Webseiten der politischen Parteien sind unsichtbar

Eine Studie sieht bei den deutschen Parteien erhebliche Defizite. Allein die Bundes-Piraten scheinen sich im Internet gut auszukennen

Dass die jüngsten Achtungs- und Wahlerfolge der Piratenpartei auch - wenn nicht vor allem - mit der Nutzung des Internets zusammenhingen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Eine Studie der Universität Bamberg, die in Kooperation mit den Unternehmen neolox und searchmetrics durchgeführt wurde, zeigt nun: Die Stärke der einen Partei ist gleichzeitig die Schwäche aller anderen. Auf Landes- und Kommunalebene gleichen sich die schlechten Werte allerdings an. Hier stoßen Besucher oft nur dann auf Webseiten, wenn sie gezielt nach Partei- oder Personennamen suchen.

Harald Schoen, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Soziologie an der Universität Bamberg, und der wissenschaftliche Mitarbeiter Andreas Jungherr beobachteten im Rahmen ihrer Studie die Webseiten der Parteien im Bund und zusätzlich Auftritte in den Bundesländern und Kommunen, in denen im September 2011 gewählt wurde (Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Berlin). Dazu kamen die Piraten, weil sich die Forscher eine Antwort auf die Frage erhofften, "ob eine Partei, die ihre politische Kernkompetenz in der Netzpolitik sieht, ihre Webseiten anders gestaltet als traditionelle Parteien".

32 Seiten wurden durch den Searchmetrics Performance-Index analysiert, der die Suchmaschinenergebnisse zu mehr als 25 Millionen Begriffen misst. Außerdem ging es um die Position des jeweiligen Auftritts bei der Fahndung nach bestimmten politischen Suchbegriffen und darum, inwiefern diese mit politischen Webseiten in Verbindung gebracht wurden.

Die Befunde zeigen, dass die meisten Bundesparteien Indexpositionen zwischen 4.000 und 3.000 erreichen. Einzige Ausreißer nach unten sind die Webseiten der CSU und der FDP mit Werten um 1.000 bzw. 2.000. (...) Diese Werte erscheinen allerdings im Vergleich zu dem Wert des politischen Magazins "Der Spiegel", von 1.480.497, sehr niedrig. Dass auch für Parteiwebseiten bessere Positionierungen möglich sind, stellt die Webseite der Piratenpartei unter Beweis, die mit einem Wert von 16.511 deutlich sichtbarer ist als die Webseiten der anderen Parteien.

Sichtbarkeitsreport

Bei der Positionierung ihrer Seiten in den Ergebnislisten von Google schnitten die Parteien besser ab, doch die Verbindung von politischen Begriffen und Webseiten entsprach nur bedingt dem jeweiligen Parteiprofil. Die Seite der CDU reagierte auf den Begriff "energiepolitik" und die der SPD auf "mindestlohn", aber auch auf "steuersenkungen". Die Homepage der Bundes-FDP tauchte bei "netzsperren" aus der Versenkung auf, während sich das grüne Pendant zu "atomausstieg", "atomkraft", "gerechtigkeit" und "soziale gerechtigkeit" gesellte. Die linke Variante trat bei Suchanfragen zu "mindestlohn" und "soziale gerechtigkeit" in Erscheinung. Die Piraten besetzten die Suchbegriffe "piraten", "die piraten" und "piraten party" optimal, waren zweite Wahl bei "flaschenpost" und "mitglieder" und immerhin 5. bei der offenbar heiß begehrten Kombination "Musiker in deiner Stadt".

Fazit der Wissenschaftler: "Besonders die Ergebnisse der Grünen und der Linken scheinen dem Parteiprofil zu entsprechen." CDU und FDP würden ihre Themenprofile dagegen nur "ungenügend" auf ihrer Webseite abbilden.

Die Piratenpartei wird sich auch über die gute Positionierung beim Begriff "Mitglieder" freuen. Nach dem Wahlerfolg in Berlin gibt es vielerorts neue Anhänger. Am Freitag vergangener Woche vermeldete der Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern einen Anstieg der Mitgliederzahlen um 16,3 Prozent - auf nunmehr 243.

Schon auf Bundesebene nutzen die Parteien die Möglichkeit, die eigene Webseite als Informations- und Wahlkampfplattform einzusetzen, nur bedingt. Die Auftritte der Landes- und Kommunalverbände drohen allerdings gänzlich in den Untiefen des WWW zu verschwinden.

Die untersuchten Portale wiesen noch "deutlich niedrigere Google PageRanks" auf, rutschten im Searchmetrics Performance-Index weit ab und tauchten signifikant seltener in den Ergebnislisten von politischen Stichworten auf.

Lediglich Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) konnte sich mit seiner eigenen Seite beim Stichwort "regierender bürgermeister" angemessen platzieren. Die Beantwortung der Frage, warum sein Auftritt beim Suchbegriff "sozialer zusammenhalt" ebenfalls relativ zeitnah gefunden wurde, bedarf möglicherweise einer eigenen Studie ... Seiner Partei gelang derweil das Kunststück, sich wenigstens im Internet von einem ungeliebten Ex-Protagonisten zu distanzieren. spd-berlin.de reagierte erst als 20. auf den Suchbegriff "thilo sarrazin", aber dort hat man die jüngsten publizistischen Versuche des ehemaligen Finanzsenators ohnehin noch nicht zur Kenntnis genommen.

Zahlreiche Veröffentlichungen zu wirtschafts-, finanz- und wohnungspolitischen Fragen , u.a.: "Der Euro - Chance oder Abenteuer", 3. Auflage 1998

spd-berlin.de

Viele Treffer resultierten aus der Eingabe von konkreten Partei- oder Kandidatennamen. Auch die Piraten konnten diesen Trend in Berlin nicht durchbrechen.

