Weg mit den Knästen!

Der gefängnisindustrielle Komplex der USA

Haftanstalten als Wirtschaftsfaktoren: Seit den achtziger Jahren werden in den USA trotz rückläufiger Kriminalitätsrate so viele Gefängnisse wie nie zuvor errichtet. Großkonzerne verdienen am Bau von Haftanstalten, ihrer Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen und an der Ausbeutung von Haftarbeit.

Die Professorin Angela Y. Davis kennt mindestens neun Millionen Gründe, die gegen das Gefängnis sprechen. Auf diese Zahl beläuft sich derzeit die Menge der Strafgefangenen in aller Welt. Dass davon zwei Millionen allein in den USA einsitzen, nimmt die seit dem Ende der sechziger Jahre in der amerikanischen Anti-Gefängnisbewegung aktive Autorin zum Anlass, sich vor allem mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Gefängnissystems ihres Landes zu beschäftigen.

In ihrer jüngsten Publikation präsentiert Davis eine Menge aufschlussreicher Details, etwa dass die Anzahl der Strafgefangenen noch deutlich höher läge, wenn viele junge Männer und Frauen nicht den Armeedienst einer drohenden Haftstrafe vorziehen würden/müssten. Materialreich sind ihre Ausführungen über die große Anzahl psychischer Erkrankungen hinter Gittern, über die Zunahme von Einzelhaft in Hochsicherheitsgefängnissen (obwohl sie international geächtet ist und nach wie vor strittig ist, ob sie gegen die US-Verfassung verstößt) und über das Anwachsen sozialer Kontrollmechanismen, während gleichzeitig Bildungsprogramme für Häftlinge gekürzt oder gestrichen werden. Überzeugend weist sie nach, dass der staatliche Resozialisierungsanspruch längst dem Ziel weichen musste, Delinquenten unschädlich zu machen.

Am Beispiel der "ethnischen Zusammensetzung" in kalifornischen Gefängnissen entwickelt Davis einen weiteren Strang ihrer Argumentation: 35 Prozent der Insassen sind Latinos, 30 Prozent Afroamerikaner und 29 Prozent Weiße. Weiße sind demnach deutlich in der Minderheit, jenseits der Gefängnismauern aber stellen sie ebenso deutlich die Bevölkerungsmehrheit. Gründe dafür findet die Autorin im so genannten Racial Profiling der Ermittlungsbehörden - Fahndungsmethoden, bei denen die Hautfarbe eine Rolle spielt - sowie in der hohen Armutsrate unter städtischen Afroamerikanern oder Latinos. Wo Diebstahlsdelikte, Drogenbesitz oder Verstöße gegen die Einwanderungsbestimmungen häufig härter bestraft werden als Steuerhinterziehung in Millionenhöhe oder gewerblicher Betrug, da sind die vielen Nicht-Weißen im Gefängnis kein Wunder.

Auch auf den "beträchtlichen Anstieg der Haftrate von Frauen seit den achtziger Jahren" und die geschlechtsspezifische Haft geht Davis ein. Sie zitiert Berichte von "Human Rights Watch" über die "gewaltsame Sexualisierung des Gefängnislebens innerhalb der Frauenanstalten". Gemeint sind die üblichen demütigenden Leibesvisitationen bei weiblichen Gefangenen sowie sexuelle Übergriffe. Außerdem würden Frauen häufig zu längeren Haftstrafen verurteilt. Weiterbildungsangebote beschränkten sich auf Koch-, Näh- und Haushaltskurse. Das Ziel sei eine "Wiedereingliederung kriminalisierter Frauen in das häusliche Leben als Frau und Mutter".

Davis wendet sich auch der Geschichte des US-Strafvollzugs zu und schreibt:

Frauen, die vom Staat öffentlich für ihr Fehlverhalten bestraft wurden, sah man tendenziell als größere Abweichung vom Normalfall und als wesentlich stärkere Bedrohung der Gesellschaft an als die große Zahl männlicher Straftäter.

Früher habe man delinquente Frauen nicht selten als geisteskrank klassifiziert, wobei hier ebenfalls riesige Unterschiede zwischen schwarz und weiß gemacht worden seien. Auch ihre Verweise auf den Zusammenhang von Sklaverei und Besserungsanstalten und erst recht ihre Ausführungen über die historische Bedeutung der Zwangsarbeit von Strafgefangenen beim Bau von Straßen, Eisenbahngleisen und im Bergbau sind kenntnisreich und hellsichtig. Wenn sie formuliert, dass "die schwarze Gefangenenarbeit noch immer eine verborgene Dimension unserer Geschichte" bleibe, so ist das nicht nur als Aufforderung zu verstehen, über die Wirtschaftsgeschichte der USA neu nachzudenken. Es ist auch ein Fingerzeig auf die gegenwärtige Situation in den meisten Gefängnissen.

