Wege zu einem Klimakonsens

Müssen wir uns alle einig sein, bevor wir vernünftig handeln? Nein. Ziel dieses Artikels ist es, einen möglichst breiten Handlungskonsens herzustellen, um die Erde vor dem Klimawandel und anderen Umweltgefahren zu bewahren

Sehen - Denken - Handeln, in dieser Reihenfolge, ist ein allgemeines Rezept für rationalen Umgang mit Problemen. Denn sicherlich nimmt der Mensch zu viele Informationen auf im Vergleich zu dem auf, was er später in Handeln umsetzt.

Die Veränderung des Klimas und deren Ursachen ist eine wissenschaftliche Frage. Der Umgang damit geschieht daher am besten mit Evidenz, Transparenz und in Kenntnis der Komplexität des Sachverhalts. Das bedeutet weder eine Relativierung der Wichtigkeit noch der Fakten. Wem vielleicht das Sichten der Informationen zu "klimaskeptisch" vorkommt, der möge bitte prüfen, ob er am Ende nicht trotzdem mit den "radikalen" Vorschlägen einverstanden ist.

Aufmerksamkeit nützt, Politisierung nicht

Dass sich die Menschheit überhaupt mit dem Thema Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen beschäftigt, ist richtig und geradezu überfällig. Dennoch schadet die damit einhergehende Politisierung nicht nur der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung. Schlagworte, Schwarz-weiß-Denken, simplifizierende Darstellungen, Moralisierung und Polarisierung fördern eine Spaltung der Gesellschaft, die am Ende konstruktive Maßnahmen nur behindert. Dazu gehört zum Beispiel die unsinnige Trennung zwischen "Jungen" und "Alten", so als seien die Letzteren am Überleben der Menschheit nicht interessiert.

Generell leidet die Debatte an Unterstellungen, die nicht zielführend sind. Die Skeptiker werfen oft unberechtigt mit Begriffen wie "Klimalüge" oder "Klimaschwindel" um sich, während man umgekehrt die "Klimawandelleugner" nicht unbedingt in eine Sprachkategorie einteilen muss, die sonst für den Holocaust reserviert ist.

Wenn A Unrecht hat, hat B noch nicht Recht

Leider scheint das Klima unter den Wissenschaftlern selbst auch vergiftet. Die etablierte Klimawissenschaft hat den Skandal um geleakte Emails 2009 nicht wirklich gut aufgearbeitet, und es ist zumindest soziologisch aufschlussreich, wie weit sich ganze "Wissenschaftsgemeinden" vom Ideal der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung entfernen können. Trotzdem ist dies noch kein Sachargument, den Klimawandel in Frage zu stellen.

Vielmehr gibt es sachfremde Interessen (z.B. der Energieindustrien) wohl überwiegend auf der Seite der Klimaskeptiker, ja konkrete Fälle von wissenschaftlicher Korruption. Dass neoliberale Thinktanks die Manipulation der Öffentlichkeit, auch mit sogenannten "Experten", virtuos beherrschen, ist keine Neuigkeit. Man denke nur an die Lobbyarbeit der Rüstungsindustrie und die Diskreditierung der Friedensbewegung.

Ich würde die Grenze wie folgt ziehen: Begibt sich jemand in finanzielle Abhängigkeit, erodiert das die Glaubwürdigkeit, aber nicht, wenn jemand nur einen Vortrag auf der "falschen" Tagung hält - auch das Veranstalten solcher "skeptischer" Konferenzen ist legitim.

Ohne Skepsis keine Wissenschaft

Denn es gibt auch sachkundige und integre Forscher, die in einzelnen Punkten von der Mehrheitsmeinung abweichen, aber trotzdem wichtige Beiträge zum Verständnis des Klimas liefern könnten. Solange transparent und mit Evidenz argumentiert wird, ist es wichtig, dafür offen zu bleiben. Denn, auch wenn es manche nicht gerne hören: Die Übereinstimmung der Mehrheit der Fachleute auf einem Gebiet ist leider noch kein Kriterium für wissenschaftliche Wahrheit.

