Wegen eines verpassten Fluges mit dem Schnürsenkel erhängt?

Zweifel am Selbstmord der IWPR-Irakchefin Jackie Sutton

Gestern wurde bekannt, dass Jackie Sutton, die kommissarische Leiterin der irakischen Sektion des Londoner Institute for War and Peace Reporting (IWPR), am Istanbuler Atatürk-Flughafen unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Hürriyet zufolge wurde sie am Samstag von drei Russinnen tot auf der Toilette des Flughafens entdeckt. Angeblich soll sie sich die aus London kommende Fünfzigjährige mit den eigenen Schnürsenkeln erhängt haben, nachdem sie einen Anschlussflug nach Erbil verpasste und meinte, sie habe kein Geld für ein neues Ticket.

Zahlreiche Bekannte der Doktorandin und Lehrbeauftragten am Centre for Arab and Islamic Studies an der Australian National University (ANU) zweifeln das an. Über Twitter und über britische Medien haben sie die türkischen Behörden dazu aufgefordert, die Aufnahmen der Überwachungskameras am Flughafen herauszugeben, von denen türkische Medien angebliche Screenshots veröffentlichten. Dem Eindruck ihrer Bekannten nach dürfte die Engländerin nicht nur über die wahrscheinlich niedrige dreistellige Summe verfügt haben, die ein Weiterflug gekostet hätte - sie machte auf sie kurz vor ihrem Tod auch einen tatkräftigen und keineswegs deprimierten Eindruck.

Dieser Screenshot aus einer Überwachungsaufnahme soll Jackie Sutton zeigen

Hinzu kommt, dass sich Sutton durch ihre Arbeit für das IWPR (das Journalisten in Krisengebieten unterstützt) und ihre zahlreichen längeren Aufenthalte in Gegenden wie Afghanistan und dem nordirakischen Kurdengebiet potenziell Feinde gemacht haben könnte. Ammar al-Shahbander, ihr Vorgänger beim IWPR war im Mai in Bagdad durch eine Autobombe ums Leben gekommen. Allerdings ist nicht klar, ob der Anschlag, bei dem 17 weitere Menschen ums Leben kamen, speziell ihm galt oder lediglich Terror verbreiten sollte. Sutton selbst wurde in Eritrea als Spionin inhaftiert, was ihrer eigenen Einschätzung nach eine posttraumatische Belastungsstörung hinterließ, wegen denen sie Antidepressiva verschrieben bekam, die sie nach einem Monat wegen "seltsamer Nebenwirkungen" wieder absetzte.

Aktuell hatte die ehemalige Journalistin offenbar Angst vor der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), mit deren Propaganda sie sich beschäftigte, und vor der "Wachstumsbranche" Lösegelderpresser. In einer Email aus dem Juni schreibt sie Amanda Whitley vom Onlinemagazine Her Canberra, dass sie die ihr zur Verfügung gestellte Unterkunft in Erbil verlassen habe, weil diese keine Flucht erlaubt hätte, wenn jemand gekommen wäre, um sie zu töten. Nun habe sie bewaffnete Wachen, die IS-Attentäter oder Entführer zwar nicht hundertprozentig von einer Attacke abhielten, es ihnen aber schwerer machen würden.

Die Kurdenaktivistin Amy Beam hegt den Verdacht, dass türkische Sicherheitskräfte Suttons Tod mit verantwortet und vertuscht haben könnten: Ihren Angaben zufolge wurde sie im Dezember 2014 als politisch unliebsame Person herausgewunken und so lange festgehalten, bis der Anschlussflug weg war. Das dann nötige neue Flugticket habe sie aus eigener Tasche bezahlen müssen. Außerdem sagte man ihr nach Protesten, man würde sie einsperren, wenn sie sich nicht benehme.

Beam kann sich vorstellen, dass sich die allgemein als "tough" beschriebene Sutton in einer ähnlichen Situation nicht "benahm" und dass es deshalb zu einer körperlichen Auseinandersetzung kam, bei der ihr - wahrscheinlich ohne Tötungsabsicht - die Luft abgedrückt oder das Genick gebrochen wurde. Auch sie hat die türkische Regierung dazu aufgefordert, alle Überwachungsaufnahmen, auf denen die Verstorbene zu sehen ist, umgehend zu veröffentlichen.

Das britische Außenministerium hält sich bislang zu Fragen dazu, ob und wie es den Fall untersuchen wird, bedeckt. Bislang bestätigt es lediglich den Tod einer britischen Staatsbürgerin in Istanbul, ohne den Namen zu nennen. (Peter Mühlbauer)

Anzeige