Den Berliner Parteien gelingt es offenbar nicht, ihr Informationsangebot im Internet so zu gestalten, dass sie auch nicht direkt an der jeweiligen Partei oder dem jeweiligen Kandidaten interessierte Nutzer erreichen.

Sichtbarkeitsreport

Nach Einschätzung der Politikwissenschaftler gestaltete sich die Situation bei der Kommunalwahl in Niedersachsen ähnlich, bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern noch bedenklicher. Im Nordosten der Republik seien Parteiwebseiten auch noch kurz vor dem Wahltermin am 4. September 2011 "quasi unsichtbar" gewesen.

Wer also beispielsweise nicht direkt nach Gino Leonhard, dem Spitzenkandidaten der FDP in Mecklenburg Vorpommern, suchte, hatte Schwierigkeiten ihn zu finden. Aber das galt eben auch für seine Konkurrenten.

Ein Langzeitproblem

Die Webseiten deutscher Parteien seien, "mit Ausnahme des Bundesverbands der Piratenpartei", in Google-Ergebnislisten zu populären Suchanfragen "fast unsichtbar", bilanziert die Studie und empfiehlt eine intensivere Pflege und Vernetzung.

Eine Seite wird zum einen sichtbarer, wenn sie von anderen Webseiten und Profilen und auf Social Media-Kanälen verlinkt werden. Zum anderen werden Webseiten dadurch sichtbarer, dass sie bewusst suchmaschinenfreundlich gestaltet und aktiv redaktionell betreut werden. Die Verlinkung durch andere Webseiten können Parteien in der Regel allenfalls indirekt beeinflussen.

Sichtbarkeitsreport

Dass die Nutzung der sozialen Netzwerke oder der Betrieb von Blogs nicht in die Betrachtung einbezogen wurde, ist ein Defizit der Bamberger Studie, deren Ergebnisse in Detail und Methode neu sind, aber keine grundsätzliche Überraschung darstellen.

Auf dem vor zehn Jahren ins Auge gefassten Weg zu "internet-basierten Mitgliederparteien" haben CDU, SPD & Co. offenkundig erst eine überschaubare Strecke zurückgelegt.

2007 kam eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts dimap zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass zwar beachtliche 43 Prozent der Erstwähler und jungen Erwachsenen regelmäßig das Internet nutzen, um sich über politische Sachverhalte zu informieren. Nur 3 Prozent von ihnen besuchten zu diesem Zweck allerdings die Internetangebote der Parteien.

Drei Jahre später machte sich ein Beobachter bereits Sorgen um die herumhängenden "Digitalleichen". Denn tatsächlich präsentieren sich die Parteien nach der Wahl mit ausgemusterten Kandidaten und ad acta gelegten Programmen oft noch sehr viel unattraktiver als vor einem Urnengang.

Die Piratenpartei galt auch in dieser Hinsicht lange Zeit als vorbildlicher Ausnahmefall. Doch auch sie hat Schwachstellen und erregt nun ausgerechnet mit dem Pilotprojekt "Liquid Democracy" das Interesse des Kohl-Biographen Stephan Eisel (CDU), der seine Sicht der Dinge immerhin mit der Konrad-Adenauer-Stiftung vernetzt hat.

"Liquid Democracy" ist ein bisher in der Praxis selbst von internetaffinen Gruppen nicht angenommenes Beteiligungsmodell. Seine große Schwäche ist neben der hohen Manipulationsanfälligkeit und der zugrunde liegenden Theorie der "Weisheit der Masse" vor allem die Annahme vom politisierten Bürger als Regelfall. Tatsächlich findet Politik im Internet aber nur in einer kleinen Nische statt und bietet dort allenfalls eine neue Spielwiese für die auch außerhalb des Internets politisch Interessierten und Aktiven. Das Politikinteresse allgemein wird durch das Internet nicht gesteigert. (…) Tatsächlich ist das Internet wesentlich mehr ein Markt- und Spielplatz als ein politisches Forum.

Stephan Eisel

Gegen diese weitegehend unbewiesenen und pauschalen Ausführungen, die den Befund der Bamberger Studie in interessanter Weise bestätigen, könnte die Piratenpartei zahlreiche Argumente einwenden. Freilich wäre es hilfreich, wenn die Seite, die als Nr.1 der Google-Liste zum Stichwort "Liquid Democracy" erscheint, nicht mit folgendem Hinweis aufwarten würde:

Es gibt weiterhin einen Liquid-Democracy-Squad in Berlin, der sich mit der Umsetzung von Liquid Democracy innerhalb des Landesverbandes Berlin beschäftigt.

Wiki der Piratenpartei

Das stimmt aber nicht. Die verlinkte Seite beginnt mit der Bemerkung, dass besagtes Squad bereits am 24. März 2010 aufgelöst wurde, "da es seinen Arbeitsauftrag erfolgreich erfüllen konnte". Ein Alleinstellungsmerkmal, das im Zentrum der Arbeit stehen soll, könnte von Netzpolitikern optimaler positioniert werden.

Bei der Gelegenheit sollten die Piraten aus Mecklenburg-Vorpommern über ihre Rubrik "Organisation", speziell über den Menüpunkt "Landesvorstand", nachdenken.

Folgender Vorstand wurde auf dem Landesparteitag am 03. Juli 2010 für ein Jahr gewählt:
Vorsitzender: Michael Rudolph
Stellvertretender Vorsitzender: Niels Lohmann
Schatzmeister: Beatrix-Isabell Haug

Piratenpartei Mecklenburg-Vorpommern

Und was ist dann passiert?

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