Das bedeutet nicht, dass die Klimawissenschaftler falsch liegen, aber es kann durchaus vorkommen, dass sich große Forschergemeinden auch verlaufen. Dies trifft im Moment auf die theoretische Physik und Kosmologie zu, die zum Beispiel jüngst auch Sabine Hossenfelder als "Science Fiction mit Gleichungen" kritisiert. Aber auch wer der Gegenwart weniger Skepsis entgegenbringt, muss die historischen Fakten anerkennen, dass die Mehrheit der jeweiligen Fachleute jahrzehntelang sowohl Kernspaltung als auch Kontinentalverschiebung für unmöglich gehalten haben - ganz abgesehen von der absurden Idee, dass die Erde die Sonne umkreisen würde ….

Nochmal: dies ist keine Verharmlosung oder gar Aufforderung zur Untätigkeit in der Klimapolitik. Im Gegenteil, wenn tatsächlich die Lebensgrundlagen des Planeten auf dem Spiel stehen, wären wir dann nicht gut beraten, eine noch weitergehende skeptische Vorsicht walten zu lassen, sogar wenn eine große Mehrheit der Wissenschaftler "Entwarnung" signalisieren würde?

Skepsis ist im Selbstverständnis der Wissenschaft verwurzelt. Wissenschaftler ernst nehmen heißt, sogar auf qualifizierte Warnungen Einzelner reagieren, aber nicht, sich ungeprüft auf eine Mehrheit zu verlassen. Menschen, die dringenden Handlungsbedarf sehen, sollen sich durch diese Aussage nicht irritieren lassen: Es gibt für diese beunruhigenden Entwicklungen klare Evidenz. Es ist aber besser, damit die Skeptiker zu überzeugen und für vernünftige Gegenmaßnahmen mit ins Boot zu holen.

Sehen - Fakten und Wahrscheinlichkeiten

Dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde ansteigt, steht aufgrund von Satellitenmessungen außer Frage, ebenso der Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration, der übereinstimmt (ca. 1 Prozent pro Jahr) mit den Emissionen der globalen Industriegesellschaft (ca. 36 Gigatonnen pro Jahr).

Es gibt ausgezeichnete Evidenz für den Zusammenhang von CO2 und Temperatur durch paläontologische Zeitreihen, ebenso wie einen Wirkungsmechanismus (auch wenn der Name Treibhauseffekt irreführend ist) der Emissionen des CO2-Moleküls: Offenbar ist die Atmosphäre für Sonnenlicht durchlässig, aber die Wärmeabstrahlung wird durch CO2 und andere Moleküle behindert.

Dennoch: Es ist trotz der Aussagen des IPCC nicht in gleichem Maße gesichert, in welchem Umfang CO2 für den beobachteten Temperaturanstieg ursächlich ist. Bedenken Sie bitte: Diese Möglichkeit muss noch zu noch mehr Maßnahmen und größerer Vorsicht führen, als bisher diskutiert wird.

Denn parallel zu den CO2-Emissionen verändert die moderne Zivilisation den Planeten auf vielfältige Weise. Es gibt viele Effekte, die Einfluss auf die Durchschnittstemperatur haben können: Waldbrände und Rodungen, Phytoplankton, Albedo, Vegetationsindex, Wolkenbildung (Gegenmeinung), Aerosolteilchengröße, Eisenpartikel in der oberen Atmosphäre. Es wäre fatal, wenn man sich auf die CO2-Verringerung beschränkt und das Klima durch einen anderen unterschätzten Effekt aus den Fugen gerät.

Die Debatte leidet also darunter, dass man menschengemachten Klimawandel (der allein schon durch die Koinzidenz mit der Industriegesellschaft sehr wahrscheinlich ist) gleichsetzt mit CO2-verursachtem Klimawandel, dessen Anteil man diskutieren kann.

Transparenz ist nötig

Eine offene Forschungskultur für Klimamodelle ist daher essentiell. Mindestens hinsichtlich Transparenz gibt es hier schon etwas zu verbessern. Einige Fragen, die sich zum Beispiel auftun, sind: Wie gehen die obigen Daten, zum Beispiel Albedo und Vegetationsindex, in die Modelle ein? Welchen Einfluss hat die Wolkenbildung, die zum Beispiel auch von der Sonnenaktivität beeinflusst wird? Wie wirkt sich die Aufheizung der Ballungsräume aus? Kann man die Abschirmung langwelliger terrestrischer Strahlung durch CO2 im Labor quantifizieren?

