikanern kommen immer weniger Menschen in die Gottesdienste, weswegen die Kirche hofft, durch Virtualisierung neue Anhänger gewinnen und Mitglieder halten zu können, die lieber mal ins Web schauen, als sich auf den Weg in die Kirche ihres Ortes zu machen oder sich zu sehr binden zu wollen.

Als erster Schritt wurde von der Diözese Oxford. erst einmal die Stelle für den Webpfarrer ausgeschrieben, der dann die i-church ins Leben rufen und betreuen soll. Was der Webpfarrer können und machen soll, ist aber schon ganz beachtlich - und auch nicht uninteressant.

Zuerst muss der fürs Web zuständige Pfarrer natürlich eine Gemeinde aufbauen, diese betreuen und die wichtigsten Mitglieder führen. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, wie Gebet, Unterrichtung und soziale Aktionen ausgeführt und institutionalisiert, aber auch wie Besucher gottesdienstlich versorgt werden können. Dazu muss zunächst einmal ein Portal mit vielen Informationen eingerichtet werden, das Besucher anlocken und halten soll. Der Pfarrer des digitalen Zeitalters muss aber auch ganz profane Aufgaben lösen, beispielsweise einen Weg finden, wie sich die virtuelle Kirche finanziert.

Und mitbringen an Fähigkeiten sollen die Bewerber auch einiges. Sie müssen bereits Erfahrung in der Betreuung einer Gemeinde mit Menschen unterschiedlicher christlicher Religionen haben, aber auch einen "geistigen" Draht zu Menschen finden, die die traditionellen Kirchenformen nicht mögen. Daher ist "Flexibilität und Anpassungsfähigkeit" im Hinblick auf den "theologischen Ansatz" vonnöten, auch wenn gleichzeitig die Bereitschaft vorhanden sein soll, "geistig" in einer der großen religiösen Gemeinschaften der Diözese "verwurzelt" zu sein.

Als religiöser Tausendsassa muss er oder sie aber auch noch das Internet und Webgemeinschaften "verstehen" und Vernetzungsfähigkeiten besitzen. Und weil man doch nicht alles online machen kann, ist auch ein Führerschein sowie "some form of transport" erwünscht. Ach ja, gewünscht wird natürlich auch ein "dynamischer gläubiger Christ (Laie oder Geistlicher)" mit "ausgezeichneten Kommunikationsfähigkeiten und der Fähigkeit, kreativ in einem neuen und unerprobten Umfeld zu arbeiten".

Auf die Frau oder den Mann muss man wirklich gespannt sein. Aber auch auf die "i-church", die die Klüfte überbrücken soll, die im realen Leben die christlichen Kirchen niedergehen lassen und vom Alltagsleben trennen. Der Kern der "i-church", die harte Gemeinde, soll ein abgeschlossene Gemeinschaft sein, deren Mitglieder aber den Besuchern kenntlich sein sollen. Eine interessante Aufgabe wird es für den künftigen Webpfarrer sein, wie die täglichen Gottesdienste, Gebete und Lesungen durchgeführt werden sollen: kann man nur in einem live-Stream zu beliebiger Zeit teilnehmen? Betet jeder für sich oder will man hier etwas Gemeinschaftliches über das Netz organisieren? Baut man gar eine virtuelle Kirche, in der die Gläubigen sich, vertreten durch einen Avatar, versammeln? Werden Webpfarrer und Gemeindemitglieder chatten oder Videokonferenzen abhalten? Die Rede ist auch von "Treffen" und "Ereignissen" die in der virtuellen Kirche stattfinden und an denen auch die Besucher teilnehmen können. Was darf man sich darunter vorstellen?

Lauter interessante und tatsächlich neue Frage, die einen kreativen und zugleich technisch kundigen Experten verlangen. Allerdings scheint zumindest am Anfang, vor dem Start, die virtuelle Kirche - "You can belong to i-church wherever you are" - unter erhöhtem Erwartungsdruck zu stehen und all das einlösen zu sollen, was unter realen Bedingungen im Raum der Körper und Gebäude nicht mehr richtig zu funktionieren scheint. Einen offenen Orten will man schaffen, an dem sich zwanglos alle Menschen versammeln und in ihm flanieren können, die auch nur ein vages Interesse an der christlichen Kirche besitzen. Als primäres Ziel wird formuliert, dass die neue virtuelle, vom Webpfarrer betreute und ortlose, daher globale Gemeinde all denjenigen offen stehen soll, die erfahren wollen, wie eine christliche Gemeinde lebt, aber die nicht in der Lage oder nicht willens sind, sich einer lokalen Gemeinde anzuschließen.

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