Weggeworfenes Handy führte die Polizei zu einem Terrorunterschlupf

Geheimdienste verlangen nach Paris wieder einmal Verbot von Verschlüsselung

Ob die Wohnung, die heute morgen in St. Denis in der Nähe des Stade de France gestürmt wurde, weil die französische Polizei dort zunächst den mutmaßlichen Drahtzieher Abdel Hamid Abaaoud vermutete, auch aufgrund der Auswertung der Daten von einem Handy gefunden wurde, ist nicht bekannt. Diese führten die Polizei zu zwei von dem weiter untergetauchten Salah Abdeslam über Booking.com gemieteten Hotelzimmern in Alfortville. Das Handy hatte man in einem Abfalleimer in der Nähe der Konzerthalle Bataclan gefunden. Vermutlich hatte es einer der Terroristen noch vor Beginn des geplanten Massakers weggeworfen, um seine Kommunikationsspuren zu verwischen.

Der Terrorist hatte nicht einmal die Daten auf dem Handy gelöscht, ebenso wie in einem von den Terroristen benutzten Fahrzeug die GPS-Daten des Navigigationsgeräts zu einer von Ibrahim Abdeslam angemieteten Wohnung in Bobigny führten. Neben einem Plan von Bataclan fand man auf dem Handy eine Botschaft von Freitag, 21:42, nach der man nun zuschlagen wollte: "On est parti on commence." Aufgrund von Lokalisierungsdaten wurde das Hotel gefunden, von dem die SMS geschickt wurde. In dem Appartement-Hotel sollen die Terroristen die Sprengwesten gebaut haben. Gefunden wurden allerdings keine Sprengstoffspuren. 6 der Terroristen sollen sich vor den Anschlägen hier aufgehalten haben.

Überdies soll das Telefon die Ermittler auf die Spur der Wohnung in St. Denis gebracht haben, die von der Polizei heute gestürmt wurde. Die Polizei vermutete, dass sich dort der mutmaßliche Drahtzieher der Zelle, Abdelhamid Abaaoud, aufgehalten haben könnte. Bei der Erstürmung sprengte sich eine Frau in die Luft, ein Mann wurde getötet, festgenommen wurden 7 Personen, allerdings sind darunter weder Abaaoud noch Salah Abdeslam.

Vermutet wird in interessierten Sicherheitskreisen, dass die Terroristen einen Ende zu-Ende verschlüsselten Dienst wie iMessage oder WhatsUp verwendet haben könnten. Sicher ist dies allerdings nicht. Ob die Verschlüsselung etwa bei WhatsUp wirklich immer funktioniert und tatsächlich sicher ist, daran hat Fabian A. Scherschel nach einer ausführlichen Analyse Zweifel geäußert.

EX-CIA-Chef Brennan hatte jedenfalls die Pariser Anschläge genutzt, um wieder einmal auf die Gefahren hinzuweisen, die von der Verschlüsselung ausgehen, weil sie die Geheimdienste blind machen würden. In einem Vortrag vor der CSIS am 16. November lieferte der CIA-Chef ansonsten nur allgemein vermutete Ursachen für die Entstehung des Terrorismus und die wachsende Instabilität, um zuletzt darauf hinzuweisen, dass vom Cyberspace eine immer größere Gefahr ausgehe, da die Zahl der Cyberangriffe weiter zunehmen und raffinierter würden.

Jetzt habe man es mit einer "neuen digitalen Front" zu tun, weswegen die CIA auch eine neue Abteilung der "digitalen Innovation" aufgebaut habe. Brennan versicherte, man habe gewusst, dass solche Anschläge wie in Paris geplant würden, er sagte allerdings nicht, dass die Geheimdienste Hinweise auf diesen konkreten Anschlag hatten.

Allgemein, so warf er europäischen Ländern vor, würde dort die Wichtigkeit der Geheimdienste und ihrer Arbeit nicht richtig verstanden, weswegen Sicherheitslöcher nicht geschlossen werden, die die Terroristen ausnützen können. Andere wie Großbritannien lobte er, weil Regierungschef Cameron ankündigte, an die 2.000 neue Stellen in den Geheimdiensten zu schaffen. Zudem will die britische Regierung ein Gesetz durchsetzen, um Anbieter zu zwingen, den Sicherheitsbehörden Kommunikation zu entschlüsseln.