Es ist ein falsches Argument der Skeptiker, CO2 sei nur zu 0,04% in der Atmosphäre und könne daher nicht viel ausmachen. Denn die zweiatomigen Moleküle O2 und N2, die über 99% der Atmosphäre ausmachen, können die langwellige Abstrahlung aufgrund ihrer Struktur nicht behindern. Neben CO2 spielt Methan (globale Fleischproduktion, Permafrost- Entweichen) eine große Rolle, welches allerdings nach ca. 10 Jahren zu CO2 abgebaut wird. Einen großen und möglicherweise unterschätzten Einfluss hat jedoch Wasserdampf, der unter anderem von der Bewaldung abhängt, die der Mensch massiv verändert.

Es wäre wichtig, völlig transparent zu machen, ob und wie diese Effekte in die Modellierung eingehen, und welche Näherungen dabei gemacht werden: Werden die molekularen Absorptionsbanden aufintegriert oder durch ein Kontinuum abgeschätzt? Werden Gase - was nicht ganz zutreffend wäre - als schwarze Strahler behandelt? Ist es gerechtfertigt, mit einer mittleren Ein- und Abstrahlung ohne Tages- und Jahresrhythmus zu rechnen?

Kontroverse Sachlage, aus Vorsicht trotzdem Handeln

Eine Crux liegt auch darin, dass es auch einen Mechanismus gibt, bei dem die Temperatur Ursache für einen nachfolgenden CO2-Anstieg ist - das Ausgasen von CO2 aus den Meeren, was mit bis zu 1000 Jahren Verzögerung erfolgt und von den Skeptikern gerne angeführt wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass auf kürzeren Zeitskalen CO2 nicht zu einer Erwärmung führen kann.

Die sehr langen Zeitskalen, in denen sich die Ozeane durchmischen, mahnen einerseits zu einem noch vorsichtigeren Umgang mit dem Ökosystem Erde, andererseits machen sie es auch unwahrscheinlich, dass der Kipppunkt zu einer unausweichlichen Klimakatastrophe nur wenige Jahre bevorsteht. Denn der natürliche Umsatz von CO2 in der Atmosphäre ist immer noch zehnfach höher als die derzeitigen Emissionen. Zudem haben wir zwar die höchsten CO2-Konzentrationen der Menschheitsgeschichte - beunruhigend -, aber wohl nicht die höchsten Temperaturen.

Auch diese Aspekte sind kein Vorwand, nicht zu handeln. Die Grundlagenforschung muss aber ausführlicher und transparenter werden (ein interessanter Einstieg hier). Auch Wissenschaftler haben die Verpflichtung, ihre Schlussfolgerungen der Öffentlichkeit gegenüber so gut es geht verständlich zu machen - nur das wird auf lange Sicht überzeugen (trotz der tendenziösen Kommentare im Video geht das sicher besser als hier).

Wenn heute 11.000 Forscher ihre Reputation einsetzen, um auf nachhaltigen Umgang mit dem Planeten zu drängen, ist das legitim und verständlich - trotzdem, mit Verlaub, können sicher nicht alle erklären, welche der obigen Parameter wie in die Klimamodellierung eingehen. Das beinhaltet keinerlei Unterstellung, aber es führt kein Weg daran vorbei, langfristig einen ausführlich kommentierten Quellcode zur wissenschaftlichen Diskussion offenzulegen, schon um weitere Forschung in dieser Richtung, etwa durch LSTM-neuronale Netze, zu erleichtern. Leider ist diese fehlende Transparenz ein methodischer Mangel vieler wissenschaftlicher Datenauswertungen.

Mit dem Herzen dabei sein, mit dem Kopf denken

Emotionen sind wichtig, um Motivation für Veränderungen zu schaffen. Die Lösung der Probleme muss aber trotzdem dem Verstand überlassen bleiben. Ungeachtet aller durchaus möglichen schwerwiegenden Folgen des Klimawandels für die Menschheit muss man an dieser Stelle doch feststellen, dass er nicht die größte Gefahr für das Aussterben der Art Homo sapiens ist.

