Wegen "antisemitischer Ausfälle": Auftrittsverbote für den Komiker Dieudonné

Frankreich: 74 Prozent der Bevölkerung halten laut Umfrage die Reaktion der Regierung für falsch. Ein Blick auf Hintergründe der Affäre

Nun hat er es schriftlich, in dreifacher Ausfertigung. Der französische Komiker und Schauspieler Dieudonné - sein Vorname dient ihm zugleich als Künstlername - hat infolge antisemitischer Ausfälle jetzt Auftrittsverbot an mehreren Orten. Am vergangenen Donnerstag untersagte ihm der Conseil d’Etat, das oberste Verwaltungsgericht in Frankreich, einen Bühnenauftritt in Nantes. Am Freitag bestätigte es ein erstinstanzliches Verbot in Tours. Und in der Nacht zum heutigen Samstag kündigte der Pariser Polizeipräsident an, auch drei geplante Aufführungen im von Dieudonné selbst betriebenen Theater, dem Pariser Théâtre de la Main d’Or, zu untersagen.

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Ihm bleibt nun nur noch der Gang zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg/Straßburg, um gegen eine behauptete Verletzung der künstlerischen Freiheit zu klagen. Ob er damit durchkommt, ist eine andere Frage. Journalisten, die das mit Aufführungsverbot belegte neue Theaterstück Dieudonnés - es heißt "Die Mauer" - sehen konnten, behaupten, ziehe man "Antisemitismus und Homophobie" ab, bleibe "nicht viel übrig" .

Obsession und Obszönität

Der Titel deutet an, dass es auch in dem Stück um Themen geht, in denen sich Dieudonné seit Jahren auf eine obsessive und von jeder rationalen Grundlage gelöste Weise beschäftigt. Also Juden, Israel und die angebliche "Macht des Zionismus" auch in Frankreich. Es endet auf das inzwischen bei ihm unvermeidlich gewordene Lied "Shoananas". Dabei handelt sich um eine Verballhornung des Ausdrucks "Shoah", wobei der Songtitel unter Anlehnung an einen Hit früherer Jahre, Chaud cacao von Annie Cordy, ausgewählt wurde. In manchen Clips sieht man orthodoxe Juden dazu tanzen und homosexuelle Handlungen vornehmen.

Der Text enthält Passagen wie: "Du hältst mich durch die Shoah fest, ich halte Dich an der Ananas fest". Sein Hauptgegenstand ist die Behauptung, jüdische Kreise erpressten durch die Berufung auf den Holocaust Geld. Dazu heißt es unter anderem, mit gespieltem Akzent:

Ananas, mein Liebling, ich werde Dich nie vergessen! Und für alles, was Du erlitten hast, verlangen wir Reparation. Auf dass man Dir ein Land unter der Sonne gebe und Millionen Dollar. Für die Millionen Ananas, die in ihrem Saft deportiert wurden, und für die Millionen Ananas, die ohne Familie zurückblieben.

Unter anderem für diese obszön zu nennende Liedpassage wurde er übrigens im November 2012 zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt, wegen des Straftatbestands der "Aufstachelung zum Rassenhass".

Zu dem Zeitpunkt war dem Mann das egal, weil er bis vor kurzem seine Geldstrafen ohnehin nicht zahlte, sondern seine vorgebliche Insolvenz organisierte. Der Mann ist de facto Eigentümer einer Yacht und eines Riesengrundstücks mit Landsitz, aber formell gehört alles nicht ihm, sondern Familienmitgliedern. Die Regierung möchte das nun dringend ändern, und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verdachts auf Geldwäsche, weil Dieudonné zudem 400.000 Euro in Kamerun parkte.

Knödel im Hirn...?

Wenn man also Anhänger Dieudonnés heutzutage des Öfteren mit Ananasfrüchten wedeln sieht, dann muss klar sein, auf welche Inhalte sich dieses Symbol ursprünglich bezieht. Auch wenn es vordergründig nach einer komischen Inszenierung aussieht, hat der Bezug doch einen - wenn man es so ausdrücken will - ernsten Hintergrund.

Die Dieudonné-Anhänger haben noch ein zweites Erkennungsmerkmal, den so genannten "salut de la quenelle" oder "Knödel-Gruß" (vgl. Ärger mit Rumpelstilzchen Dieudonné). Er wird mit weit oben an der Schulter abgewinkeltem Arm entboten, wobei die entgegengesetzte Hand am Schulteransatz angelehnt wird.

Die Geste geht ursprünglich darauf zurück, dass Dieudonné sie in einem Sketch im Jahr 2005 vorführte und behauptete, er sei "ein Knödel im System", also eine Art überdimensioniertes Sandkorn im Getriebe. Bekannt wurde sie seit 2009, als Dieudonné zu den Europaparlamentswahlen kandidierte und den Gruß auf Plakate aufdrucken ließ. Es ist zwar eine Falschinformation, wenn aktuell die Behauptung kursiert, es handele sich lediglich um einen abgewandelten Hitlergruß: Die tatsächliche Bedeutung ist die einer Variante des "Stinkefingers", mit welcher man andeutet, dass man einem imaginären Gegenüber einen Knödel in den Hintern schiebt.

