Weg mit zehntausenden Dämmen in Europa

Errobieta-Damm im Natura 2000 Schutzgebiet Artikutza. Bild: R. Streck

Mit dem Abriss von meist unnützen Dämmen sollen europäische Flüsse wieder zum Leben erweckt werden

Bisher scheint es in Europa noch kein wirkliches Thema zu sein, doch das soll sich ändern. So wird es im September in Sarajevo den ersten Europäischen Flussgipfel und gerade hat ein Bericht die Größenordnung der Damm-Problematik aufgezeigt. Während sie in Europa bisher noch nicht wirklich ins Bewusstsein vorgedrungen ist, werden in den USA seit Jahren hunderte, zum Teil auch große Staudämme, abgerissen. Spektakulär war der bisher größte Dammrückbau weltweit im Elwha-Fluss, wo zwei Dämme mit einer Höhe bis zu 64 Meter innerhalb von drei Jahren kostenintensiv wieder beseitigt wurden, um den Weg in den einst größten Laichplatz für Lachse freizugeben. Deren Population war oberhalb der Staumauern fast zum Verschwinden gebracht worden.

Der Erfolg war, wie an anderen Stellen, durchschlagend und an solchen Projekten orientieren sich Organisationen wie Dam Removal Europe (DER). Es handelt sich um einen Zusammenschluss aus fünf Organisationen Dam Removal Europe: WWF, World Fish Migration Foundation (WFMF), European Rivers Network, The Rivers Trust und Rewilding Europe. Gemeinsam haben die Organisationen nun einen umfassenden 73-seitigen Bericht vorgestellt, den Pao Fernández Garrido als eine "Bombe" bezeichnet.

Im Gespräche mit Telepolis erklärt die Ingenieurin, die als Koautorin für den WFMF an dem Bericht mitgearbeitet hat, dass "allein in Frankreich, Spanien, Polen und Großbritannien mehr als 30.000 Dämme ermittelt wurden, die obsolet sind". Die Spanierin ist Spezialistin für den Bau von Fischtreppen, Abriss von Dämmen und Flusssanierung.

Kürzlich kam auch die EU zu dem schlechten Ergebnis, dass nur noch etwa 40% der Fließgewässer in Europa einen guten ökologischen Zustand aufweisen, die Mehrzahl davon in höheren Berglagen. Ein zentraler Grund dafür sei die enorme Menge an Wehren und Dämmen, die die Flüsse fragmentieren und zersplittern. Lachse, Aale, Äschen, Störe und andere wandernde Fischarten stoßen demnach "durchschnittlich jeden Kilometer auf ein Hindernis", erklärt die Spezialistin. Viele der Hindernisse seien praktisch unüberwindbar, auch wenn es Fischtreppen gäbe.

Lachse vor einem Wassewrkraftwerk in Schweden. Bild: Herman Wanningen

An verschiedenen Fallbeispielen zeigt der Bericht auch an Dammbeseitigungen in Europa auf, dass sich wesentliche und bemerkenswert schnelle Verbesserungen erst mit dem Rückbau von Dämmen erreichen lasse, wie sie sich auch in den USA längst gezeigt habe. Seit der Entfernung von zwei Wehren im niederländischen Bach "Boven Slinge" im Jahr 2015 erhöhte sich das Fischartenspektrum in den neu angebundenen Abschnitten durchschnittlich um 30 Prozent, während die Fischdichte um 148 Prozent zunahm.

Können Sedimente, Nährstoffe, Bäume und andere Materialien wieder mitgerissen werden, bilden sich Ablagerungen und damit auch die Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere. "Frei fließende Flüsse sind auch die Arterien in Europa und bilden die reichsten Ökosysteme", erklärt Fernández. Der größte Teil der Biodiversität sei auch hier an Flüsse, Feuchtgebiete und Flussdeltas gebunden. "Doch wir haben kaum noch frei fließende Flüsse in Europa", beschreibt die Spanierin die Situation in Europa, wo die Flüsse durch etwa eine Million verschiedenster Barrieren behindert werden. Das soll beendet werden. Die Regierungen werden aufgefordert, vor allem die überflüssigen Dämme zu beseitigen und sich für die Einhaltung der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie einzusetzen. Die werden von der EU-Kommission gerade überprüft und sollen trotz der schlechten Lage abgesenkt werden, wird allseits befürchtet. Dabei liege die Lösung zur Verbesserung der Situation auf der Hand: "Lässt man der Natur freien Lauf, erholen sich die Fischbestände rasch und selbst jahrzehntelang verlorene Fischarten kommen zurück", erklärt die Koautorin des Berichts. Damit kämen auch Vögel und andere vom Fischfang lebende Tiere zurück und damit "das gesamte Spektrum der wassergebundenen Artengemeinschaften".