Die Erde "verbrennt" nicht einfach so, denn es gibt negative Rückkopplungen wie ozeanische Aufnahme von CO2, erhöhtes Pflanzenwachstum und vermehrte Wolkenbildung. Daher geschieht ein Wandel nicht auf so kurzen Zeitskalen, dass eine Anpassung unmöglich ist. Und es gibt auch noch mögliche Gegenmaßnahmen. Im Übrigen muss sich die Menschheit nach überstandener Klimakrise irgendwann an eine Eiszeit anpassen, die mit der Schwankung der Exzentrizität der Erdbahn unweigerlich kommt.

Insofern müssen sich die, die "unermessliches menschliches Leid" durch das Klima vorhersagen, schon fragen lassen, ob dabei nicht die Schwelle von emotionaler Motivation zu Panik, die den Verstand blockiert, schon überschritten ist. Unermessliches menschliches Leid ist ein angemessener Begriff für Hiroshima und Nagasaki. In den heutigen Arsenalen lagert die 500.000-fache Sprengkraft, die nicht nur die Zivilisation innerhalb einer Stunde zerstören könnte, sondern über den nachfolgenden nuklearen Winter möglicherweise unsere Art auslöschen würde.

Homo sapiens sein ist kein Vergnügen

Ich sage das nicht, um vom Klimawandel abzulenken oder um die Friedens- gegen die Klimabewegung auszuspielen. Aber wenn man die Gefahren kleiner Wahrscheinlichkeiten ernst nimmt, ist auch diese sehr real - sei es durch verantwortungsloses Handeln oder auch nur einen dummen Zufall in einem Frühwarnsystem.

Die durch die Klimadiskussion getriggerte Aufmerksamkeit für Themen, die den Planeten betreffen, ist gut, sie darf jedoch nicht zu einer Fokussierungsillusion führen (zu welcher das menschliche Denken tendiert), die andere existenzielle Gefahren aus dem Blick verliert. Neben den "natürlichen" Ereignissen wie Asteroideneinschläge, Supernovaexplosionen, Sonneneruptionen und Supervulkanen gibt es neben dem Klimawandel und dem nuklearen Winter auch weitere menschengemachte Gefahren wie Bodenerosion, Meeresverschmutzung, Mikroplastik, Verlust der Biodiversität und Biomasse, Pandemien, Superintelligenz oder auch einen noch unbekannten schwarzen Schwan.

Alle diese Gefahren sind im Verhältnis zu den banalen tagespolitischen Themen im öffentlichen Diskurs dramatisch unterrepräsentiert und teilweise weniger reversibel (Artensterben) als das Klima. Jedenfalls erfordern alle diese Gefahren unsere volle Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Vorsorge und gegebenenfalls kompetentes Reagieren. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die bei manchen erstmals aufgetauchte Sorge um das Überleben der Menschheit und der daraus entstandene Impuls nicht in einem emotionalisierten, spaltenden Klein-Klein versandet, sondern sich zu einem rationalen Gefahrenbewusstsein ohne Panik erweitert, welches die Grundlage jeglichen überlegten Handelns ist.

Denken - Visionen entwickeln

Sicher sind nicht alle Leser bis hierher zu einer einheitlichen Sicht überzeugt. Aber die Frage ist doch: Kann man sich nicht trotzdem auf eine vernünftige Strategie einigen, selbst wenn es sich nur um eine mögliche Gefahr handelte? Was bedeutet das für das Klima?

Stabile Systeme basieren auf dem Kreislaufprinzip. Dies gilt für Rohstoffe ebenso wie für den Energiebedarf. Es ist daher evident, dass weder Energiequellen, die auf der Entsorgungsseite ungelöst sind wie Atomenergie, noch begrenzte fossile Energieträger dies leisten. Selbst wenn man der Theorie der abiotischen Entstehung von Erdöl anhängt oder an sicherere Kernkraftwerke glaubt, wäre so eine Nutzung nicht nachhaltig. Der Vision einer Zivilisation, die sich auf regenerative Energiequellen stützt, sollte sich eigentlich kein vernünftiger Skeptiker verschließen. Nebenbei wird auch die Ursache von Konflikten um Rohstoffe - und da gibt es bei näherem Hinsehen einige - gemildert.