Viele der Prominenten und Nichtprominenten, die den "Knödelgruß" zeigen, sehen darin auf diffuse Art und Weise eine irgendwie geartete Herausforderung an die Reichen und Mächtigen. Auch wenn manche der vorgeblichen "Rebellen", die ihn praktizieren, durchaus selbst schwerreich sein können wie der Fußballspieler und Millionär Nicolas Anelka. Unzweideutig antisemitische Konnotationen hat die Geste jedoch aufgrund der Orte, an denen sie mitunter durchgeführt und fotographisch festgehalten wird. So spricht diese Bildstrecke absolut für sich.

"Schade, dass man ihn nicht vergast hat..."

Die aktuelle Eskalation rund um Dieudonné, die den sozialdemokratischen Innenminister Manuel Valls persönlich auf den Plan treten sah - er erklärte den Kampf gegen Auftritte Dieudonnés in den vergangenen Tagen zur Chefsache -, wurde durch einen Ausspruch Dieudonnés vom vergangenen Dezember ausgelöst.

Am 19. Dezember 2013 wurde bekannt, dass der unter seinem Vornamen als Künstlernamen bekannt gewordene Theatermacher "Dieudonné" bei einer Aufführung über den prominenten Radiojournalisten Patrick Cohen äußerte:

Wenn der Wind sich dreht, weiß ich nicht, ob er genug Zeit haben wird, um die Koffer zu packen. (…) Wenn ich ihn reden höre, Patrick Cohen, siehst Du, dann sage ich mir: Die Gaskammern... Schade..."

Das Publikum sollte den Satz wohl für sich ergänzen. Die Rundfunkanstalt Radio France erstattete daraufhin Strafanzeige gegen den wirklich nicht mehr lustigen, vorgeblichen Komiker. Sein Anwalt Jacques Verdier behauptet jedoch, man müsse "den Kontext sehen: ein Spektakel, wo die Leute lachen", und dazu gehöre auch "Überzogenes, Ungeheuerliches oder Absurdes". Antisemitismus liege seinem Mandanten angeblich fern. Letzterer wurde allerdings seit 2006 insgesamt sechs Mal in Frankreich und ein Mal in Kanada wegen antisemitisch motivierter Aussprüche verurteilt.

Aber wie kam es dazu, dass Dieudonné M’bala M’bala, wie er mit vollem bürgerlichem Namen heißt, derart abdrehen und sich im Laufe der Jahre in einen gegen Juden gerichteten Hass hineinsteigern konnte?

Der Künstler, dem Freund und Feind eine echte schauspielerische und humoristische Begabung nachsagten, war nicht immer als Rassist oder Antisemit verschrien. Im Gegenteil. Anfänglich stand er eher für gegenteilige Werte. In den neunziger Jahren trat er noch im Duo mit dem jüdischstämmigen Schauspieler Elie Semoun auf - der sich 2012 erstmals scharf von ihm distanzierte. Und zwar mit den Worten, "der Dieudonné, den ich kannte, und der heutige" seien "zwei total verschiedene Personen".

Damals jedoch - also vor zwanzig Jahren - verstanden es beide zusammen, einen Humor zu praktizieren, der bisweilen spitz war, aber nie verletzte. Gemeinsam nahmen sie bestimmte Verhaltensweisen, die man in bestimmten Bevölkerungsgruppen gehäuft anzutreffen glaubt, humorvoll auf die Schippe. Aber stets ohne Gehässigkeit und Ausgrenzung, und indem sie "nach allen Seiten austeilten".

Aufwartung bei Ahmedinedjad

Auf diese Vorgeschichte beruft sich Dieudonné auch heute noch gerne. Doch er instrumentalisiert das Argument dazu, um zu sagen, die Juden hätten doch definitiv keinen Humor und sollten sich mal nicht so anstellen, sie würden ja nicht allein von ihm angegriffen. Nur sind Dieudonnés Attacken in den letzten Jahren längst über das damalige Stadium - als es ihm und Semoun zusammen noch zum Satire ging - hinausgewachsen. Und längst macht er sich auch nicht mehr beispielsweise über muslimische Fundamentalisten lustig.

Es wäre ihm vielleicht auch nicht gut bekommen, suchte er doch persönlich im November 2009 den damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmedinedjad in Teheran auf. Dort hat man in Regierungskreisen einen eigenen Sinn für Humor. So bezahlte das iranische Regime in der Amtszeit Ahmedinedjads Anteile an den Kosten eines Films von Dieudonné. Dessen Titel lautet L’Antisémite, und natürlich will Dieudonné es einmal mehr nur satirisch und sarkastisch gemeint haben. Natürlich, natürlich.