Aufgezeigt werden im Bericht insgesamt sechs Fallbeispiele aus Dänemark, Holland, Großbritannien und Frankreich. Frankreich wird mit gleich zwei Beispielen angeführt. Ein Fall ist die lange umstrittenen Beseitigung des Maisons-Rouges Damms in der Vienne, ein Hauptnebenfluss der Loire, des größten Fluss des Landes. Dort wurden ein obsoletes Wasserkraftwerk und eine 14 Meter hohe Staumauer beseitigt. "Es war das erste große Projekt dieser Art in Frankreich" und die "Resultate waren nachweisbar sehr positiv", erklärt der Bericht. Denn es kam zu einer spektakulären Erholung der Fischbestände, von denen besonders die Anzahl der zuvor kaum nachweisbaren Neunaugen innerhalb von acht Jahren auf 41.000 Stück stieg. Auch Maifische, die zuvor "sehr begrenzt" registriert wurden, sind nun 20 Kilometer oberhalb der einstigen Mauer wieder stark anzutreffen, auch Forellen und der Lachs kehren zurück.

Frankreich steche beim Rückbau ohnehin heraus. Mit 2400 fänden sich etwa die Hälfte der bisher geschätzt beseitigten Dämme in Europa im Nachbarland, meint Fernández. In Schweden seien etwa 1600 Barrieren eingerissen worden. Das bedeutet, dass es in den übrigen EU-Ländern eher schlecht aussieht. Genau wisse man das aber noch nicht. Die Datenbasis wird erst geschaffen, erklärt die Spanierin und hofft auch auf Mitwirkung durch die Bevölkerung. Auf einer interaktiven Karte werden ständig neue Barrieren eingezeichnet, daran können alle mitwirken.

Auch in ihrer Heimat wird schon abgerissen. Gegen lokalen Widerstand wurde im Frühjahr in Yecla de Yeltes ein 22 Meter hoher Damm abgerissen, der nur noch als Badesee und Viehtränke benutzt wurde und sich zudem in einem Natura 2000-Schutzgebiet befand. Im baskischen Artikutza wird geplant, die europaweit wohl größte Staumauer mit gut 40 Metern anzugehen, was im Seebad Donostia (span. San Sebastian) beklatscht wird, der das Naturschutzgebiet gehört, in der sich der Stausee befindet, aus dem die Stadt lange Zeit mit Wasser versorgt wurde.

"Abgerissen wird die Mauer vermutlich nicht, aber die Entscheidung ist noch nicht gefallen", erklärt der Biologe Arturo Elosegi gegenüber Telepolis. Er untersucht das Natura 2000 Gebiet und begleitet für die Universität Bilbao das Projekt mit seinem Team wissenschaftlich. Auf Vorschlag seines Teams wurden schon sieben kleinere Dämme beseitigt. Damit konnte die ohnehin "ausgezeichnete Lage" in dem streng regulierten Gebiet weiter verbessert werden. Man finde hier, obwohl der Wald lange Zeit nachhaltig durch Köhler bewirtschaftet wurde und es Minen gab, einen der natürlichsten Wälder. Hier könne man Flüsse studieren, bevor sie durch menschliche Einflüsse verändert wurden. Wenn spanische Medien titeln, dass ein "Stausee beseitigt wird, um einen Fluss auferstehen zu lassen", ist reißerischer Blödsinn.

Damit Lachse und andere wandernde Fischarten auch in das Naturschutzgebiet zurückkehren könnten, müsste am unteren Teil des Flusses am neueren Anarbe-Stausee Hand angelegt werden, meint auch Elosegi. Denn der schneidet nun weiter unten den Zugang ab. Dieser Stausee sichert die Wasserversorgung der Stadt und der Umgebung. Der Forscher zweifelt, ob ein gesamter Abriss der Staumauer im Naturschutzgebiet die sinnvollste Lösung ist. "Hier, wo sich Flora und Fauna exquisit erhalten haben, schwere Maschinerie einzusetzen, lange Lärm zu machen, Staub zu produzieren und etwa 100.000 LKW-Ladungen Schutt über kleine Straßen zu transportieren", würde wohl mehr Schaden als Nutzen bringen, meint der Forscher. In das Gebiet mit seinem Urwald dürfen derzeit nur 20 Autos pro Tag einfahren, vorwiegend die wenigen Bewohner aus dem Dorf, Forscher und Förster.

"Vieles spricht dafür, dass die komplette Mauer nicht abgerissen wird", erklärt gegenüber Telepolis auch die Biologin Asun Yarzabal. In ihren Bereich als Beauftragte für Biodiversität von Donostia fallen das Schutzgebiet und der Enobieta-Damm. "Das Projekt wird ausgeschrieben und damit das genaue Vorgehen festgelegt." Favorisiert werden derzeit ein großes Loch oder eine breite Bresche in der Mauer, damit der Fluss wieder seine Dynamik entfalten kann, ohne die Umwelt über die Arbeiten stark zu beeinträchtigen. Erwartet wird, dass die Arbeiten nach der Ausschreibung und den nötigen Genehmigungen im kommenden Jahr beginnen werden.

Weitgehend einig sind sich Elosegi, Yarzabal und Fernández auch mit dem Professor Diego García de Jalón (siehe untenstehendes Interview), dass es nicht um die Frage "Staudämme Ja oder Nein" gehe. "Wir brauchen Staudämme", sagt auch Elosegi. Doch die müssten so gebaut und gemanagt werden, dass ihre Umweltauswirkung so gering wie möglich bleibt. "Und wenn sie ihren Dienst erfüllt haben oder obsolet werden, müssen sie rückgebaut werden", sagt der Wissenschaftler.

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