Wie skeptisch man gegenüber dem Einfluss von CO2 auch immer sein mag, was spricht denn dagegen, es zu reduzieren? Das beste Argument wäre allenfalls, dass man das Klimasystem noch nicht verstanden hat, aber dann ist es mit Sicherheit keine gute Idee, es weiter aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Die Technologie ist da, der Anreiz fehlt noch

In dieser Hinsicht wurde durchaus schon etwas erreicht: noch in den 1980er Jahren konnten Politiker unwidersprochen behaupten, regenerative Quellen in ausreichendem Umfang seien "technisch nicht möglich", inzwischen sind alle Technologien vorhanden: stark gestiegener Wirkungsgrad und Massenproduktion von Solarzellen, die schon wirtschaftliche Nutzung von Windenergie, dramatisch gestiegene Energiedichten von Akkus, dazu etablierte Systeme wie Energiesparhäuser, Wasserkraft, Geothermie und Biogas, und evtl. neue Ideen wie Aufwind-, Gezeiten oder Meereswellenkraftwerke, selbst wenn die jahreszeitliche Speicherung im Moment noch teuer ist.

Natürlich gibt es bei der Umsetzung auch eine Reihe von Problemen: Umweltzerstörung durch Lithiumabbau, teilweise ungelöstes Recycling, ökologisch negative Auswirkungen von Windrädern, Inkompetenz und Ungerechtigkeiten bei der Durchführung und der Verteilung der Lasten und einiges andere. Aber das ändert nichts daran, dass regenerative Energiequellen als "proof of concept" auf der Welt existieren, woran Deutschland durch die Energiewende durchaus einen Anteil hatte.

Es wäre wichtig, die durch existierende Technik begründete Vision einer fast emissionsfreien Zivilisation durch entsprechende Anreize umzusetzen: Ausbau der Elektromobilität, Solarenergie, Windenergie, deren Überschüsse der Wasserstoffgewinnung durch Elektrolyse zuführen, so dass auch Schiffs- und Flugantriebe damit in Reichweite liegen, neue Verfahren z.B. in der Zementproduktion, letztlich aber eine komplette Kreislaufwirtschaft der Rohstoffe. Eine intelligente Zivilisation sollte das bei einer Solarkonstante von 1365 W/m2 hinbekommen.

Umsetzen mit Verstand - leider nicht so einfach

Randbedingungen sind dabei die Naturgesetze und auch die der Arithmetik. Manche Autoren bringen in der momentan emotionalisierten Debatte Kilogramm und Tonnen durcheinander oder verlieren drei Nullen beim Übergang von der deutschen zur englischen Billion. Auch Prozentrechnung darf man noch anwenden oder bedenken, ob es wirklich sinnvoll ist, wenn Deutschland die Deckung seiner Grundlasten sofort abschaltet und dann Atomstrom importiert, damit in den Krankenhäusern die Lichter nicht ausgehen. Es geht nicht um gute oder böse Kraftwerke, sondern darum, wie man den Übergang zu regenerativen Energien effizient und sicher gestaltet.

Durch Technologie und geeignete politische Lenkungsinstrumente könnte man einige Probleme der Welt in den Griff bekommen. Welcher vernünftige Mensch könnte zum Beispiel dagegen sein, dass Flugbenzin wenigstens gleich hoch wie Kfz-Kraftstoffe besteuert wird? Die Liste sachgerechter und konsensfähiger Vorschläge ließe sich sicher lange fortsetzen.