"Für Privatunternehmen ist Gefängnisarbeit wie ein Hauptgewinn. Keine Streiks. Keine Gewerkschaften. Keine Arbeitslosenversicherung (…) Alles zu einem Preis, der einen Bruchteil dessen beträgt, was Arbeit auf dem freien Arbeitsmarkt’ kostet", zitiert Davis aus einer Broschüre von Linda Evans und Eve Goldberg. Damit kommt sie auf ihren Hauptaspekt zu sprechen: den des, wie sie es nennt, gefängnisindustriellen Komplexes. Der Trend zu mehr Inhaftierungen habe in der Ära von Ronald Reagan begonnen. Obwohl die Kriminalitätsrate zu diesem Zeitpunkt bereits rückläufig gewesen sei, seien Gefängnisse in einer noch nie da gewesenen Menge gebaut worden. Reagan habe als erster Präsident Haftanstalten als Wirtschaftsfaktor gesehen, ihm sei es um die Beteiligung von Großkonzernen am Bau von Gefängnissen, ihrer Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen und an der Ausbeutung von Haftarbeit gegangen.

Bis heute habe sich an dieser Auffassung nur wenig geändert. Die großen US-Gefängnisunternehmen CCA und Wackenhut unterhalten nicht nur eigene, nur am Profit orientierte Haftanstalten, sie konnten ihren Aktionsradius mittlerweile sogar auf andere Kontinente ausweiten. Davis’ Fazit fällt dennoch alles andere als düster aus: "Eine wichtige Herausforderung besteht darin, zur Schaffung einer humaneren, erträglicheren Umgebung für die Menschen im Gefängnis beizutragen, ohne sich dabei mit der Permanenz des Gefängnissystems abzufinden."

Ihr Ziel ist so schlicht wie radikal: eine Welt ohne Gefängnisse. Sie weiß natürlich, dass der Weg dorthin schwierig ist. Denn im Gegensatz zur Todesstrafe erfreuen sich Gefängnisse einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz? Woran liegt das, fragt Davis, und liefert auch gleich einige Antworten: Weil ihr Bau häufig mit dem Versprechen von Politikern einhergeht, Arbeitsplätze zu schaffen und damit in ärmeren Regionen für Aufschwung zu sorgen; weil Verbrechen ein zentraler Gegenstand der medialen Berichterstattung sind, vor allem bei Privatsendern; weil Gefängnisfilme als wichtige "Bestandteile unserer visuellen Umwelt" dazu beigetragen haben, dass Knäste für die meisten Menschen zur Norm gehören; und weil das Gefängnis den Einzelnen ideologisch von der Verantwortung befreit, sich mit den drängenden gesellschaftlichen Problemen auseinander zu setzen.

"Es ist, als wäre das Gefängnis ebenso wie die Geburt oder der Tod eine unvermeidliche Lebenstatsache", stellt Davis fest, doch aufgeben mag sie deswegen noch lange nicht. Am Ende entwirft sie Strategien zur Abschaffung des Gefängnisses. Ihr Gegenmodell beinhaltet ein "Justizsystem, das auf den Prinzipien Wiedergutmachung und Versöhnung beruht statt auf Vergeltung und Rache", Bildungsprogramme, offene Grenzen, Sozial- und Gesundheitssysteme, die umsonst und für alle sind sowie die "ideologische Arbeit, die notwendig ist, um die begriffliche Verbindung zwischen Verbrechen und Strafe zu zerreißen". Klar wird bei ihr auch, dass in besseren Zeiten das jetzige Gefängnissystem nicht einfach durch "ein einziges alternatives System der Bestrafung" ersetzt werden kann.

In den siebziger Jahren saß Davis selbst für 16 Monate in Haft, heute ist sie Professorin für Mentalitätsgeschichte an der University of California in Santa Cruz. Vielleicht liegt es an dieser außergewöhnlichen Biografie, dass man rasch merkt, wie profund ihre Kenntnisse sind, weil sie aus praktischem und theoretischem Wissen gespeist werden.

Angela Y. Davis: Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA. Verlag Schwarzerfreitag, Berlin 2005

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