Vor allem aber wies er darauf hin, dass sich die Möglichkeiten "diese Personen zu beobachten und zu überwachen" verschlechtern. Eine "Reihe dieser Akteure und Terrornetzwerke" hätten gelernt, ihre Aktivitäten vor den Behörden zu verbergen: "Es gibt viele technische Möglichkeiten, die ganz einfach zur Verfügung stehen und die es außergewöhnlich technisch und rechtlich schwierig für Geheimdienste machen, die Einsicht zu erlangen, die sie benötigen, um sie aufzudecken". Die Anschläge sieht er als "Weckruf vor allem für Teile Europas".

Der Weckruf kommt just zu dem Zeitpunkt, zu dem der deutsche Bundesinnenminister Thomas De Maizière mit Vertretern von IT-Konzernen eine "Charta zur Stärkung der vertrauenswürdigen Kommunikation" unterzeichnet hat, die zum IT-Gipfel vorgestellt werden soll, wie heise online erfahren hat. Darin heißt es, Deutschland solle zum "Verschlüsselungs-Standort Nr. 1 auf der Welt" werden, heißt es in dem Papier: "Wir stärken vertrauenswürdige Kommunikation insbesondere durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung."

Die US-Geheimdienste laufen schon seit 2014 Sturm, nachdem auch US-Konzerne wie Google und Apple nach den Snwoden-Enthüllungen über die ausufernde Überwachungstätigkeit Verschlüsselung der Handy-Kommunikation einführten. FBI-Chef James Comey warnte, dass dann Terroristen, Kinderschänder und andere Verbrecher nicht mehr gefasst werden könnten. Auch die CIA hatte immer mal wieder gewarnt, dass die Terroristen für die Geheimdienste ins "Dunkle" geraten und nicht mehr gesehen werden könnten.

Die Geheimdienste und die Polizei verlangen wenn nicht schon ein Verbot der Verschlüsselung, dass immer wieder seit Jahren gefordert wird, so doch zumindest Hintertüren. Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats, Richard Burr, und die demokratische Senatorin Dianne Feinstein machten sich die Ansichten von Brennan zu eigen und erklärten, sie würden einen Gesetzesvorschlag einführen, damit die Geheimdienste auf Kommunikation zugreifen könnten. Auch sie sprechen von einem Weckruf.

Dabei musste Burr einräumen, dass noch gar nicht klar ist, ob die Terroristen von Paris tatsächlich verschlüsselt kommuniziert haben. Man müsse davon ausgehen, so der Senator nebulös, dass sie wahrscheinlich Verschlüsselung nutzen, weil man keine direkte Kommunikation aufgegriffen habe. Das Weiße Haus hatte allerdings gesagt, dass man eine Gesetzgebung zum Verbot der Verschlüsselung nicht unterstützen werde.

Das würde nicht nur die Sicherheit des Internet und aller Transaktionen gefährden, sondern auch die Geschäftsgrundlage der US-IT-Konzerne. Macht nichts, sagte jetzt Burr, man sei nicht dafür verantwortlich, das Geschäft der Konzerne zu sichern, sondern man sei verantwortlich für die Sicherheit Amerikas: "Und wenn das bedeutet, dass die Geschäftsmodelle geändert werden müsse, dann ist dies so."

Absurd ist die Diskussion allerdings schon. Gerade wenn es gegen Terroristen geht, die Anschläge planen, bei denen sie ihr Leben ins Spiel bringen oder einsetzen, dann dürften die sich kaum davon abschrecken lassen, wegen der Verwendung verbotener Verschlüsselung bestraft zu werden. Dafür würden aber weite Bereiche des Internet noch unsicherer werden, weil nicht nur Sicherheitsbehörden und Geheimdienste auf unverschlüsselte Kommunikation zugreifen könnten.

Man würde damit wohl nicht für mehr, sondern für weniger Sicherheit sorgen und der Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Zumal Verschlüsselung sowieso nur die Inhalte einer Kommunikation betrifft. Die Verbindungsdaten können ja auch jetzt abgegriffen werden, und sie erschließen eine ganze Menge, worauf auch Edward Snowden bereits hingewiesen hat.

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