Leider kann man an dieser Stelle der schönen Vision den Kontakt mit der weltpolitischen Realität nicht ersparen. Wer soll solche Regeln global durchsetzen? Es gibt dazu keine Instanz, denn die Idee einer Staatengemeinschaft, die sich um den Planeten kümmert, ist im Moment leider tot. Die Vereinten Nationen wurden von der Supermacht USA in die Bedeutungslosigkeit gestoßen, gleichzeitig schert sie sich nicht um irgendwelche Regeln oder Verträge, von Menschenrechten ganz zu schweigen. Kann man von einem Imperium, das 700 Milliarden Dollar pro Jahr für Rüstung ausgibt, rationales Handeln für den Planeten erwarten? Wird der militärisch-industrielle Komplex irgendwann Bäume pflanzen?

Das Imperium und das System

Denkt man "radikal" in dem Sinne, Probleme an der Wurzel anzugehen, muss man neben der Zersplitterung der Welt in Nationalstaaten das letztlich regellose Weltwirtschaftssystem des Kapitalismus betrachten, der riesige Gewinne ermöglicht, aber die Kosten und Risiken komplett auf die Allgemeinheit und die Lebensgrundlagen des Planeten abgewälzt.

In besonderer Form wütet dieses System seit zwei Jahrzehnten mit einer entfesselten Geldvermehrung, welche die Verschwendung von natürlichen Ressourcen besonders befördert. Weil versäumt wurde, wichtige Bremsen wie eine Finanztransaktionssteuer einzubauen, wird das Finanzsystem irgendwann kollabieren - wahrscheinlich noch vor der Klimakatastrophe und hoffentlich ohne die Begleiterscheinung eines nuklearen Winters. Auch hier sind Visionen gefragt, die eines Tages diesen Irrsinn kontrolliert beenden können.

Ich war überzeugt, die drei wichtigsten Umweltprobleme seien Verlust der Biodiversität, Kollaps des Ökosystems und Klimawandel… Aber ich habe mich getäuscht. Die drei größten Probleme sind Egoismus, Gier und Apathie.

James G. Speth, World Resources Institute

Es ist ein Systemwechsel nötig, aber es ist trotzdem zu kurz gedacht, wenn man beklagt, die Mächtigen seien schuld (wer sonst?) und daher müssten die "Eliten" (wie genau definiert sich eigentlich dieser Begriff?) gestürzt werden, oder ohne die bösen gierigen Milliardäre gäbe es keinen Klimawandel. Neben Bill Gates, Warren Buffett und Elon Musk gibt es darunter viele Visionäre, die ihre Mittel durchaus zum Vorteil des Planeten einsetzen wollen und dies sogar schon tun. Auch hier hilft spalten nicht weiter, vielmehr könnte ein Einbeziehen der Vernünftigen unter den Reichen und Mächtigen die Kraft einer neuen Umweltbewegung vervielfachen.

Google, Amazon, Facebook oder auch Wikipedia haben in den letzten Jahrzehnten Machtpositionen aufgebaut, die zwar im Moment missbraucht werden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass ähnliches unter positiven Vorzeichen entsteht oder gar einer der Konzerne sich auch den Zukunftsfragen der Menschheit zuwendet.

Handeln, aber wie?

Das Problem ist übrigens auch nicht die "Übervölkerung" (vgl. hier), ein wie ich finde, gefährlicher Begriff. Wie soll man die Weltbevölkerung "reduzieren"? Das Problem ist die Verschwendung der Ressourcen.

Aber man kann die Weltrettung im Moment kaum von einer Gemeinschaft von 200 Nationalstaaten erwarten, die mit harten Bandagen um wirtschaftliche Vormachtstellung ringen und bis heute kalte und heiße Kriege um Rohstoffe führen. In so einer Welt ist es auch vielleicht ein bisschen naiv zu fordern, ein Staat möge unter Belastung seiner wirtschaftlichen Ressourcen "mit gutem Beispiel vorangehen".

Notwendig wären möglichst verbindliche internationale Vereinbarungen, die große Geduld bei Verhandlungen erfordern. Die Hoffnung auf deren Wirksamkeit ist aber im Moment nur bedingt realistisch, vor allem wenn man die bisher mageren Ergebnisse der Klimakonferenzen betrachtet. Wahrscheinlich leistet auf lange Sicht hier die Technik mehr als sie Politik.

Es ist verständlich, wenn sich bei vielen angesichts dieser Situation Ohnmachtsgefühle ausbreiten, die sich in Protesten und Demonstrationen äußern. Ein positiver Aspekt davon ist, dass das die Lebensgrundlagen der Menschheit zum Thema geworden sind. Man muss zugestehen, dass Greta Thunberg bzw. die dahinterstehende Kampagne dies erreicht hat.

Trotzdem darf man auch Vorbehalte gegenüber den Mitteln haben: Politisch Informierte sind verständlicherweise skeptisch, wenn mit den Emotionen einer 16-Jährigen Weltpolitik gemacht wird. Und doch handelt es sich hier nicht um einen verlogenen Krieg wie 1991. Es kann ja auch mal durchaus sein, dass eine geschickte Organisation samt gewissen medialen Manipulationstechniken für eine im Prinzip gute Sache eingesetzt wird. Muss man das verurteilen?

Für eine neue Umweltbewegung

Viel hängt davon ab, wie sich die Bewegung weiterentwickelt. Die Gefahr ist real, dass sie zu konfrontativ agiert und sich radikalisiert. Gewalt kann leicht entstehen oder auch absichtlich implantiert werden, was schnell zu einer Diskreditierung führt und dem ursprünglichen Anliegen nur schadet.

Versammlungen von Massen und die damit einhergehende Emotionalisierung können positive Impulse der Aufmerksamkeit erzeugen, zur rationalen Lösung von komplexen Aufgaben wie dem Klimawandel eignen sie sich nicht. Der Protest muss daher auch außerhalb der Straße transformieren in eine neue Umweltbewegung, die mit fundierter Sachkenntnis und Argumenten für konkrete Veränderungen wirbt.

Politisch bedeutet das Lenkungen, aber nicht unbedingt Verbote, die langsam durchzusetzen und selten gerecht sind, fast immer umgangen werden und die Gesellschaft weiter spalten. Stattdessen gilt es, ein Bewusstsein für die gemeinsame Verantwortung gegenüber dem Planeten zu entwickeln und dies durch Gespräche, Argumente, Ideen, Petitionen, Gesetzentwürfe, Gründung von Initiativen und Organisationen mit möglichst viel Konsens zu verbreiten. Die Lösungen müssen die pluralistische Gesellschaft respektieren, aber wenn sich dabei eine Kultur entwickelt, in der die Anschaffung einer bestimmten Fahrzeugklasse oder aufwändige touristische Sinnlosigkeiten als Mangel von Intelligenz oder Charakter gilt, schadet das nicht.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem findet sein mentales Spiegelbild in der derzeitigen Kultur des Konsumismus, die die Befriedigung von materiellen Bedürfnissen und den Konsum von Erlebnissen als Lebensinhalt ausweist. Es ist unklar, ob uns dafür künftige Zivilisationen Respekt erweisen.

Mehr als bei an jedem anderen Herausforderung, die die Menschheit betrifft, kann beim Klimaproblem der einzelne konkret zur Linderung beitragen: durch weniger verschwenderisches Konsum- und Verkehrsverhalten, Bewusstsein des eigenen ökologischen Fußabdrucks auf dem Planeten, ohne dass man dies als Beschränkung der freien Entfaltung der Persönlichkeit empfinden muss. Wenn es gelingt, die freiwillige und individuelle Anpassung der Lebensweise positiv zu besetzen und als weltweite Bewegung zu verbreiten, wäre das wahrscheinlich die schnellste und effektivste Methode, wie die Menschheit den ihr drohenden Gefahren begegnen kann.

Der Autor ist Physiker hält seit mehreren Jahren ein gymnasiales Oberstufenseminar zum Thema Gefahren für die Menschheit ab. Er ist Mitglied im Bund Naturschutz und war einmaliger Teilnehmer an einer Aktionswoche des Bergwaldprojektes e.V. Er hat keine Verbindungen zu Energieindustrien und hat sich um ausgewogene Informationen bemüht, kann sich aber auch irren. Sachliche Beiträge im Forum sind daher sehr geschätzt. Die verlinkten Quellen vertreten nicht notwendig seine Einschätzung. Er ist ebenfalls Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Sachbücher. Sein Buch "Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur - Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten" erschien im März 2019 im Westend-Verlag.

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